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Flughafen München im Corona-Modus: Stillstand statt Höhenflug | BR24

© picture alliance/Felix Hörhager/dpa

Plaza des Münchner Flughafens zwischen Terminal 1 und 2

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    Flughafen München im Corona-Modus: Stillstand statt Höhenflug

    Der Flughafen München zählt zu den verkehrsreichsten Luftfahrt-Drehkreuzen in Europa. Doch seit dem Frühjahr herrscht dort wegen Corona beinahe Stillstand. In der Branche wird die Frage immer lauter, wie es langfristig weitergehen soll.

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    Seit seiner Inbetriebnahme im Jahr 1992 befand sich der Airport in Erding permanent im Wachstum - zuletzt mit einem Rekord-Jahresumsatz von 1,6 Milliarden Euro. Im April 2020 dann der Shutdown. Die Folge: der Himmel über Erding bleibt so gut wie leer. Wo im vergangenen Jahr insgesamt 48 Millionen Passagiere zum Gate eilten, ist jetzt vor allem einer unterwegs: der Flughafen-Seelsorger.

    Betriebsrätin: "Hier geht’s um ganz viele Menschen"

    Auch die Infrastruktur des 5-Sterne-Flughafens, welcher regelmäßig zum besten Europas gekürt wird: wie eingefroren. Die Check-Ins, die Gepäckabfertigung, Geschäfte und Restaurants sowie Busse und Taxen: alle verwaist.

    7.000 der 10.000 Flughafen-Mitarbeiter sind in Kurzarbeit. Der Flughafen galt immer als krisenfester Arbeitsplatz. Jetzt herrscht hier vor allem eins: Angst vor dem Jobverlust. "Wir haben das nicht verschuldet, wir haben keinen Fehler gemacht", sagt Anna Müller, Betriebsrätin am Flughafen München. "Wir sind in einer Situation, die haben wir uns nicht ausgesucht. Und hier geht’s um Menschen, um ganz viele Menschen."

    Lufthansa parkt Flugzeuge in der Wüste

    Auch die Lufthansa strauchelt – dabei ist sie der Jobmotor am Münchner Flughafen. Mit 12.000 Stellen beschäftigt die Fluglinie hier sogar mehr Menschen als die Flughafengesellschaft FMG. Doch seit Mai bekommt sie die großen Maschinen nicht mehr voll. Deshalb werden diese in die spanische Wüste geflogen, wo sie "eingemottet" werden.

    Die Lufthansa verdient nur, wenn die Flugzeuge in der Luft sind. Das Parken in München kostet knapp 2.000 Euro pro Flieger – am Tag. Der Flughafen-Parkplatz im spanischen Teruel verlangt nur einen Bruchteil. 17 Exemplare stehen im Frühjahr schon in Spanien. Ob sie jemals wieder zurückfliegen und Passagiere transportieren werden – oder, ob die jeweils über 200 Millionen Euro teuren Flieger verschrottet werden – weiß zu dem Zeitpunkt noch niemand.

    Jobabbau trotz staatlichem Rettungspaket

    Zwar brachte die Bundesregierung im Mai ein Rettungspaket in unvorstellbarer Höhe von neun Milliarden Euro ins Spiel. Doch sicher ist nichts. Zehn Tage später flog die Lufthansa aus dem Dax. Für die Fluggesellschaft ein Problem: Die Rettung könnte an Bedingungen geknüpft werden – wie die Abgabe von Start- und Landerechten. Das würde die Fluggesellschaft sehr belasten und ihre dominierende Rolle am Münchner Flughafen gefährden.

    Prompt kündigt sie die Streichung von 22.000 Jobs an. Schwer getroffen ist auch die Lufthansa-Tochter LSG Sky Chefs, einer der größten Caterer der Welt. Ausgerechnet in der größten Krise will die Lufthansa sie verkaufen – an den Konkurrenten Gate Group.

    Die größte Sorge des Geschäftsführers: Wird der Verkauf nun zu Lasten der Belegschaft gehen? Normalerweise arbeiten fast 1.400 Menschen aus 64 Nationen für LSG in München, die zwischen 3.000 und 3.500 Mahlzeiten täglich produzieren. Doch Ende Mai ist in der Küche genug Arbeit für gerade mal vier Beschäftigte, die Speisen für nur noch 160 Passagiere am Tag zubereiten – und ansonsten Besteck und Geschirr wegpacken.

    Erster Langstreckenflug Anfang Juni

    Anfang Juni sah es immer noch düster aus für den Münchner Flughafen. Statt Geschäftsreisen gab es Video-Schalten und Homeoffice. Und kaum jemand flog in den Urlaub. Es brauchte also dringend positive Signale! Der erste Langstreckenflug nach Los Angeles wird dementsprechend gefeiert wie ein Großereignis – allerdings mit mehr Presseleuten als Passagieren.

    Doch die Botschaft kommt bei den Beschäftigten gut an. Zum Beispiel beim Caterer LSG Sky Chef: Kein Durchbruch, aber immerhin 100 Business- und Economyclass-Menus - nur für den einen Langstreckenflug! Trotzdem: Von den 1.400 Mitarbeitern sind an diesem Tag gerade einmal 35 da.

    Showdown Ende Juni: Lufthansa wird teilverstaatlicht

    Die Insolvenz der Lufthansa ist zu diesem Zeitpunkt immer noch nicht abgewendet. Besonders gefährlich: Ein Großaktionär will gegen das Rettungspaket stimmen. Er fürchtet zu viel Einmischung in Unternehmensentscheidungen durch die Teilverstaatlichung. Die Lufthansa-Rettung entwickelt sich mehr und mehr zu einem Krimi.

    Der Showdown findet am 25. Juni statt – bei der außerordentlichen Hauptversammlung der Lufthansa-Aktionäre. Die Frage, die alle bewegt: Lässt sich der Aktionär umstimmen? Wenn nicht, stünden noch weitaus mehr Arbeitsplätze auf dem Spiel. Die Erleichterung war schließlich groß: Das Rettungspaket wird angenommen. Die Lufthansa ist nun teilverstaatlicht.

    Corona-Krise als Chance für den Flughafen?

    Und es geht aufwärts – bei der Lufthansa und beim Flughafen. Die Läden eröffnen, wenn auch fast zwei Monate später als anderswo in Deutschland. Die ersten Passagiere wagen sich nach Mallorca. Nach und nach erweitert sich der Flugplan: Ende Juli stehen rund 130 Urlaubsziele ab München zur Auswahl. Maskenpflicht, Sicherheitsabstände, Desinfektionsspender – der Flughafen kämpft um ein Stück Normalität.

    Könnte der Digitalisierungsschub, den Corona in vielen Branchen anstößt, auch am Flughafen neue Perspektiven eröffnen, zum Beispiel bei der Gepäckabwicklung? "Natürlich ist Digitalisierung wichtig", so Jost Lammers, Vorsitzender der Geschäftsführung, Flughafen München GmbH. "Sie können sozusagen durch den gesamten Flughafen irgendwann hoffentlich mal laufen, wo Sie nirgendwo mehr an den Touchpoints Menschen haben, die irgendetwas kontrollieren, sondern immer online und digital ihre Reise machen."

    Dennoch ist der Flughafen-Chef skeptisch. Denn für solche Investitionen ist momentan kein Geld da. Erst müssen die Einnahmen, sprich die Passagiere, zurückkommen.

    Kurzer Lichtblick für die Luftfahrt: Urlaubszeit

    Einen Monat später, Anfang August: Urlaubszeit. Die Passagiere trauten sich vorsichtig zurück. Auch wenn es immer noch 80 Prozent weniger sind als im Vorjahr: Ein Aufatmen am Flughafen ist zu spüren. Eingeführt werden verpflichtende Tests für Passagiere, die aus Risikogebieten kommen.

    Und: Auch die freiwilligen Tests der Reiserückkehrer laufen weiter. Denn Bayern will führend sein in Fragen der Sicherheit und Hygiene. Doch das überforderte offenbar das private Testunternehmen. Bei der Erfassung der Daten gab es Probleme, es fehlte massiv an Personal. Und es drohte ein Vertrauensverlust in das Krisenmanagement der Bayerischen Staatsregierung.

    Viele Hiobsbotschaften im Herbst

    Die schlechten Nachrichten hören nicht auf. In den vergangenen Wochen stiegen die Infektionszahlen wieder. Täglich kommen Reisewarnungen hinzu. Künftig soll es keine kostenlosen Tests mehr für Abreisende geben und Reiserückkehrer aus Risikogebieten sollen in Pflichtquarantäne.

    Zudem ist die dritte Startbahn, um die 15 Jahre lang gerungen wurde, erstmal beerdigt. Ein Tiefpunkt für den Flughafen in der Corona-Krise. Der Flughafen-Chef informiert über Stellenabbau. Sozialverträglich und einvernehmlich soll der geschehen, zum Beispiel über Regelungen zum Vorruhestand. Und bei der Deutschen Lufthansa? Statt der angekündigten 22.000 Stellen, will die Lufthansa noch einmal tausende weitere Stellen streichen. Auch die Flotte wird noch stärker reduziert: insgesamt um mindestens 150 Flugzeuge.

    Fazit: Happy End wahrscheinlich erst mit Impfstoff

    Der Flughafen München - "das Tor zur Welt". Dass es sich wieder öffnet, wird seit über einem halben Jahr sehnlichst erwartet. Doch ein Happy End wird wohl erst ein Impfstoff bringen - bis dahin heißt es durchhalten.

    DokThema zum Flughafen München in der Krise: Mittwoch, 22.00 Uhr im BR Fernsehen.

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