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Flächenbindung: Wie viele Tiere pro Hektar sind erlaubt? | BR24

© picture-alliance / Frank May

Einige Bundesländer, darunter Bayern, haben ihre Stallbau-Förderprogramme an zwei Großvieheinheiten pro Hektar gekoppelt.

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    Flächenbindung: Wie viele Tiere pro Hektar sind erlaubt?

    Naturschützer fordern eine Höchstgrenze von Tieren pro Hektar, um industrialisierte Tierhaltung und überdüngte Böden zu verhindern. Bei Förderrichtlinien, im Bau- und Steuerrecht gibt es schon eine Flächenbindung - und Wege, sie zu umgehen.

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    Von
    • Cornelia Benne
    • Christine Schneider

    Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner fordert: "Ich halte eine Flächenbindung für hoch angeraten. Wir sehen doch alle, wo eine hohe Konzentration der Tierhaltung, die in keiner Relation mehr zur Fläche steht, hinführt." Diese Forderung bejahen viele, doch es gibt bereits zahlreiche gesetzliche Regelungen, wie viele Tiere in Deutschland pro Hektar gehalten werden dürfen.

    Freiwillige Flächenbindung bei Biobauern und BDM-Milchbauer

    50 Milchkühe, die Nachzucht und einige Mastbullen stehen im Stall von Werner Reinl in Ellenbach in der Oberpfalz. Der konventionelle Landwirt bewirtschaftet gut 60 Hektar Land, das Futter für seine Tiere erzeugt er selbst. Werner Reinl ist Mitglied beim Bundesverband Deutscher Milchviehhalter (BDM). Der hat die Marke "Faire Milch" ins Leben gerufen, die teilnehmenden Landwirte erfüllen freiwillig bestimmte Auflagen.

    Zum Beispiel eine verpflichtende Flächenbindung von maximal 2,5 Großvieh-Einheiten (GV) pro Hektar Fläche. Das entspricht etwa 2,5 Milchkühen. Werner Reinl: "Es ist wichtig, dass in der Landwirtschaft in Kreisläufen gedacht wird. Dass das Futter von der eigenen Fläche kommt und die Gülle auch wieder auf der eigenen oder der gepachteten Fläche untergebracht wird." Bei Biobauern ist eine Flächenbindung von zwei GV pro Hektar Standard.

    Was sind Großvieheinheiten?

    Sind 2,5 Großvieh-Einheiten pro Hektar etwas Besonderes? Eine Großvieh-Einheit, kurz GV, wird nach dem Lebendgewicht eines Tieres berechnet. Eine Milchkuh mit 500 kg entspricht einer GV, genau wie rund acht Mast-Schweine oder fast 500 Masthähnchen. In Bayern liegt der Durchschnittswert bei 0,9 Großvieh-Einheiten pro Hektar, also deutlich unter den geforderten 2,5 GV.

    Steuerrecht: Landwirt oder gewerblicher Tierhalter?

    Fast alle landwirtschaftliche Betriebe sind heute spezialisiert: Die einen sind Ackerbauern ohne Tiere, die anderen Milchvieh- oder Mastbetriebe mit vielen Tieren. Damit ein Landwirt kein gewerblicher Tierhalter ist, muss die Anzahl der Tiere zur bewirtschafteten Fläche passen, das verlangt das Steuerrecht. Es orientiert sich am Futterbedarf und rechnet in Vieh-Einheiten. Die für landwirtschaftliche Regeln gebräuchlichen "Großvieh-Einheiten" gehen nach dem Lebendgewicht. Kompliziert, aber: Beides entspricht in etwa einer ausgewachsenen Kuh.

    Staffelung nach Hektar

    Auf den ersten 20 Hektar, die ein Landwirt bewirtschaftet, darf er nach Steuerrecht 10 Vieh-Einheiten pro Hektar halten. Auf den nächsten 10 Hektar nur noch jeweils 7. Die Staffelung geht weiter bis 100 Hektar, ab dieser Grenze sind nur noch 1,5 Vieh-Einheiten erlaubt.

    Landwirte mit Flächenbindung haben Vorteile

    Der Augsburger Steuerberater Erwin Reichholf betreut viele Landwirte. Es ist vorteilhaft, die Flächenbindung einzuhalten und ein landwirtschaftlicher Betrieb zu sein, denn Landwirte haben steuerliche Vorteile: "Ist es ein Gewerbebetrieb, muss zum Beispiel Gewerbesteuer bezahlt werden und die Kfz- Steuerbefreiung für Landmaschinen fällt weg."

    Steuerrecht: Wie viele Tiere für 60 Hektar?

    Mit 50 Kühen plus Nachzucht ist Landwirt Werner Reinl von dieser Obergrenze weit entfernt. Bei seinem 60-Hektar-Betrieb wären steuerrechtlich 420 Vieheinheiten möglich. Er dürfte zum Beispiel 290 Milchkühe halten, 100 Jungrinder und 200 Kälber. Oder aber 21.000 Legehennen.

    Steuerlicher Trick: Betriebsteilung

    Wenn ein Betrieb sich neu orientiert, etwa nach einem Generationenwechsel, werden oft die Tierzahlen erhöht, auch über die Obergrenzen hinaus. Falls keine zusätzlichen Flächen zur Verfügung stehen, kann man einen Betrieb teilen. Der Vorteil: man nutzt so zweimal die hohe Tierzahl für die ersten 20 Hektar.

    Aber: Zwei Betriebe müssen wirklich eigenständig geführt werden, mit zwei Hofstellen und vielen Verträgen. Der Aufwand ist groß und die Kontrollen der Finanzbehörden sind streng.

    Flächenbindung umgehen mit Tierhaltungs-Kooperationen

    Eine andere Lösung: sogenannte Tierhaltungs-Kooperationen, auch Vieheinheiten-Gesellschaften genannt. Meist sucht sich ein Tierhalter einen Ackerbaubetrieb, der selbst keine Vieheinheiten hat. Die Betriebe dürfen nicht mehr als 40 km auseinander liegen und müssen im Haupterwerb geführt werden. Oft werden Gülleabnahmeverträge geschlossen, allerdings ist das nicht zwingend vorgeschrieben. Wie viele Tierhaltungs-Kooperationen es in Bayern oder Deutschland gibt, dazu gibt es keine Statistiken. Auch manche Biobauern vereinbaren untereinander sogenannte Futter-Mist-Kooperationen.

    Flächenbindung im Baurecht

    Auch im Baurecht gibt es eine Flächenbindung, je nach Tierart und Emissionen aus dem Stall. Wenn ein Landwirt im Außenbereich einen Stall bauen will, muss er sich an genaue Auflagen halten. Gefragt wird bei der Baugenehmigung auch: Kann der Landwirt mit dem Futter von seinen Flächen seine Tiere ernähren? Die Vorschrift: Der überwiegende Teil des Futters muss von den eigenen Flächen kommen, der Rest darf zugekauft werden.

    Allerdings gibt es keinen Ortsbezug: ein Betrieb in Bayern kann Flächen in Sachsen-Anhalt pachten, um seine Futtergrundlage nachzuweisen.

    Hat Seehofer die Flächenbindung abgeschafft?

    Hartnäckig hält sich der Vorwurf, Horst Seehofer hätte die Flächenbindung abgeschafft. Stimmt das? Bis 2007 galt: Wer einen Stall bauen wollte und mehr als 2 GV/ha oder insgesamt mehr als 50 GV hatte, war genehmigungspflichtig nach dem Bundes-Immissionsschutzgesetz. Ein aufwendiges und langwieriges Anhörungsverfahren, auf das die Landwirte gerne verzichten. Diese Obergrenzen hat Horst Seehofer in seiner Funktion als Bundeslandwirtschaftsminister gekippt und neue eingeführt: 1.500 Mastschweine, 30.000 Masthähnchen oder 600 Rinder – ohne Flächenbindung.

    Wie viel Gülle auf welche Fläche?

    Die Düngeverordnung hat mit der steuerlichen Flächenbindung und dem Baurecht nichts zu tun, sie muss grundsätzlich eingehalten werden. Pro Hektar und Jahr dürfen nicht mehr als 170 Kilogramm Stickstoff aus organischen Düngern (Gülle, Mist, Jauche, Biogassubstrat) ausgebracht werden. Das begrenzt automatisch die Zahl der Tiere. Betriebe, die mehr als 50 Großvieheinheiten oder mehr als 2,5 GV pro Hektar haben, müssen eine sogenannte Stoffstrombilanz vorlegen.

    Allerdings werden auch hier oft Kooperationen gesucht, also Abnehmer für Gülle oder Gärreste aus der Biogasanlage, wenn einem Betrieb die Flächen fehlen.

    Flächenbindung bei Stallbauförderung

    Einige Bundesländer, darunter Bayern, haben ihre Stallbau-Förderprogramme an zwei Großvieheinheiten pro Hektar gekoppelt. Das heißt, Betriebe, die neue Ställe bauen und dafür Fördergelder beantragen, müssen genügend Fläche nachweisen. Auch hier gibt es wieder ein Schlupfloch: Hat der Landwirt die nötige Fläche nicht, kann er Gülleabnahmeverträge mit anderen Landwirten abschließen. Auch die Bundesregierung hat sich in ihrem Klimaschutzplan 2050 dazu bekannt, die Förderung stärker an diesem Verhältnis auszurichten. Der Bund Naturschutz fordert seit langem, nicht nur Stallbaufördergelder, sondern alle Zahlungen an die Landwirte an eine Flächenbindung zu koppeln.

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