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Vielerorts haben improvisierte Restaurant-Terrassen Parkplätze verdrängt. Manche Wirte wollen den neu gewonnenen Platz nicht wieder aufgegeben, auch um die Abstandsregeln einhalten zu können. Doch was passiert, wenn der Sommer vorbei ist?

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Freischankflächen statt Parkplätze: Wie geht es weiter?

In Städten wie München haben improvisierte Restaurant-Terrassen Parkplätze verdrängt. Manche Wirte wollen den neu gewonnenen Platz beibehalten, auch um die Abstandsregeln gewährleisten zu können. Die Debatte, wie es weitergeht, hat schon begonnen.

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Von
  • Christoph Arnowski

Ein Zaun aus einfachen Holzpaletten schirmt die zwei Minibiertische vom Verkehr ab. Es gibt schönere Plätze für ein Weißbier, als den in der Theaterklause in der Münchner Klenzestraße. Doch die Gäste scheinen sich nicht daran zu stören, dass sie auf der Straße sitzen, und direkt neben ihnen Autos vorbeifahren und parken.

Ein Platz in den neu geschaffenen Freischankflächen ist heiß begehrt, auch ein paar Meter weiter direkt am Gärtnerplatz. "Ich finde die Lebensqualität hat zugenommen, und es ist schön, es lockert das Ganze bisschen auf. Mir gefällt's", sagt Jennifer Göldner beim Cappuccino auf der Parkplatzterrasse. Dass ab und an der Bus nur einen halben Meter entfernt von ihr vorbei fährt, stört sie und ihre Begleiterin Anke Weiß nicht: "Das finde ich nicht dramatisch, das passt schon."

Unbürokratische Genehmigungsverfahren

Fast 4.500 Sitzplätze haben die Münchner Wirte in den vergangenen Wochen auf Parkplätzen vor ihren Lokalen eingerichtet. Und dabei mit dem Kreisverwaltungsreferat eine ganz neue Erfahrung gemacht. Die Behörde kann auch schnell und unbürokratisch entscheiden, erzählt Antonio Barbagiovanni, der Wirt vom "Vieni da Me" in der Münchner Innenstadt. Statt vier hat sein kleines Ristorante jetzt acht Tische im Freien. "Das war überhaupt nicht kompliziert. Ich habe die Bezirksinspektion gefragt und die haben das sofort genehmigt."

Nicht alle Wirte profitieren

Rina Novello vom La Fiera im Westend hat nicht so gute Erfahrungen gemacht. Weil an ihrem Lokal direkt ein Radweg vorbeiführt, hat die Genehmigungsbehörde wie in etwa 60 anderen Fällen auch ihren Antrag abgelehnt. Dabei hätte die Stadt auch den Radweg sperren können. Die meisten Radler fahren hier ohnehin auf der Heimeranstraße, einer 30er-Zone, die viel mehr Platz bietet als der schmale Radweg am Rand des Bürgersteigs, meint Novello. "Wenn meine Tische auf dem Gehsteig voll sind, muss ich Gäste wegschicken, dieses Geld fehlt mir", sagt Novello, die hofft, dass die Behörde den Bescheid noch einmal ändert.

Viel Zustimmung für Pasta und Pinot Grigio auf dem Parkplatz

Die meisten Wirte in München sind aber zufrieden. Und auch die grüne Bürgermeisterin Katrin Habenschaden ist begeistert, wie eine einfache Verwaltungsmaßnahme die Stadt verändert hat. "Wir haben jetzt 530 sogenannte Schanigärten über das ganze Stadtgebiet verteilt und damit wirklich eine Möglichkeit geschaffen, hier in München italienisches Flair erleben zu können", so Habenschaden.

Beschwerden über den dadurch bedingten Wegfall von fast 1.000 Parkplätzen gebe es kaum. Der Autofahrer-Club "Mobil in Deutschland", der sonst keinen Spaß versteht, wenn die Stadt Politik zu Lasten seiner Klientel macht, findet die Parkplatzgastronomie ebenfalls eine gute Sache, wie Präsident Michael Haberland betont: "Wir müssen ja aus dieser Coronaflaute wieder rauskommen und deswegen ist es temporär eine wirklich schöne Einrichtung, was die Gastronomie schöner macht, was die Stadt attraktiver macht. Wenn die Leute wieder rausgehen können, sich im Freien draußen hinsetzen, ist es immer besser als in geschlossenen Räumen, dementsprechend halten auch wir es für eine durchaus sinnvolle und schöne Einrichtung."

Wichtig für die Wirte

Die neuen gewonnen Sitzplätze im Freien helfen den Wirten, das während des Shutdowns ausgefallene Geschäft ein bisschen nachzuholen und jetzt die Abstandsregelung ohne große Umsatzeinbußen einzuhalten. Zu den fast 4.500 Sitzplätzen auf Parkplätzen kommen noch einmal rund 3.700 zusätzlich genehmigte im Fußgängerbereich dazu. Das helfe den Wirten, sagt Christian Schottenhamel, der Münchner Chef des Hotel- und Gaststättenverbandes: "Das ist ein großer wichtiger Bestandteil, dass wir wirtschaftlich überleben können und deswegen hoffen wir natürlich auch, dass der Sommer lange, lange, lange bleibt. Und ich hoffe auch, dass das nächstes Jahr wieder im Stadtrat wohlwollend beurteilt wird."

Genehmigungsdauer umstritten: Stadtrat entscheidet im Herbst

Einige Wirte wollen die Parkplatzgastronomie auch im Winter betreiben. Die grüne Bürgermeisterin Habenschaden steht dem Anliegen offen positiv gegenüber, eine solche Regelung passt der rotgrünen Stadtregierung ins Konzept.

"Insgesamt haben wir uns im Koalitionsvertrag als Ziel die autofreie beziehungsweise autoarme Altstadt vorgenommen", so Habenschaden, "ich finde, es ist eine gute Idee, wenn wir mit guten und schönen Maßnahmen zeigen, wie viel mehr an Lebensqualität das für die Münchnerinnen und Münchner bieten kann."

"Mobil in Deutschland"-Präsident Haberland tritt da auf die Bremse - den Wegfall der vielen Parkplätze im Winter will er nicht hinnehmen, weil das zu noch mehr Parksuchverkehr führe. "Wenn es im November null Grad hat oder weniger, sitzt man nicht draußen, wenn es regnet oder schneit im Dezember, sitzt man nicht draußen, das ist natürlich Unsinn." Nach den unbeschwerten Sommertagen in den Schanigärten könnte es also schon bald eine kontroverse Diskussion darüber geben, wie künftig der öffentliche Raum in München aufgeteilt werden soll. Noch im Herbst muss der Stadtrat entscheiden, ob die Parkplatzgastronomie auch im Winter fortgeführt werden darf.

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