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Fränkische Selbsthilfegruppen schlagen Alarm | BR24

© BR/Nicole Schmitt

Alle Veranstaltungen sind abgesagt. So geht es momentan den Selbsthilfegruppen in Bayern.

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    Fränkische Selbsthilfegruppen schlagen Alarm

    Tanzschulen, Fitnessstudios, Freibäder - nach dem Corona-Lockdown dürfen immer mehr Einrichtungen in Bayern öffnen. Nicht erlaubt sind nach wie vor Treffen von Selbsthilfegruppen. Die mittelfränkische Selbsthilfekontaktstelle KISS kritisiert das.

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    Von
    • Nicole Schmitt

    Helle Gruppenräume und ein freundliches Ambiente - die größte Dependance der mittelfränkischen Kontakt- und Informationsstelle der Selbsthilfegruppen (KISS) liegt mitten im Zentrum Nürnbergs am Plärrer. Eigentlich gut erreichbar für Menschen, die Unterstützung brauchen. Wegen Covid-19 aber sind momentan alle Aktivitäten und Treffen abgesagt. Davon betroffen sind allein in Mittelfranken etwa 900 Selbsthilfegruppen. Das sei ein unhaltbarer Zustand, meint KISS-Geschäftsführerin Gabriele Lagler. Sie beklagt, dass die Selbsthilfegruppen von der Staatsregierung schlichtweg übersehen würden.

    Selbsthilfegruppen geben Halt und schützen vor Rückfällen

    Gabriele Lagler kann es nicht nachvollziehen, dass sich die Selbsthilfegruppen immer noch nicht treffen dürfen. Nicht einmal einen Zeitplan gebe es, sagt sie. Dabei seien diese Gruppentreffen insbesondere für Suchtkranke extrem wichtig, weil sie Halt und Sicherheit geben. Das bestätigt auch Roland Lisson. Der 59-Jährige ist trockener Alkoholiker und seit Jahren in einer Selbsthilfegruppe organisiert. Einmal in der Woche tritt er sich mit Gleichgesinnten zum Erfahrungsaustausch - normalerweise. Denn auch seine wöchentlichen Treffen sind ersatzlos gestrichen.

    Rückfälle wegen ausgefallener Termine

    Und weil die Treffen ausgefallen sind, hat es hat auch Rückfälle gegeben, sagt Lisson. Viele Menschen in den Selbsthilfegruppen würden durch die Kontaktbeschränkungen einen immensen Leidensdruck erfahren, weil sie sich einsam und isoliert fühlen. Aber nicht nur im Bereich der Suchthilfe ist das Wegfallen der Gruppentreffen problematisch.

    Corona erhöht das Stresslevel

    Brigitte Richter arbeitet ehrenamtlich für den Verein Pandora. Der hilft Menschen mit psychischen Erkrankungen. Für diese Menschen sei ein strukturierter Alltag und der Kontakt zu anderen, denen es ähnlich geht, sehr wichtig. Die ständigen Änderungen in den Verhaltensregeln, die Abstandsregeln oder auch die Maskenpflicht würden bei Menschen mit Psychosen zu erhöhtem Stress führen. Corona verstärke demnach das Krankheitsbild.

    KISS plädiert für Öffnung von Selbsthilfegruppen in Bayern

    In etlichen anderen Bundesländern wie zum Beispiel Baden-Württemberg, Hamburg oder Bremen sind Gruppentreffen unter Auflagen übrigens wieder erlaubt. In Bayern ist das - von Einzelfallentscheidungen abgesehen - bislang nicht der Fall. Doch der Stellenwert der gemeinschaftlichen Selbsthilfe müsse auch im Freistaat wieder gesehen werden, fordert KISS-Geschäftsführerin Gabriele Lagler.

    Selbsthilfegruppen wollen systemrelevant werden

    Zwar überbrücken viele Betroffene derzeit die angespannte Situation mit digitalen Kommunikations-Tools und Messenger-Diensten - KISS Mittelfranken hat sogar einen eigenen Online-Treff ins Leben gerufen - aber das direkte Gespräch wird so nicht ersetzt. Eine einheitliche Regelung muss also her und das schnell. Dafür sorgen soll nun eine Online-Petition. Die hat das Ziel, dass Selbsthilfegruppen als systemrelevant eingestuft werden.

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