BR24 Logo
BR24 Logo
Startseite

NEU

Foodsaving: Mittagessen aus geretteten Lebensmitteln | BR24

© BR/Lenja Hülsmann

Äpfel mit braunen Stellen? Für Günes Seyfarth kein Problem. Sie ist Foodsaverin aus München. Dreimal pro Woche holt sie aussortierte Lebensmittel bei Supermärkten ab. Wir haben die Lebensmittelretterin begleitet.

4
Per Mail sharen
  • Artikel mit Audio-Inhalten
  • Artikel mit Video-Inhalten

Foodsaving: Mittagessen aus geretteten Lebensmitteln

Äpfel mit braunen Stellen? Für Günes Seyfarth kein Problem. Sie ist Foodsaverin aus München. Dreimal pro Woche holt sie aussortierte Lebensmittel bei Supermärkten ab. Wir haben die Lebensmittelretterin begleitet.

4
Per Mail sharen

Knapp zwei Meter hoch ist der Gitterwagen, den Günes Seyfarth aus dem Supermarktlager holt. Vier davon stehen dort für sie bereit. Und jeder Einzelne ist bis oben voll mit Lebensmitteln, die eigentlich im Müll landen sollen. An einer freien Stelle neben dem Supermarkt im Münchner Umland sortiert sie aus, was nicht mehr genießbar ist. Das meiste aber packt sie in Kisten: Äpfel mit Dellen, abgelaufenes Toastbrot und bunte Donuts mit Streuseln, die niemand kaufen wollte.

Mehr als 1.200 Lebensmittelretter in München

Günes Seyfarth ist Foodsaverin – also Essensretterin. Vor sieben Jahren hat sie zum ersten Mal Lebensmittel bei Supermärkten abgeholt. Eine Freundin habe ihr davon erzählt, dass man aussortierte Lebensmittel bei Betrieben abholen und dann verteilen kann. 2017 hat Günes Seyfarth dann die Initiative "Foodsharing München" gegründet. Über 1.200 Menschen sind in der Landeshauptstadt schon dabei.

Gerettetes Essen für alle

Beim Foodsharing geht es vor allem darum, dass weniger Lebensmittel weggeschmissen werden. Im Gegensatz zur Tafel richtet sich Foodsharing auch an nicht-bedürftige Menschen. Und noch etwas ist anders als bei der Tafel: Foodsaver dürfen auch Lebensmittel mitnehmen und verteilen, die schon das Mindesthaltbarkeitsdatum überschritten haben.

"Ich schaue immer genau, was ich selbst noch essen würde"

Deshalb muss Günes Seyfarth besonders gut aufpassen. "Ich als Foodsaverin hafte persönlich für die Lebensmittel. Das heißt, ich schaue immer genau, was ich selbst noch essen würde", sagt sie. Manchmal riecht sie an Lebensmitteln. Meistens reicht aber ein Drucktest. Mit Handschuhen nimmt sie zwei Bio-Zucchini in die Hand. "Die sind noch knackig", sagt Günes Seyfarth.

© BR Abendschau/Lenja Hülsmann u. Melina Geyer

Äpfel mit braunen Stellen landen in Supermärkten meistens im Müll. Der bayerische Lebensmittelhandel sortiert pro Stunde mehr als 11 Tonnen Lebensmittel aus. Aber es gibt immer mehr Menschen, die wollen dieses Essen retten - sogenannte Foodsaver.

Obwohl die Zucchini noch knackig sind, landen sie im Supermarktmüll. Ein paar Macken scheinen sie unverkäuflich zu machen. Und Günes Seyfarth entdeckt noch mehr genießbare Lebensmittel. In einem Orangennetz zum Beispiel, da ist eine verschimmelte Orange drin. Die anderen sind einwandfrei.

Über 11 Tonnen Lebensmittelabfälle stündlich

Im bayerischen Einzel- und Großhandel landen mehr als elf Tonnen Lebensmittel im Müll – pro Stunde. Das sind fast 100.000 Tonnen im Jahr. Ein Drittel davon wird gespendet, an die Tafel, aber auch an Foodsharing-Organisationen. Das zeigt eine Studie, die das bayerische Landwirtschaftsministerium in Auftrag gegeben hat. In Bayern gibt es derzeit 45 Foodsharing-Gemeinschaften – neben München zum Beispiel auch in Coburg, Erlangen und Ingolstadt.

Günes Seyfarth ist jedes Mal wieder erschrocken, wie viel weggeschmissen wird. Nach einer Stunde Sortieren ist sie fertig. 29 Kisten voller Lebensmittel, die passen gerade eben so in ihr Auto.

Ich bin jedes Mal baff, in welchem Überfluss wir zu leben scheinen. Wir schmeißen Dinge weg, nur weil die nicht mehr hübsch sind oder ich schlechte Stellen wegschneiden muss. Günes Seyfarth, Foodsaverin

"Lebensmittel zu sortieren ist wie Meditation"

Günes Seyfarth ist nicht nur Foodsaverin, sondern auch selbstständige Unternehmerin und Mutter von drei kleinen Kindern. Wie sie das hinbekommt? Lebensmittel zu sortieren sei für sie wie Meditation. Dabei könne sie entweder abschalten oder gleichzeitig geschäftliche Telefonate führen. Beim Kochen fühlt sich Günes Seyfarth nicht eingeschränkt - im Gegenteil: "Ich koche total gern mit den Lebensmitteln, die ich gerettet habe. Das nimmt mir die Entscheidung ab, was ich einkaufen soll. Und mir macht es Spaß, daraus etwas Kreatives und hoffentlich Schmackhaftes zu kochen", sagt sie. Oft wandle sie alte Rezepte ab oder schaue einfach im Internet nach passenden Ideen für die Lebensmittel, die sie gerade da habe.

© BR/Lenja Hülsmann

Günes Seyfarth kocht fast nur mit geretteten Lebensmitteln

Heute entscheidet sich Günes Seyfarth für eine Gemüsepfanne, einen Rohkostteller und selbstgemachte Pommes. Ihre Familie kocht zu 90 Prozent mit Lebensmitteln, die eigentlich im Müll gelandet wären. Nur Salz und Öl sind gekauft. Ihre drei Söhne kennen das nicht anders. "Mir ist es egal, ob die Lebensmittel gekauft sind oder nicht", sagt der neunjährige Malik. Einen Unterschied könne er auf jeden Fall nicht schmecken. Weil das Lieblingsgericht der Jungs Pommes ist, fällt die auch die Bewertung gut aus. Auf einer Skala von eins bis zehn vergibt der elfjährige Mateo die Höchstpunktzahl.

Lebensmittel über WhatsApp anbieten und teilen

Weil es gut schmeckt und Familie Seyfarth unmöglich 29 Kisten voller Lebensmittel selbst essen kann, teilt Günes Seyfarth die Lebensmittel mit ihrer Nachbarschaft. Denn das Sharing ist, wie der Name schon sagt, Teil des Modells. Dafür stellt Günes Seyfarth einen kurzen Text und Fotos in eine WhatsApp-Gruppe. Da sind mittlerweile über 40 Personen drin, Tendenz steigend. Die meisten wohnen in der Nähe der Foodsaverin. Alle die wollen, können sich dann Lebensmittel abholen - draußen vor dem Haus - mit Corona-Abstand. Was sich so nicht verteilen lässt, stellt eine Nachbarin als Essenskörbe auf der Foodsharing-Website zum Abholen bereit.

So kann jeder Lebensmittel retten

Wer nicht direkt Teil der Foodsharing-Community werden möchte, kann sich auch erstmal langsam herantasten. In München stellt die Initiative Foodsharing zum Beispiel an vier Stellen Regale und Kühlschränke zur Verfügung. In die sogenannten Fair-Teiler kann jede Privatperson übrig gebliebene Lebensmittel reinstellen, aber auch welche mitnehmen.

Aber auch mit der App "Too Good To Go" kann man zum Beispiel vor Ladenschluss beim Bäcker für wenig Geld die Semmeln vor dem Müll retten. Das Start Up "Etepete" gibt krummem Obst und Gemüse eine zweite Chance. Der BR-Radiosender Puls hat fünf einfache Wege zusammengefasst, um Lebensmittelverschwendung zu vermeiden.

Eigentlich kann man aber noch einfacher starten. Wie? Weniger wegschmeißen. Denn fast 40 Prozent der Lebensmittelverluste in Deutschland fallen bei Endverbrauchern und Endverbraucherinnen an. Das geht aus einer WWF-Studie hervor.

Lebensmittelrettung ist nur eine vorübergehende Lösung

Auch wenn es zahlreiche Möglichkeiten gibt, Essen vor dem Wegschmeißen zu retten: Günes Seyfarths Ziel ist etwas anderes. "Wir wollen, dass es uns Foodsaver nicht mehr braucht. Unsere Vision ist es, dass alles, was bei Supermärkten im Lager landet, langfristig komplett unter die Leute kommt. Ohne, dass wir die aussortierten Sachen abholen müssen", sagt sie. Die 29 Kisten, die sie am Morgen abgeholt hat, seien ein Armutszeugnis gewesen. Darüber tröstet auch nicht hinweg, dass das Essen aus den geretteten Zutaten gut geschmeckt hat.

"Darüber spricht Bayern": Der neue BR24-Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht’s zur Anmeldung!