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In Obernburg am Main steht eine von derzeit 42 Erstaufnahmeeinrichtungen in Unterfranken - mitten im Ort. Nach anfänglicher Skepsis melden die Anwohner keine Probleme. Doch nun müssen die Flüchtlinge ausziehen: ein neues Finanzamt soll gebaut werden.

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Flüchtlingsunterkunft in Obernburg soll Finanzamt weichen

In Obernburg am Main steht eine von derzeit 42 Erstaufnahmeeinrichtungen in Unterfranken – mitten im Ort. Nach anfänglicher Skepsis melden die Anwohner keine Probleme. Doch nun müssen die Flüchtlinge ausziehen: ein neues Finanzamt soll gebaut werden.

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Von
  • Simon Berninger

Bürgermeister Dietmar Fieger (CSU) ist zufrieden. Mit der Erstaufnahmeeinrichtung in Obernburg am Main gab es in fünf Jahren keine größeren Schwierigkeiten. "Es war von Anfang an ein sehr gutes und aktives, ehrenamtliches Miteinander, wo man signalisiert hat: Wir sind in Obernburg aufnahmebereit und wir versuchen, das Beste aus der Situation zu machen", sagt der Obernburger Bürgermeister. Doch für das Grundstück gibt es jetzt andere Pläne.

Finanzamt auf zuvor ungenutzter Fläche

Die seit Jahren ungenutzte Fläche, auf der Mitte 2016 die besagte Erstaufnahmeeinrichtung eilig aus dem Boden gestampft wurde, war eigentlich einem ganz anderen Zweck geweiht. Dort sollte ein neues Finanzamt entstehen, um das schon bestehende Behördengebäude in Obernburg zu ersetzen. Zugesichert wurde das bereits 1972, damals im Zuge der so genannten Landkreisstrukturreform.

Flüchtlinge statt Finanzbeamte in der Nachbarschaft

Bei der bloßen Zusicherung ist es seither aber geblieben. Das eigentlich fürs neue Finanzamt bestimmte Gelände gehört dem Freistaat. Statt Finanzbeamten bezogen dann Flüchtlinge auf dem Gelände ihr Quartier. Diese Entscheidung ereilte Bürgermeister Fieger noch vor dem berüchtigten Satz der Kanzlerin: "Wir schaffen das". Fieger bekam damals Besuch von zwei Vertretern der Regierung von Unterfranken. "Sie haben gesagt, es wird mit einer riesen Flüchtlingswelle gerechnet und wir haben die Aufgabe, die Grundstücke, die dem Freistaat Bayern gehören, daraufhin zu überprüfen, ob sie für den Bau von Gemeinschaftsunterkünften geeignet sind", erinnert sich Fieger.

Anwohner anfangs skeptisch ob der neuen Nachbarn

Das Gelände wurde als geeignet eingestuft und kurz darauf entstand dort die Flüchtlingsunterkunft. "Das war schon eine schwierige Situation, in der ich da gewesen bin", sagt Fieger. Denn er musste bei den anfangs skeptischen Anwohnern um Verständnis für die unverhofften Nachbarn werben. Für die anfängliche Skepsis der Anwohner zeigte der Bürgermeister Verständnis: "So würde es mir auch gehen, wenn in meiner unmittelbaren Nachbarschaft jetzt eine Einrichtung aufgemacht wird, in der man auf einen Schlag irgendwo zwischen 140 und 190 neue Nachbarn hat."

Ehrenamtliche Unterstützung im Ort

Doch bildet sich prompt auch ein Helferkreis aus Ehrenamtlichen, auch aus den ortsansässigen Vereinen und Kirchengemeinden kommend. "Wir schaffen das", das Wort der Kanzlerin wird hier beim Wort genommen. Auch wenn inzwischen die Euphorie von damals abgeebbt ist, der Helferkreis nur noch einen Bruchteil seiner einstmals 120 Ehrenamtlichen zählt, zieht Stefan Meyer ein positives Fazit. Der Pfarrer der evangelischen Kirchengemeinde vor Ort hat die Entwicklungen genau verfolgt: "Die Präsenz der Flüchtlinge in Obernburg ist normal geworden", die Flüchtlingsunterkunft "kein Störfaktor, wie die Ängste noch vor fünf Jahren gewesen sind".

Das bestätigen auch die Anwohner rund um die Gemeinschaftsunterkunft – und deren Bewohner fühlen sich ebenso wohl in Obernburg. "Die deutschen Nachbarn sind sehr nett, Obernburg ist gut", sagt etwa der 24-jährige Mohammed aus Äthiopien. Seit zwei Jahren lebt er in der Gemeinschaftsunterkunft und muss nun absehbar ausziehen. Denn die Einrichtung wird aufgelöst.

Gemeinschaftsunterkunft mit Zeit-Beschränkung

Grund ist nicht etwa, dass es keine Flüchtlinge mehr in Bayern gäbe. Selbst im Corona-Jahr 2020 sind trotz zeitweiser Länderschließungen immer noch 13.849 Menschen angekommen, im Durschnitt fast 40 am Tag. Hintergrund sind die alten Pläne um das Finanzamt, das nun kommen soll. Nachdem die Flüchtlingsunterkunft ursprünglich nur auf drei Jahre angelegt war und bereits einmal um zwei Jahre verlängert wurde, wurde Bürgermeister Fieger aktiv: "Mir war es wichtig, da Verbindlichkeit reinzubekommen und mit der Regierung von Unterfranken tatsächlich eine vertragliche Vereinbarung abzuschließen über die maximale Betriebsdauer der Gemeinschaftsunterkunft."

Angst vor dem Umzug

Von der Regierung in Unterfranken heißt es auf Anfrage, die Bewohner würden möglichst in eine nahegelegene Unterkunft verteilt. Die einzig Fußläufige ist auf der anderen Main-Seite, in der Nachbarstadt Elsenfeld. Die derzeit rund 90 Bewohner der Unterkunft würden jedoch lieber in Obernburg bleiben, sagt Mohammed. "Viele haben Angst, weil sie nicht wissen, wo sie hinkommen. Die meisten wollen nicht umziehen."

Flüchtlinge in Obernburg integriert

Pfarrer Stefan Meyer hat Verständnis für die Flüchtlinge – aber grundsätzlich auch für die Pläne rund um das Finanzamt. Aus seiner Sicht wäre es aber besser, wenn die Flüchtlingsunterkunft erst dann geschlossen würde, wenn auch über die Asylanträge der Flüchtlinge entschieden ist. So müssten sie nur wieder auf Zeit in eine unbekannte Gegend und eine Unterkunft mit schon bestehender Gemeinschaftsbildung ziehen. "Zu sagen, jetzt versetze ich die Flüchtlinge wie eine Schachfigur aufs andere Feld: So kann man mit Menschen nicht umgehen", sagt Mayer. Zumal sich viele Bewohner schon in Obernburg integriert hätten, auch in seiner Kirchengemeinde. Und Integration sei es ja schließlich, was alle wollten und was in Obernburg bislang gut geklappt habe.

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