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Franken 89: Würzburger Räte sprechen Klartext in Suhl | BR24

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Im Herbst 1989 lagen viele deutsch-deutsche Städtepartnerschaften auf Eis. Die zwischen Würzburg und Suhl nicht. So kam es am 8. Oktober 1989 im Suhler Rathaus zum Friedensgespräch - und es wurde Klartext geredet zwischen Deutschen Ost und West.

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Franken 89: Würzburger Räte sprechen Klartext in Suhl

Im Herbst 1989 lagen viele deutsch-deutsche Städtepartnerschaften auf Eis. Die zwischen Würzburg und Suhl nicht. So kam es am 8. Oktober 1989 im Suhler Rathaus zum Friedensgespräch - und es wurde Klartext geredet zwischen Deutschen Ost und West.

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Das sogenannte Friedensgespräch war Teil der offiziellen Vereinbarung der Städtepartnerschaft Würzburg- Suhl, die 1988 geschlossen worden war. Bei der Veranstaltung in Würzburg war es eine für alle Bürger öffentliche Veranstaltung, bei der sich der damalige Suhler Oberbürgermeister Joachim Kunze viele Fragen nach Demokratie und Reisefreiheit stellen lassen musste. Die Veranstaltung in Suhl am 8. Oktober 1989 fand mit auf DDR- Seite sorgfältig ausgewählten Teilnehmern statt. Das Rathaus war streng bewacht, die Flucht von tausenden DDR- Bürgern aus Ungarn und der CSSR war voll im Gange. Alle Teilnehmer hatten die Bilder aus der Prager Botschaft und die Flüchtlingszüge nach Hof im Kopf.

Neuer Wind von Gorbatschow

Und so kam das Gespräch zwischen der Suhler Delegation und den Gästen aus Würzburg schnell auf die Flüchtlinge zu sprechen. Ein Suhler SED- Funktionär:

"Wir müssen noch viel stärker nachdenken, weshalb junge Menschen soziale Sicherheit und Geborgenheit gegen eine zumindest ungewisse Zukunft eintauschen."

Aus der Würzburger Delegation entgegnete damals Stadtrat Gerhard Franke (SPD):

"Wollen Sie nicht mal in sich gehen? Es hat doch Ursachen, dass die jungen Leute bei Nacht und Nebel davonlaufen. Das kann man doch nicht mit dem Hinweis abtun, 16,9 Millionen sind noch dageblieben. Sie haben große Probleme! Nehmen sie den neuen Wind wahr, den Gorbatschow zumindest verspricht zu geben."

Forderung nach Reisefreiheit

Und auch Frankes CSU Kollege Winfried Kuttenkeuler nahm im Suhler Rathaus vor 30 Jahren kein Blatt vor den Mund:

"Freiheit bedeutet, dass wir nicht nur innerlich und äußerlich frei sind, sondern dass wir frei sind für gegenteilige Meinungen. Dass sie frei sind, ihre Bürger während dem Urlaub auch mal dorthin fahren zu lassen, wohin sie derzeit nicht können."

Für Kuttenkeuler sei es das Erschütterndste gewesen, "wenn 18- oder 19-jährige Jugendliche als einziges Argument angeben, warum sie jetzt über Ungarn zu uns gekommen sind: Sie möchten auch mal nach Italien oder Spanien reisen."

Versteinerte Mienen dann auf DDR-Seite, als eine junge Frau der Freien Deutschen Jugend (FDJ) das Wort ergreift - so war das vorher nicht abgesprochen:

"So zuversichtlich wie ich bin, dass wir all unsere Probleme auch selbst lösen können, bin ich eigentlich auch zuversichtlich, dass wir auch weiter in der Zukunft darüber sprechen können, wie wir die Reisemöglichkeiten für unsere Jugendlichen weiter ausbauen können."

Nach der Wende wurde bekannt, das die junge FDJ-Frau unmittelbar nach dem sogenannten Friedensgespräch von der Staatssicherheit verhört wurde.

BR-Mitschnitt auf der Stasi-Anlage

Der Stasi ist es übrigens zu verdanken, dass wir vom Bayerischen Rundfunk einen kompletten Tonmitschnitt in guter Qualität bekamen. Auf die Frage wie man die Diskussion mitschneiden könne, war ein Suhler Rathausbediensteter besonders hilfsbereit.

Er nahm die drei Tonkassetten, ging in einen Nachbarraum und schob einen Vorhang zur Seite. Eine ganze Wand mit Tonbandgeräten kam zum Vorschein. Hier legte er die Kassetten ein und gab sie nach der Veranstaltung an den Journalisten aus dem Westen zurück. Hier schnitt sonst die Staatssicherheit mit.

Die Verwirrung war offensichtlich damals auf allen Ebenen groß. Vier Wochen später fiel die Mauer.