BR24 Logo
BR24 Logo
BR24 - Hier ist Bayern
Zwei Hunde an der Leine

Leinenpflicht im Wald gefordert

Bildrechte: BR
58
Per Mail sharen
  • Artikel mit Video-Inhalten

Freilaufende Hunde gefährden Wild und Wald

Freilaufende Hunde können in der kalten Jahreszeit zur Gefahr für Hasen, Vögel und Rehe werden. Sie schrecken die Tiere abseits der Wege in der Winterruhe auf. Das kann dramatische Folgen für die Wildtiere, aber auch für den Wald haben.

Von
Uschi  SchmidtUschi SchmidtJulia HofmannJulia Hofmann
58
Per Mail sharen

Hundehalter, die mit ihren nicht angeleinten Vierbeinern eine Gassirunde durch den Wald drehen, wissen oft nicht, welcher Gefahr sie die Wildtiere aussetzen. Je nach Jagd- oder Beutetrieb streifen die Hunde nämlich durch das Unterholz und schrecken die Wildtiere auf, erklärt Jens Meyer, Revierjäger im mittelfränkischen Abenberg.

Urangst vor dem Wolf

Meyer beschreibt die Urangst vor dem domestizierten Nachkommen des Wolfs so: "Für das Wildtier, das hier im Wald im Ruhebett liegt und ruht, um Energie zu sparen, ist ein freilaufender Hund ungefähr so, als wenn Sie auf dem Sofa liegen und Ihnen plötzlich eine Spinne übers Gesicht läuft!"

Gut zwei Drittel der freilaufenden Hunde könnten gar nicht anders, erklärt Meyer. Sie folgten ihrem Jagd-, Spiel- und Beutetrieb und schrecken mit ihrem instinktiven Verhalten die Tiere aus ihrer Ruhephase auf.

Hetzjagd mit Folgen

Oft folgt eine über hunderte Meter anhaltende Hetzjagd, die den Wildtieren plötzliche Höchstleistung abverlangt. Fällt der Hund das Tier an, fügt er ihm oft schwere Verletzungen zu, an denen das Wild meist qualvoll verendet. Außerdem kommt es in der Folge solcher Verfolgungsjagden häufig zu Wildunfällen auf den Straßen, so der 46-jährige Jäger. Die Fluchttiere suchten nach einer Möglichkeit, zu entkommen, laufen auf die Straße und werden dort möglicherweise von einem Auto erfasst. Das könne auch lebensgefährlich für Menschen sein.

Jungtiere verhungern

Manche Hunde wollen die Wildtiere gar nicht verletzen. Ihnen liegt das Apportieren im Blut, so Jens Meyer. Diese Vierbeiner nähmen etwa Junghasen oder Kitze ins Maul und brächten sie ihrem Rudelführer, also ihrem Hundehalter. Auch das bedeutet zwangsläufig das Todesurteil für die apportierten Wildtiere. Diese Tiere flüchten wieder in ihr Versteck, an den Platz an dem das Muttertier sie zurückgelassen habe. Das Muttertier nimmt das Jungtier nicht mehr an, weil es nach Wolf, also in diesem Fall nach Hund riecht, erklärt der Abenberger. Die Folge: Die Jungtiere verhungern.

"Leere Akkus" bei Wildtieren

Lässt der freilaufende Vierbeiner nach einem kurzen Sprint von dem erschnupperten Wildtier ab, kann dies dennoch ernsthafte Folgen für den Wald haben, so Isabel Koch, vom Landesjagdverband Bayern. Rehe, Hasen und andere Wildtiere halten zwar keinen Winterschlaf, ruhen aber viele Stunden des Tages im Wald und reduzieren ihren Stoffwechsel auf ein Minimum, so Koch auf Anfrage des BR. Auch das Magenvolumen der Tiere reduziert sich im Winter. So passen sich die Tiere an die vegetationsarme Zeit im Winter an. Der "Akku" sei also kleiner, der Aufwand Energiereserven aufzufüllen aber ungleich höher als im Sommer.

Schwere Futtersuche

Zugefrorene Böden erschweren die Futtersuche für Wildtiere. Die Folgen einer durch freilaufende Hunde verursachte Flucht: Die Terminal-Triebe kleiner Bäume, also der Trieb, der den Baum in die Höhe wachsen lässt, liefere die meiste Energie und wird dann von den entkräfteten Wildtieren abgefressen, um den Akku wieder aufzuladen. Das stört den nachwachsenden Wald empfindlich. Der auch dadurch verursachte sogenannte Wildverbiss im Winter sei eine direkte Folge von Unkenntnis und Unachtsamkeit der Hundehalter.

Wilderei ist eine Straftat

Wenn der Hund gezielt auf Wild losgelassen wird, erfüllt das Reißen eines Stück Wildes durch den Hund den Tatbestand der Wilderei, warnt der Landesjagdverband Bayern. Geschieht dies durch Fahrlässigkeit oder dadurch, dass der Halter beispielsweise keinen Einfluss mehr auf den Hund hat, ist der Hundehalter trotzdem dafür haftbar und auch schadenersatzpflichtig.

Geschieht es trotz aller Vorsichtsmaßnahmen dennoch, dass ein Hund in Anwesenheit des Halters ein Wildtier verletzt, muss der Halter dies aus tierschutzrechtlichen Gründen umgehend bei der Polizei melden, damit diese den örtlichen Jäger verständigen kann. Der kann gegebenenfalls das Tier umgehend von seinen Leiden erlösen. Generell sollte jeder Fund von verunfalltem oder verletztem Wild dem örtlichen Jäger oder aber der Polizei angezeigt werden, wenn der Jäger nicht bekannt ist. Dies geschehe leider nur äußerst selten, so Jens Meyer. Bei seinen Runden durch sein Revier fände er regelmäßig verletzte und qualvoll verendete Tiere.

Zeitlich begrenzte Leinenpflicht in Bayern gefordert

Der Abenberger Jäger Jens Meyer versteht sich als Anwalt der Wildtiere und fordert eine zumindest zeitlich begrenzte generelle Leinenpflicht für Hunde auch im Wald. Vom Winter bis zum Frühsommer seien die Wildtiere durch freilaufende Vierbeiner am meisten gefährdet. Zum einen könnten mit Hilfe der Leinenpflicht Rehe, Hasen und Bodenbrüter weitestgehend ungestört durch die vegetationsarme Zeit kommen. Zum anderen beginne im Frühjahr die sogenannte Setzzeit – also die Zeit, in der Jungtiere zur Welt kommen, so Meyer. Auch diese erste Aufzuchtphase sei für die Wildtiere für die Sicherung des Bestands immens wichtig. In anderen Bundesländern gilt bereits eine Leinenpflicht im Wald.

Wildtiere im Winter nahezu unsichtbar – für den Menschen

Meyer unterstellt keinem Hundehalter eine böse Absicht, bei der Gassirunde den Hund von der Leine zu lassen. Die Hundehalter handelten in bester Absicht für ihren Vierbeiner. Doch nur, weil wir Menschen Rehe und Hasen im Winter kaum zu Gesicht bekommen, heißt das nicht, dass Hunde diese nicht wittern, so Meyer. Während Menschen einen Sichtradius von etwa 30 oder 40 Metern hätten, stünde einem Hund durch seine empfindliche Nase die Fläche eines Fußballfeldes zur Verfügung. Das führe oft zum plötzlichen Verschwinden der Hunde tief in den Wald hinein. Viele reagierten dann nicht mehr auf die Rufe ihres Halters und tauchten dann hunderte Meter entfernt erst wieder auf. Eine lange Schleppleine etwa berücksichtige das Bewegungs- und Schnupper-Bedürfnis der Hunde und schütze zudem auch vor unangenehmen Konfrontationen mit anderen Hunden oder Radfahrern im Wald, erklärt der Jäger, der selbst einen Hund hält.

Freilaufende Hunde gefährden Wild und Wald

Bildrechte: BR

"Hier ist Bayern": Der BR24 Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht’s zur Anmeldung!

Sendung

BR24

Schlagwörter