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Finanzskandal in Eichstätt: System oder Einzelfall? | BR24

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Die Kirche und ihr Umgang mit Geld - ein skandalträchtiges Thema. Professor Ulrich Hemel, Präsident des Bundes katholischer Unternehmer und studierter Theologe, über die windigen Geschäfte in Eichstätt.

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Finanzskandal in Eichstätt: System oder Einzelfall?

Die Kirche und ihr Umgang mit Geld - ein skandalträchtiges Thema. Professor Ulrich Hemel, Präsident des Bundes katholischer Unternehmer und studierter Theologe, über die windigen Geschäfte in Eichstätt.

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Bayern 2-radioWelt: Dass mit Bistum-Geldern windige Geschäfte gemacht werden können, ohne dass das rechtzeitig auffällt, ist das ein Einzelfall oder hat es doch strukturelle Gründe?

Professor Ulrich Hemel, Theologe und Präsident des Bundes katholischer Unternehmer: In Eichstätt war das sicher ein Einzelfall, aber insgesamt spielen die Strukturen sehr wohl eine Rolle. Einfach deswegen, weil das ein riesen Lernprozess ist, wie die Kirche mit den ihr anvertrauten Geldern umgeht.

Bayern 2-radioWelt: Was in Eichstätt passiert ist, hätte grundsätzlich auch in anderen Bistümern geschehen können?

Ulrich Hemel: Ja, weil das System keineswegs so ausgefeilt ist, dass die notwendigen Kontrollen und Überprüfungen und Zweitmeinungen so differenziert eingeholt werden, wie das in anderen Bereichen üblich ist.

Bayern 2-radioWelt: Es heißt auf der Webseite des Bistums Eichstätt zum Skandal, man habe zu lange an kirchenüblichen Strukturen festgehalten, die auf einem Prinzip fußten: Vertrauen ersetzte Kontrolle. Das ist bei Finanzgeschäften, wenn es um 60 Millionen Dollar geht, schon recht naiv, oder?

Ulrich Hemel: Naivität ist ein Vorwurf, den man sicher machen kann. Aber Vertrauen ist ja nicht blind in der Welt, sondern wir haben ein Kompetenz-Vertrauen. Wenn Sie zu Ihrem Zahnarzt gehen, haben Sie ein Kompetenz-Vertrauen und erwarten, dass er es gelernt hat, Zähne zu richten. Wenn Sie zu einem Bischof gehen, haben Sie nicht automatisch das Vertrauen, dass er gelernt hat, mit komplexen Finanzoperationen umzugehen. Denn dann hätte er Finanz- und Betriebswirtschaft studiert und in aller Regel nicht gerade Theologie.

Bayern 2-radioWelt: Sie sagen, dass es in den Bistümern den zuständigen Menschen an Sachverstand fehlt, weil eben nicht jeder exzellente Kirchenmann oder Theologe gleichzeitig Finanzexperte sein kann?

Ulrich Hemel: Ganz so einfach ist es nicht, denn die Menschen, die mit den Geldern umgehen, haben im Einzelfall sehr wohl hohen Sachverstand, aber sie brauchen immer auch eine Aufsicht. Sie brauchen jemand, mit dem sie sich austauschen können, der kritikfähig ist und der sagt: Hast Du an dieses Risiko gedacht, an jenes Risiko? Und von diesen Menschen gibt es in den kirchlichen Zusammenhängen zu wenige, so dass es dazu kommen kann, dass einzelne Personen weitreichende Entscheidungen treffen, die dann abgesegnet werden von Aufsichtsorganen, von Menschen, die davon viel weniger Ahnung haben. Und das führt dann immer wieder zu solchen Skandalen.

Bayern 2-radioWelt: Welche Rolle spielt dabei die Scheu vor Transparenz, also dass man sich eben nicht von externen Fachleuten reinschauen lassen möchte in die Finanzen, sondern lieber Vertraute damit umgehen lässt?

Ulrich Hemel: Da hat sich bereits viel getan. Gerade die Transparenz-Initiative der Deutschen Bischofskonferenz ist ja der Hintergrund für das Aufdecken des Eichstätter Finanzskandals, der ja - und auch das ist interessant - in einem späteren Moment sich als viel kleiner herausgestellt hat, als man ursprünglich dachte. Und auch daran sehen Sie, wie schwierig es ist für die Kirche, professionell mit Geldern umzugehen. Den Skandal von vorneherein in der Größenordnung des Totalverlustes aufzuzeigen, ist möglich, dann kann nicht noch Schlimmeres passieren. Aber eine genauere Betrachtung zeigt: So ganz wahrscheinlich ist der Totalverlust nicht. Und tatsächlich hat der Verlust, wenn er überhaupt kommt, sich als deutlich geringer herausgestellt - und genau durch diese Vorgänge kann man sehen: Wir müssen das System anpassen. Wir müssen die Prozesse verbessern, wir brauchen Professionalität, sowohl bei den Entscheidern, wie bei den Kontrolleuren.

Bayern 2-radioWelt: Was konkret fordern Sie?

Ulrich Hemel: Aus meiner Sicht brauchen wir Finanzräte in den Diözesen, die auch nicht ohne weiteres vom Bischof ernannt werden, sondern die gewählt werden - und zwar gewählt werden aufgrund von eindeutig vorgegebenen Qualifikations- und Kompetenz-Profilen, so dass die Personen, denen man solche Gelder und solche Prozesse anvertraut, dafür auch wirklich geeignet sind.

Bayern 2-radioWelt: Nun hat der Bischof ja nicht persönlich Geld verzockt. Er sieht sich vor allem getäuscht. Aber welche Verantwortung trifft eben auch den Bischof als Leiter des Bistums?

Ulrich Hemel: Das ist so, wie bei jeder Organisation: Wer eine große Organisation leitet, trägt immer Verantwortung. Denn er wählt die Personen aus, die er ins Amt hebt oder im Amt behält. Er ist verantwortlich für die Prozesse, die es dort gibt. Auch dann, wenn er persönlich nichts damit zu tun hat. Das ist aber hier tatsächlich ein strukturelles Thema, denn niemand wird Bischof, weil er in seinem ersten Theologie-Semester sagt: Ich möchte gerne Millionen verwalten! Das sind Menschen, die sagen: Ich möchte den Christen und Christinnen dienen, ich möchte Gemeindearbeit machen, ich möchte einen Beitrag leisten dafür, dass das Evangelium in dieser Welt zum Strahlen kommt. Das ist eine völlig andere Logik und als die Logik von Finanzgeschäften - und diese beiden Logiken beißen sich. Deshalb brauchen wir hier Kompetenz, und deswegen brauchen wir auch eine Befreiung der Bischöfe und der Priester von überbordender Verwaltung.

Bayern 2-radioWelt: Und in diesem konkreten Fall in Eichstätt: Sehen Sie die Verantwortung von Bischof Hanke so, dass er auch an persönliche Konsequenzen, sprich an einen Rücktritt denken sollte?

Ulrich Hemel: Das wird mindestens aus diesem Grund nicht der Fall sein, denn ähnliche Probleme treffen ja auch andere Bischöfe. Ich glaube vielmehr, dass wir das System der Finanzverwaltung in der Kirche in Deutschland und weltweit auf den Prüfstand stellen müssen. Dass wir hier das einführen sollten, was es anderen Ortes bereits gibt, nämlich Checks & Balances. Das bedeutet, dass es Wertgrenzen gibt. Dass ein Gremium Aufsicht übt, ob diese Entscheidung sinnvoll ist. Damit haben Sie automatisch einen Dialog - und zwar einen Dialog von fachkundigen Menschen und nicht einsame Entscheidungen, die dann überprüft werden von Personen, die von der Sache nicht allzu viel verstehen.