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Flüchtlingswohnheime und Corona: Kritik an Zuständen wird lauter | BR24

© picture alliance/David Young/dpa

Flüchtlingsunterkunft in Düsseldorf soll künftig als Corona-Quarantäne-Station genutzt werden

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    Flüchtlingswohnheime und Corona: Kritik an Zuständen wird lauter

    An Corona sind in bayerischen Flüchtlingsunterkünften bisher drei Menschen gestorben, mehr als 1.100 infizierten sich, wie der BR auf Anfrage erfuhr. Zu viele Menschen auf zu engem Raum, kritisieren Ärzte und Helfer. Eine Kanzlei stellt Strafanzeige.

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    Seit Anfang April ist Zaafat Jafar wegen Corona in Sorge um ihren 61-jährigen Vater: Die 25-jährige Syrerin lebt mit ihren Eltern und zwei Geschwistern seit 2017 in einem Flüchtlingswohnheim in Unterschleißheim, Ende April erfuhr sie dann, dass ein Bewohner ihres Hauses positiv auf Corona getestet wurde. Gleichzeitig beobachtete sie, wie sich die Mitbewohner im Stockwerk des Erkrankten weiter sorglos in der Unterkunft des Landkreises München umher bewegten. Es kam, wie es kommen musste: erst erwischte es ihren jüngeren Bruder und ihre Schwester, dann erkrankten auch ihre Mutter und sie selbst an Covid-19:

    "Als ich das Ergebnis sah und positiv getestet wurde, hatte ich viel mehr Angst um meinem Vater, weil er schon alt ist und er raucht und meine Angst war echt groß." Zaafat Jafar, geflüchtete Syrerin in Unterschleißheim

    Unterschleißheim: Covid-19 im Flüchtlingswohnheim

    16 Personen pro Stockwerk teilen sich in der Unterkunft des Landkreises München Bad, Küche, Waschbecken und den Aufzug:

    "Wenn wir an einem sicheren Ort wären, dann glaube ich, meine Befürchtungen wären geringer." Zaafat Jafar, geflüchtete Syrerin in Unterschleißheim

    Vielseitige Kritik an den Zuständen in Flüchtlingsunterkünften

    Kritik an den Zuständen in den Flüchtlingsunterkünften gibt es von mehreren Seiten: Flüchtlingsorganisationen werfen den Behörden vor, halbherzig zu agieren. Der Ärztliche Kreis- und Bezirksverband München wandte sich vergangene Woche in einem Offenen Brief an die Staatsregierung und forderte angesichts der Unmöglichkeit, in den Heimen die Hygiene- und Abstandsregeln einzuhalten, auch Bewohner mit milden Symptomen an einen anderen Ort zu verlegen. In der Antwort verspricht der Innenminister, die Belegung in den Unterkünften zu entzerren.

    Rechtsanwältin: "Tickende Zeitbombe"

    Auch die Kanzlei der Münchner Rechtsanwältin Katharina Camerer hat sich früh an die Behörden gewandt. Sie vertritt mehrere Flüchtlinge und macht dem Innenministerium schwere Vorwürfe:

    "Die Situation Corona besteht jetzt schon länger. Wir von der Anwaltschaft haben Briefe geschickt. Die Ärztekammer hat Appelle gemacht, und alle haben darauf hingewiesen, dass das letztlich eine tickende Zeitbombe ist, so viele Leute auf so engem Raum in dieser Corona Pandemie zu belassen." Katharina Camerer, Münchner Rechtsanwältin

    Das Problem: Oft vergehen mehrere Tage oder eine ganze Woche, bis Testergebnisse vorliegen. In dieser Zeit stecken die Infizierten weitere Flüchtlinge an. Um das zu unterbinden, wurden, wie zuletzt in Rosenheim, ganze Unterkünfte komplett unter Quarantäne gestellt. Für die Anwältin nicht das beste Vorgehen:

    "Es gibt Unterkünfte, das sind beispielsweise 300 Leute. Da wird einfach mal ein Bauzaun außen rum gestellt. Und Polizei, die dürfen einfach alle nicht mehr raus. Es wird aber nicht geschaut, welche vorerkrankten vulnerablen Personen sind da drinnen. Es wird nicht dafür gesorgt, die schnell da rauszuholen. Also es gibt ein Riesenchaos meiner Meinung nach." Katharina Camerer, Münchner Rechtsanwältin

    Strafanzeige gegen die Regierung von Oberbayern

    Im Fall eines an Covid-19 verstorbenen Flüchtlings stellt die Kanzlei nun sogar Strafanzeige - gegen die Regierung von Oberbayern, das Gesundheitsamt und den Rettungsdienst. Ende April verstarb im Klinikum Rechts der Isar in München ein 35-jähriger Afghane an den Folgen des Virus – nach Auskunft einer Flüchtlingshelferin wurde er trotz starker Symptome tagelang nicht in die Klinik gebracht, sein Heim stand unter Quarantäne. Camerer fordert Aufklärung:

    "Unser Vorwurf ist, das hier zu spät reagiert wurde, obwohl ganz klare Warnungen stattgefunden haben. Wir können natürlich die Hintergründe nicht genau wissen und deswegen denken wir hier muss geschaut werden, ob hier alles richtig gelaufen ist." Katharina Camerer, Münchner Rechtsanwältin

    Keine höhere Corona-Fallzahl bei Flüchtlingen in Bayern

    Nach Auskunft des Innenministeriums sind bislang drei Flüchtlinge in Bayern an Covid-19 verstorben, zwei von ihnen hätten schwere Vorerkrankungen gehabt. Insgesamt haben sich 1.149 Asylbewerber aus Ankerzentren oder Dependancen mit dem Virus infiziert, rund die Hälfte davon ist wieder genesen, 11 Flüchtlinge liegen derzeit noch in einem Krankenhaus.

    Statistisch liege der Anteil an Corona-Fällen also nicht höher als in der bayerischen Gesamtbevölkerung, schreibt das Innenministerium auf BR-Anfrage. Alle neuankommenden Flüchtlinge würden getestet, seit Ende Februar gab es in den Ankerzentren mehr als 3.000 Tests. Gesamte Einrichtungen seien nur dann unter Quarantäne zu stellen, so das Innenministerium, wenn das zuständige Gesundheitsamt nicht bestimmen kann, wer von den Mitbewohnern Kontaktperson eines Infizierten war, und wer nicht.

    Zurück zum Fall von Zaafat Jafar: Die junge Syrerin wurde am Ende mit ihren Geschwistern und der Mutter in eine Quarantäne-Unterkunft in München-Haar gebracht. Wie durch ein Wunder machte das Virus bislang einen Bogen um ihren Vater. Voraussichtlich heute wird die Familie aus der Quarantäne entlassen und will sich dann so schnell wie möglich eine eigene Wohnung suchen.

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