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Finanzskandal Eichstätt: Teures Geklüngel unter Geistlichen | BR24

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Massive "systemische Defizite" in der Vergangenheit haben zum bundesweit größten kirchlichen Finanzskandal im Bistum Eichstätt geführt. Zu diesem Ergebnis kommt der heute vorgelegte unabhängige Prüfbericht. Ursache seien Intransparenz und Geklüngel.

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Finanzskandal Eichstätt: Teures Geklüngel unter Geistlichen

47 Millionen Euro Verlust: Massive "systemische Defizite" haben zum bundesweit größten kirchlichen Finanzskandal im Bistum Eichstätt geführt. Zu diesem Ergebnis kommt der unabhängige Prüfbericht. Ursache seien Intransparenz und Geklüngel.

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Ein Jahr nach dem Finanzskandal im Bistum Eichstätt ist heute Bischof Gregor Maria Hanke durch einen unabhängigen Prüfbericht weitgehend entlastet worden. Durch riskante Immobiliengeschäfte hat das Bistum wohl 47 Millionen Euro verloren, verantwortlich dafür sei aber vor allem ein System mangelnder Transparenz und Geklüngel.

Damaliger Finanzdirektor habe Pflicht "gröblichst verletzt"

Bislang wird gegen den ehemaligen stellvertretenden Finanzdirektor und einen seiner Geschäftspartner ermittelt. Der Prüfbericht nennt jetzt allerdings auch den damaligen Finanzdirektor des Bistums als dritten Schuldigen: Er wurde nicht getäuscht, sondern habe seine Pflicht "gröblichst verletzt". So habe er 31 Darlehensanträge unterzeichnet, obwohl er des Englischen nicht mächtig war.

Der damalige Finanzchef und Vorgesetzte muss nun mit einer Schadenersatzklage des Bistums rechnen. Der Prüfbericht macht den Theologen noch für eine weitere Fehlspekulation verantwortlich. So hat er 2012 fünf Millionen Euro in eine Reederei auf den Philippinen investiert.

"Gegenstand dieser Beteiligung sollte das profitable Betreiben von Frachtschiffen sein, diese Hoffnungen haben sich nicht erfüllt. Das Engagement ist mittlerweile auf ein Euro wertberichtigt." Anwalt Ulrich Wastl

"System Eichstätt" unter Bischof Walter Mixa errichtet

Der heute vorgelegte Prüfbericht einer unabhängigen Anwaltskanzlei zum Finanzskandal Eichstätt weist erhebliche systembedingte Missstände im Bistum Eichstätt nach. Der Prüfzeitraum wurde bis zum Jahr 2004 ausgedehnt, damals wurde in der Diözese noch unter dem damaligen Bischof Walter Mixa das, wie es im Bericht heißt, "System Eichstätt" errichtet, zu dessen Spätfolgen auch der Finanzskandal vom vergangenen Jahr gehört.

Bei der Pressekonferenz am Dienstag in Eichstätt sagte Anwalt Ulrich Wastl:

"Wir haben ein System vorgefunden, in dem einige Kleriker auf der operativen und auf der Aufsichtsebene tätig waren, sich somit selbst kontrolliert haben."

Diözesanverwaltungsrat mit 20 Jahren Verspätung eingerichtet

Erst 2004, mit über 20 Jahren Verspätung wurde in der Diözese Eichstätt ein Diözesanverwaltungsrat eingerichtet, dabei wurde allerdings mehrfach gegen das Kirchenrecht verstoßen: Eigentlich darf ein Domkapitular nicht zugleich Finanzdirektor sein, es gab Kontroll- und Transparenzdefizite, die Mitglieder des Diözesanverwaltungsrates müssen u.a. in wirtschaftlichen Fragen erfahren sein und können nicht in einem Anstellungsverhältnis mit der Diözese stehen.

Wörtlich heißt es in dem Prüfbericht:

"Ein enger Zirkel hochrangiger Kleriker besetzte sämtliche zentralen Macht- und Schaltstellen innerhalb der operativen Verwaltung und nahm gleichzeitig die Funktion der Kontroll- bzw. Beratungsgremien wahr. All dies geschah unter der bewussten Inkaufnahme der eigenen fachlichen Inkompetenz."

Dieses "System Eichstätt", das sich allerdings damals, wie es im Bericht heißt, nicht sehr von den Zuständen in anderen Diözesen unterschieden habe, sei nicht die Ursache des Eichstätter Finanzskandals, habe aber diesen begünstigt. Die führenden Mitglieder des Domkapitels in den Jahren 2004 bis 2015 seien "faktisch Hauptverantwortliche", weil sie die Strukturen nicht hinterfragt hätten.

Bischof Hanke wird weitestgehend entlastet

Auch nach dem Amtsantritt von Bischof Gregor Maria Hanke seien die gewachsenen Strukturen nicht ausreichend reformiert worden, auch nicht nach dem Jahr 2013, als nach dem Finanzskandal im Bistum Limburg die sogenannte Transparenzoffensive der deutschen Bistümer angestoßen wurde. Dennoch könne Hanke allenfalls der Vorwurf gemacht werden, die schon vor seinem Amtsantritt gewachsenen Strukturen nicht umfassend reformiert zu haben. Alle weiteren Vorwürfe, insbesondere der Vorwurf, er sei in die dubiosen Geschäfte des damaligen Finanzdirektors der Diözese verwickelt gewesen, hätten sich nicht erhärtet.

Von den 60 Millionen US-Dollar aus dem Kirchenvermögen, die in riskante Immobiliengeschäfte in den USA gesteckt worden waren, sind bislang etwa sechs Millionen US-Dollar zurückgezahlt worden. 44 Millionen US-Dollar der noch ausstehenden 54 Millionen Dollar sind schon länger fällig, wurden aber nicht zurückgezahlt.

Der Finanzskandal im Bistum Eichstätt hat vor einem Jahr die katholische Kirche in ganz Deutschland erschüttert. Bischof Hanke hat den Prüfbericht umgehend veröffentlicht. Seine Hoffnung: "Dass die anderen Bischöfe aus der Eichstätter Leidensgeschichte etwas lernen."

Der Prüfbericht im Wortlaut

Der gesamte Prüfbericht im Wortlaut (pdf, 159 Seiten) kann auf dieser Seite eingesehen und heruntergeladen werden. Eine zusammengefasste Kurzfassung (pdf, 21 Seiten), die zur Vorstellung des Berichts verwendet wurde, kann hier heruntergeladen werden. Das Bistum Eichstätt hat zudem eine Sonderseite mit allen Entwicklungen, Pressemeldungen und herunterladbaren Dokumenten eingerichtet.

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Ein System aus Geklüngel und mangelnder Kontrolle hat den Missstand in der Finanzverwaltung des Bistums Eichstätt erst möglich gemacht. So steht es im Prüfbericht einer unabhängigen Anwaltskanzlei, der heute vorgestellt wurde.