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Flüchtlingsrat: Afghanen fliehen aus Bayern nach Frankreich | BR24

© BR / Maxim Landau

Afghanen fliehen aus Bayern nach Frankreich

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Flüchtlingsrat: Afghanen fliehen aus Bayern nach Frankreich

Abschiebungen nach Afghanistan sind umstritten. Viele Asylbewerber in Bayern haben Angst davor, in das Bürgerkriegsland abgeschoben zu werden. Immer mehr von ihnen setzen sich deshalb laut Flüchtlingsorganisationen nach Frankreich ab.

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Zuletzt wurden im Januar 36 Menschen nach Afghanistan abgeschoben - 23 davon aus Bayern. Der Freistaat schickt nicht ausschließlich Straftäter und Gefährder in dieses Land zurück, sondern generell alle ausreisepflichtigen Afghanen. Dazu hat das Innenministerium im August 2018 gegenüber der Nachrichtenagentur epd erklärt, die bayerischen Ausländerbehörden seien verpflichtet, vollziehbar ausreisepflichtige Afghanen abzuschieben.

Vor einer Abschiebung fürchten sich in den Flüchtlingsunterkünften und Berufsschulen viele: Afghanische Asylbewerber sagten gegenüber dem BR, manche von ihnen trauten sich nicht mehr in die Berufsschule, andere tauchten unter. Viele hofften, dass sie in einem anderen Land bessere Chancen haben, bleiben zu dürfen - zum Beispiel in Frankreich.

Hoffnungsland Frankreich

Allerdings ist es Asylbewerbern nicht erlaubt, in ein anderes EU-Land ausreisen. Ihnen droht, dass Frankreich sie gemäß dem Dublinabkommen nach Deutschland zurückbringt. Viele der Afghanen tauchten erst einmal unter, sagt Stephan Dünnwald vom Bayerischen Flüchtlingsrat. Erst nach etwa eineinhalb Jahren könnten sie in Frankreich Asyl beantragen. Trotzdem hofften besonders Afghanen auf Frankreich.

"Frankreich schiebt nicht nach Afghanistan ab, das heißt, eine große Angst der Leute ist einfach schon mal weg. Und Frankreich hat eine Anerkennungsquote von 83 oder 84 Prozent aktuell." Stephan Dünnwald, Bayerischer Flüchtlingsrat

Ganz anders sieht es in Deutschland aus. Nach Angaben des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge wurden im Jahr 2018 nur knapp 38 Prozent der Asylersuche von Afghanen positiv entschieden. Immer wieder kommt es daher zu Abschiebungen.

Bayern entscheidet anders als andere Bundesländer

In Bayern würden, anders als in vielen anderen Bundesländern, nicht nur afghanische Straftäter und Gefährder abgeschoben, sondern auch gut integrierte Männer. Dünnwald wirft der bayerischen Regierung deshalb vor, die Abschiebungen dienten der Abschreckung.

"Auch, wenn es, wie beim letzten Flug, immer nur 23 trifft, wird doch so getan, als könnte es jeden treffen. Hier sagt man, man muss über diese Abschiebungen das Signal aussenden an andere afghanische Männer, dass sie eben nicht nach Deutschland kommen sollen." Stephan Dünnwald, Bayerischer Flüchtlingsrat

Das bayerische Landesamt für Asyl und Rückführungen weist auf Anfrage die Kritik zurück. Nach einer Entscheidung der Bundesregierung im vergangenen Jahr seien Abschiebungen nach Afghanistan ohne Einschränkung möglich.

Viele Afghanen tauchen unter

Auch Flüchtlinge aus Kelheim in Niederbayern tauchen unter. Oft sind es junge Männer. Sie hätten beispielsweise eine der Berufsschulen im Landkreis besucht. Auch Haris (Name geändert) ist hier Schüler. Manche seiner Freunde seien bereits gegangen, sagt er. Sie begründeten Haris gegenüber ihre erneute Flucht mit den schlechten Aussichten, in Deutschland bleiben zu können. Sie hätten alles versucht und irgendwann die Geduld verloren.

"Denen geht es natürlich schlecht. Weil, die müssen nochmal von Anfang anfangen, neue Leute kennenlernen, neue Sprache, alles neu." Haris, afghanischer Flüchtling

Flüchtlingshelfer: Junge Afghanen haben Angst

In Kelheim engagiert sich Christiane Lettow-Berger gegen die Abschiebung von Afghanen. Sie ist Stadträtin der Grünen und Flüchtlingshelferin.

"Es wird mit jeder Sammelabschiebung Panik ausgelöst. Die Situation in dem Land ist wirklich volatil, es herrscht permanente Gefährdung. Ich kann das nicht begreifen, warum kein Abschiebestopp verhängt wird." Christiane Lettow-Berger, Stadträtin

Die Angst, die Abschiebungen auslösen, kennt auch der Sozialpädagoge Werner Damböck. Er vermittelt Praktika und Ausbildungen an Flüchtlinge an der Berufsschule in Kelheim. Wenn eine Abschiebung bevorstehe, schlage sich das im Unterricht nieder.

"Das ist ein bisschen wie russisches Roulette, weil natürlich keiner weiß: Wen trifft's? Und diese Unsicherheit führt dazu, dass die Leute dann an einigen Tagen nicht an der Schule sind, weil sie einfach Angst haben." Werner Damböck, Sozialpädagoge

Lebenszeichen aus Frankreich

Gelegentlich, erzählt Damböck, erfahre er, wie es den Schülern in Frankreich ergeht, allerdings nur über Fotos von anderen. Da habe er beispielsweise gesehen, wie aus Bayern Geflüchtete dann unter einer Brücke in Paris kampierten und darauf warteten, dass ihnen jemand ein paar Brocken Französisch beibringt.