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Nach Rüge: Sexistisches Plakat in Altötting hängt trotzdem | BR24

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Sexismus im Alltag ist seit der Me-Too-Debatte ein Thema, das viele dazu sensibilisiert hat, hinzusehen und zwar überall im Alltag. Gerade erregt ein bestimmtes Plakat eines niederbayerischen Unternehmens aus Massing im Landkreis Rottal-Inn Aufsehen.

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Nach Rüge: Sexistisches Plakat in Altötting hängt trotzdem

Diskutiert wird die Kombination von Text und leichtbekleideter Frau eines Plakats in Altötting. 2016 wurde die Werbung vom Deutschen Werberat gerügt. Nun kritisiert die Frauenunion Altötting das Plakat. Der Vorwurf: Sexismus und Diskriminierung.

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Von
  • Laila Heyne

Eigentlich hängt die Werbung mit der leichtbekleideten jungen Frau darauf schon seit knapp zwei Monaten an einer vielbefahrenen Straße des Wallfahrtsortes Altötting. Bislang fast unbemerkt, mit dem Auto fährt man schnell vorbei und übersieht sie. Doch dann ist sie letzte Woche einem Mitglied der Frauenunion Altötting aufgefallen.

Beim Ortsverband war man sich sofort einig: Die Werbung des Unternehmens aus dem Landkreis Rottal-Inn sei sexistisch, plump und diskriminierend. Ein Brief wurde dorthin nach Niederbayern verschickt und dann folgte noch ein Bericht in der lokalen Presse. Die Diskussion kommt ins Laufen.

Aufreger für Frauenunion: Kombination aus Text und Bild

Das Bild an sich sei überhaupt nicht das Problem. Der Text hingegen stelle ein negatives Bild der Frau dar und erniedrige sie zum Objekt, sagte Monika Klein von Wisenberg, die Vorsitzende der Altöttinger Frauenunion, dem Bayerischen Rundfunk.

"Ich dachte, dass eine derart plumpe, sexistische Werbung längst der Vergangenheit angehört." Altöttinger Frauenunion-Vorsitzende Monika Klein von Wisenberg in einem Brief an das niederbayerische Unternehmen

Der Ortsverband wünscht sich nun, dass Thomas Brunner, der Inhaber des Massinger Unternehmens, die Sache überdenkt und sich als Antwort auf den Brief meldet. Dann könne man gemeinsam den Inhalt und die Hintergründe des Plakats diskutieren. Bislang hat das Unternehmen aber noch nicht geantwortet.

Unternehmer wollte keine Sexismus-Debatte

Der Heizungsbauer Thomas Brunner sagt über sein Plakat, das er seit circa fünf Jahren immer wieder aufhängt, er wollte damit niemals zu einer Sexismus-Debatte anregen. Er wollte nur eine "Hammer Werbung" haben, sagte er dem Bayerischen Rundfunk. Er wollte das Thema Biomasse-Heizung einfach interessanter machen, und "Sex sells", das sei nun einmal so.

Die Aufregung um seine Plakate könne er nachvollziehen, der Inhalt sei aber sicher nicht böse gemeint gewesen. Des Weiteren gebe es noch eine männliche Version der Werbung, somit sei diese eigentlich ausgewogen. Laut ihm ist das Feedback zu seinen Plakaten außerdem bislang fast nur positiv gewesen. Auch seine Frau und sein Umfeld habe er im Jahr 2015 nach ihrer Meinung gefragt, sie alle seien für die Werbe-Idee gewesen.

Bereits 2016 von Deutschem Werberat gerügt

Jedoch wurde explizit jene Werbung mit der jungen Frau darauf bereits 2016 vom Deutschen Werberat gerügt – der BR berichtete damals. "Auch das Unternehmen Brunner Haustechnik aus Massing im Rottal (Bayern) würdigte Frauen durch ihre Außenwerbung herab", schreibt der Deutsche Werberat in einer Pressemitteilung vom 16. Februar 2016. Neben der beworbenen Heizungsanlage wird eine Frau in Unterwäsche abgebildet und mit dem Slogan versehen: 'Beides heiße Geräte… eine geht mit Ihnen shoppen… eine spart Geld und ist effizient'. Das geht den Werbe-Kontrolleuren zu weit.

"Der Werberat rügte dieses Werbeplakat als sexistisch und Frauen diskriminierend." Pressemeldung aus dem Jahr 2016

Diese Rüge besteht laut dem Deutschen Werberat bis heute. Das Unternehmen gehöre zu den seltenen Fällen von Unternehmen, die sich außerhalb der von der Werbewirtschaft gesetzten Regeln bewegen und auf ihrer frauenherabwürdigenden Werbung beharren, schreibt der Werberat an den BR.

Das gerügte Plakat soll laut Thomas Brunner aber bald doch noch geändert werden – aber nicht wegen der Rüge, sondern weil fast keine Exemplare mehr davon vorhanden sind und das andere schon mehrere Jahre alt ist. Der Text soll aber trotzdem entschärft werden.

Geschlechterdiskriminierende Werbung am häufigsten gemeldet

Die Frauenunion Altötting hat dem Deutschen Werberat nun erneut einen Hinweis auf die Werbung von Thomas Brunner zugesendet. Da die Rüge bis heute besteht, hat die Meldung aber keine weiteren Auswirkungen. Dieses Beschwerdeverfahren aus Massing gehöre zu den "geschlechterdiskriminierenden Werbungen", schreibt Johanna Röhling vom Deutschen Werberat als Antwort auf die BR-Nachfrage.

Etwa 50 bis 60 Prozent der gemeldeten Werbungen seien in den letzten drei Jahren Fälle dieser Kategorie gewesen. Der Werberat unterteilt dabei nochmals in Frauendiskriminierung, Männerdiskriminierung und Sexismus oder Herabwürdigung. In den letzten fünf Jahren (2015 – 2019) seien pro Jahr durchschnittlich 714 Beschwerden wegen geschlechterdiskriminierender Werbung eingegangen.

Im ersten Halbjahr dieses Jahres waren es 121 Beschwerdefälle, im Vergleich zum Vorjahr blieb die Zahl konstant, so der Deutsche Werberat. Auffällig sei 2020, dass die Fallzahl bei der Diskriminierung von Personengruppen um mehr als 50 Prozent angestiegen ist. Der Grund hierfür liege in der derzeit auch in Deutschland zunehmenden Sensibilisierung im Zusammenhang mit der weltweit aufgeflammten Black-Lives-Matter-Bewegung.

Unternehmen meist einsichtig – nur wenige Rügen erforderlich

Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes gibt es rund 3,5 Millionen Unternehmen in Deutschland – nur ein marginaler Anteil muss wegen seiner Werbung gerügt werden. Die Öffentliche Rüge müsse also nur sehr selten angewandt werden, weitere Maßnahmen hält der Deutsche Werberat daher für nicht nötig. Die meisten gemeldeten Werbenden ändern ohnehin meist umgehend ihre Werbung oder stellen sie schnell ein, sobald sie lediglich vom Werberat kontaktiert werden. Sie wollen vermeiden, öffentlich gerügt zu werden.

Bei einer Rüge schaltet der Deutsche Werberat die Öffentlichkeit ein, das Vorgehen funktioniert hierbei nach dem "Naming- und Shaming-Prinzip". Die Presse berichtet über die gemeldeten Fälle und diese werden dann öffentlich kommentiert und diskutiert. Gleichzeitig werden die Meldungen auf der Website des Werberats genannt. Damit soll außerdem deutlich gemacht werden, dass sich das werbende Unternehmen außerhalb der von der Werbewirtschaft selbst gezogenen Grenzen bewegt. Grundsätzlich kann jede Bürgerin und jeder Bürger den Werberat kontaktieren, um Beschwerden einzureichen – per Mail, Formular oder telefonisch.

"Naming und Shaming" funktioniert nicht bei Massinger Firma

Im Fall des Werbeplakats in Altötting, mit dem das niederbayerische Unternehmen aus Massing im Landkreis Rottal-Inn wirbt, geht dieses Prinzip nicht auf. Denn es wurde schon 2016 gerügt und in der Folge auch darüber berichtet, die Werbung tauchte aber trotzdem immer wieder auf. Am Freitag kommt aber laut Angaben des Unternehmens das große Plakat in Altötting ohnehin weg. Dann soll in Altötting die männliche Version davon aufgehängt werden. Die Frauenunion Altötting will dann wieder vor Ort sein und sich auch dieses Exemplar ansehen.

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