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Funktioniert Kühe "trockenzustellen" auch ohne Antibiotika? | BR24

© Marc Müller/dpa-Bildfunk

Zwei Kühe auf einer Weide bei Gmund am Tegernsee in Oberbayern.

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    Funktioniert Kühe "trockenzustellen" auch ohne Antibiotika?

    Einige Wochen ehe eine Kuh kalbt, wird sie nicht mehr gemolken: Sie wird "trockengestellt". Ist die Kuh anfällig für Euterentzündungen, werden ihr dazu Antibiotika in die Zitzen gespritzt. Bei gesunden Kühen geht es auch problemlos ohne Antibiotika.

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    Der Begriff trügt: Eine Kuh "trockenzustellen" bedeutet nicht etwa, dass man ihr einen Unterstand anbietet, um sie vor Regen zu schützen. Eine Kuh "trockenzustellen" bedeutet vielmehr, sie sechs bis acht Wochen vor der Kalbung nicht mehr zu melken. Um Euterentzündungen vorzubeugen werden anfälligen Kühen vorsorglich Antibiotika in die Zitzen gespritzt. Gesunde Kühe brauchen das meist nicht.

    Damit eine Kuh Milch gibt, muss sie jedes Jahr ein Kalb bekommen. Denn die Milch, die bei Verbrauchern im Kühlschrank landet, ist eigentlich Muttermilch. Durch Züchtung, gute Fütterung und regelmäßiges Melken produziert eine Kuh viel mehr Milch, als ein Kalb je trinken könnte, bis zu 60 Liter am Tag.

    Im Fokus: Eutergesundheit

    Für Landwirt Andreas Böhm in Oppertshofen im Landkreis Donau-Ries bestimmt die Abfolge von Kalbung, Laktation und Trockenstellen den Jahresrhythmus. Laktation, das ist die Phase, in der eine Kuh Milch gibt: Unmittelbar nach der Geburt des Kalbes gibt sie viel Milch. Im Laufe der Monate dann immer weniger.

    140 Kühe stehen bei Andreas Böhm im Stall, die von zwei Robotern gemolken werden. Sechs bis acht Wochen vor der Kalbung melkt er die Kuh nicht mehr; sie geht sozusagen in Mutterschutz. Eine Ruhe- und Erholungsphase für den Organismus, die gleichzeitig aber auch Risiken birgt.

    Trockenstellen mit Antibiotika

    Tierarzt Dieter Gruber betreut den Milchviehbetrieb in dieser heiklen Phase. "Zum Ende der Laktation geht die Milchleistung runter, ganz automatisch. In aller Regel werden die Tiere innerhalb eines Tages abrupt trockengestellt, das heißt, es wird einfach nicht mehr gemolken. Dadurch wird dann keine Milch mehr gebildet."

    Das Immunsystem ist in dieser sensiblen Phase allerdings geschwächt, im Euter vorhandene Keime werden nicht mehr ausgemolken und neue können eindringen. Gruber sagt, die Keime könnten über "den sogenannten Strichkanal" in die Zitzen ins Euter gelangen, sich ungehindert vermehren. "Deshalb kommt es in dieser Phase gehäuft zu bakteriellen Infektionen.“ Die Frage ist nur, ob die antibiotischen Euterinjektionen immer bei allen Kühen notwendig sind.

    Entscheidend ist die Eutergesundheit. Und die wird nach ganz klaren Regeln beurteilt: Sie gilt als gut, wenn die letzten drei Milchuntersuchungen im Labor jeweils Werte von unter 200.000 Leukozyten pro Milligramm Milch ergaben. Ein weiteres Indiz für ein gesundes Euter: Die Kuh hatte während der Laktationsphase keine Euterentzündung. Zusätzlich werden in den Labortests Art und Menge von vorhandenen Erregern ermittelt.

    Mit rund 9.300 Litern hat Andreas Böhm eine hohe Milchleistung in seiner Herde. Alle wichtige Daten liefern ihm sein Melk-Roboter und die Untersuchungen, die im Rahmen der Milchleistungsprüfung gemacht werden. Von drei Tieren, die heute trockengestellt werden, gehört eine Kuh zur Risikogruppe: sie hatte vor einiger Zeit eine akute Entzündung, eine Mastitis. Deshalb bekommt sie die antibiotische Euterinjektion.

    Die beiden anderen Tiere haben gesunde Euter, bei ihnen kann man auf Antibiotika verzichten. Bei ihnen kommen sogenannte Zitzenversiegler auf Bismut-Nitrat-Basis zum Einsatz. Sie verschließen die Strichkanäle mechanisch und lösen sich bis zur Kalbung von selbst wieder auf, beziehungsweise: Sie werden nach dem Abkalben ausgemolken.

    Trockenstellen im Biobetrieb

    Familie Kleinle in Riedlingen im Landkreis Donau-Ries betreibt Milchviehhaltung nach Demeter-Richtlinien. 40 Kühe werden hier gemolken, die Milchleistung liegt bei 6.600 Liter. Auch auf einem Biohof dürfen Kühe mit Antibiotika trockengestellt werden, wenn es medizinisch notwendig ist.

    Doch Landwirtin Beate Kleine schwört auf alternative Methoden. Bei ihr bekommt jede Kuh ganz individuell pflanzliche und homöopathische Mittel und mechanische Zitzenversiegler.

    Tierarzt Dieter Gruber befürwortet das. Was generell verabreicht wird, um den Milchfluss zu reduzieren, ist Phytolacca, aus der Wurzel der Kermesbeere. Die Globuli gibt man zwei Tage vor dem Trockenstellen bis zwei Tage nach dem Trockenstellen. Das kann man noch verbessern mit Urtica Urens, also Brennnessel, und es gibt auch gute Erfahrungen mit Salbeiextrakten, die ebenfalls das Immunsystem im Euter verbessern können.

    Diese Methode ist aber ziemlich zeitaufwendig und erfordert eine sehr genaue Tierbeobachtung: Bei Anzeichen von Krankheit muss der Landwirt sofort reagieren. Für Beate Kleinle funktioniert die Methode mittlerweile sehr gut. Seit einem Jahr hat sie keine Antibiotika mehr verwendet, trotzdem hatte keine einzige Kuh Mastitis.

    Und noch etwas macht die Demeter-Bäuerin anders: "Unsere Kühe werden schrittweise trockengestellt. Ein paar Tage melken wir nur einmal am Tag und machen am Schluss sogar mal einen ganzen Tag Pause. So gewöhnen sich die Kühe langsam daran, weniger Milch zu geben." Welche Methode besser passt, muss jeder Landwirt selbst entscheiden. Oberste Priorität hat immer die Tiergesundheit.

    Das Kuheuter beschäftigt auch die Wissenschaft

    Weil der Antibiotikaverbrauch in der Tierhaltung aber generell gesenkt werden soll, gibt es diverse Forschungsprojekte zum Thema "Kühe trockenstellen". Eines davon heißt RAST, die Abkürzung für "Reduzierung von Antibiotika durch selektives Trockenstellen". Wissenschaftler der Ludwig-Maximilians-Universität München und der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft stellten fest, dass durch individuelle Entscheidungen für jede Kuh der Einsatz von Antibiotika um 40 Prozent reduziert werden konnte.