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U-Bahn in Nürnberg
© Helmut Meyer zur Capellen/picture alliance/imageBROKER

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Sammy Khamis
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U-Bahn in Nürnberg

In U-Bahnhöfen sei die Feinstaubbelastung deutlich höher als auf der Straße. Diese Aussage ging während der Debatte um Schadstoffbelastungen im Straßenverkehr durch Medien und Soziale Netzwerke.

Die Texte beziehen sich auf einen Test des Prüfkonzerns DEKRA im vergangenen Sommer in Stuttgart. Die Stuttgarter Nachrichten hatten die Prüfgesellschaft gebeten, mit einem mobilen Messgerät die Feinstaubbelastung an U-Bahnhöfen wie Stadtmitte, Stuttgart-Vaihingen oder Charlottenplatz zu prüfen.

Diese Umfrage ist ein Stimmungsbild und nicht repräsentativ. Technisch ist das System bestmöglich geschützt, um Manipulationen zu vermeiden.

Belastung teilweise mehr als doppelt so hoch wie der Grenzwert

Das Resultat: Direkt an Bahnsteigen der U-Bahn war die Feinstaubbelastung mit jeweils rund 100 Mikrogramm pro Kubikmeter mehr als doppelt so hoch wie der vorgeschriebene Grenzwert von 40 Mikrogramm pro Kubikmeter. An den stark befahrenen Abschnitten des Mittleren Rings in München liegt die Feinstaubbelastung laut der Stadt bei mehr als 55 Mikrogramm pro Kubikmeter.

Warum ist die Feinstaub-Belastung in der U-Bahn so hoch?

Die Belastung in U-Bahnhöfen ist aus zwei Gründen tatsächlich signifikant hoch. Zum einen ist der Bremsabrieb und der Abrieb an den Stahlgleisen für Feinstaub verantwortlich. Zum anderen sind U-Bahntunnels weitgehend geschlossene Luftsysteme. In denen findet zwar ein Luftaustausch statt, die Konzentration bleibt jedoch höher, als unter freiem Himmel. Der Feinstaub verteilt sich also nicht, sondern bleibt relativ konzentriert. Das belegten einige wissenschaftliche Studien etwa für die U-Bahnen in Barcelona oder in Seoul.

Wie hoch ist die Gesundheitsbelastung?

Schon 2007 stellten die Grünen in Berlin eine kleine Anfrage zum Thema Feinstaubbelastung in U-Bahnen. Die Berliner Landesregierung sprach damals davon, dass aufgrund der kurzen Verweildauer der Fahrgäste in der U-Bahn relevante Expositionen nicht zu erwarten seien. Auf gut Deutsch: Wer mit der U-Bahn fährt, setze sich nicht lange genug dem Feinstaub in den Bahnhöfen aus, um gesundheitlichen Schaden davonzutragen. Die Verkehrsgesellschaften wissen deshalb so genau über die Grenzwerte und deren Einhaltung Bescheid. Denn der Arbeitnehmerschutz verpflichtet sie, die Belastung zu prüfen. Schließlich sind ihre Mitarbeiter acht Stunden am Tag dem Feinstaub ausgesetzt. Und das nicht nur am Bahnsteig, sondern auch in den Führerhäusern der Bahnen oder in den Tunnelanlagen bei Wartungen und Baumaßnahmen. Die entsprechenden Belastungen liegen, so die Verkehrsbetriebe, jeweils unter dem zugelassenen Tagesgrenzwert.

U-Bahnen in Bayern - Untersuchungen seit Jahren

In Bayern gibt es zwei U-Bahnnetze. Eines in München und eines in Nürnberg. Die Verkehrs-Aktiengesellschaft (VAG), die die Nürnberger U-Bahnen betreibt, antwortete auf Anfrage von BR24, dass man bereits vor mehr als zehn Jahren die Feinstaubbelastung überprüft hat. Die erste Untersuchung stammt laut VAG von 2006/07 und wird seither jährlich aktualisiert.

Untersucht wurden die Belastungen für Kunden am Bahnsteig, für die Fahrerinnen und Fahrer in den Führerhäusern und für die Gleisarbeiter in den Tunnelanlagen. Aus dieser Untersuchung ging laut VAG hervor: Die Belastungen für Kunden habe "keine ernstzunehmenden gesundheitlichen Auswirkungen", da man sich "in der Regel nicht länger als fünf Minuten" am Bahnsteig aufhalte.

Grenzwerte für U-Bahn-Mitarbeiter liegen höher

Für die Mitarbeiter in der VAG, die bis zu acht Stunden am Stück dem Feinstaub ausgesetzt sind, gelten gesetzliche Grenzwerte am Arbeitsplatz. Diese liegen deutlich höher als 40 Mikrogramm pro Kubikmeter, nämlich bei 1,25 Milligramm pro Kubikmeter (das entspricht 1250 Mikrogramm).

Der Grund dafür liegt laut Gesetzgeber darin, dass Arbeiter grundsätzlich gesünder seien als "empfindliche Personen“, also Kinder, ältere Menschen oder Personen mit Lungenkrankheiten.

Filtermaske bei Bauarbeiten im Tunnel empfohlen

Bei den Mitarbeitern in den Tunneln, die beispielsweise Gleise auswechseln, sei die Belastung höher, jedoch "nicht besorgniserregend". Die Sprecherin der VAG empfiehlt ihren Mitarbeitern trotzdem, eine Filtermaske der mittleren Klassifizierung zu tragen, wenn sie in den Tunneln arbeiten.

Die Münchener Verkehrsbetriebe (MVG) antworteten auf eine Anfrage von BR24, es seien bisher nur "einzelne Messungen“ für den Arbeitsschutz durchgeführt worden. Diese hätten unter den relevanten Grenzwerten gelegen. Eine Untersuchung der Belastung für Fahrgäste habe man nicht vorgenommen.

Zusammensetzung und Größe des Feinstaubs sind entscheidend

In Bayern führt die Suche nach unabhängigeren Informationen in einen Kreis: Die Landesregierung verwies auf das zuständige Landesministerium für Verkehr. Das verwies weiter auf das Landesministerium für Umwelt. Dieses wiederum auf die betroffenen Kommunen (Stadt Nürnberg, Stadt München). Und diese verweisen schließlich zurück an die zuständigen Verkehrsbetriebe (VAG und MVG).

Vage Erklärungen zu Feinstaub-Belastung

Auch in Baden-Württemberg blieb die Landesregierung in Baden-Württemberg vage. Sie schrieb zum Thema Gesundheitsrisiko in den städtischen U-Bahnhöfen: "Wie hoch das individuelle gesundheitliche Risiko ist, lässt sich nicht abschätzen, da eine Vielzahl an weiteren Faktoren einberechnet werden müsste.“ Unter anderem sei in Betracht zu ziehen, wie die Menge von Partikeln zusammengesetzt ist, welche Größe sie haben und inwiefern sie tatsächlich gesundheitsschädlich sind. Ein Problem der Messungen sei der Zeitraum, auf den sich die Messungen in der U-Bahn beziehen. Die Luft wurde jeweils nur wenige Minuten untersucht, im Straßenverkehr handelt es sich um Langzeituntersuchungen.

Was passiert, wenn man kurzzeitig hohen Konzentrationen von Feinstaub ausgesetzt ist, darüber gibt es keine offiziellen Statistiken des Bundesministeriums für Umwelt.

Ein Bericht im Auftrag des Umweltbundesamts geht davon aus, dass entscheidend ist, wie lange man sich Feinstaub aussetzt.

Verkehrsbetriebe: Feinstaubpartikel sind zu groß, um gefährlich zu sein

Für U-Bahn-Fahrer ist das laut der Verkehrsbetriebe trotzdem kein Problem. Denn die Zusammensetzung des Feinstaubs in der U-Bahn gehört nicht zu den besonders schädlichen. Entscheidend ist die Beschaffenheit des Feinstaubs. Relativ große Staubpartikel - PM 10 für particulate matter - mit einem Durchmesser von 10 Mikrometern werden durch die Schleimhäute absorbiert. Nur die kleineren sogenannten ultrafeinen Partikel (PM2.5 und PM1) gelangen in die Bronchien oder über die Lungenbläschen sogar in den Blutkreislauf. Forscher machen Verbrennungs- und vor allem Dieselmotoren für die ultrafeinen Partikel verantwortlich. In der U-Bahn spielen diese Quellen für Feinstaub allerdings keine wesentliche Rolle, da in der U-Bahn keine Verbrennungsmotoren laufen.

Was ist mit den metallischen Partikeln im Feinstaub?

Diese Frage können die Verkehrsbetriebe oder auch das Umweltbundesamt auf Nachfrage von BR24 nicht beantworten. Eine Studie aus Schweden wiederum hat in einer toxikologischen Untersuchung herausgefunden, dass der Feinstaub in der U-Bahn durchaus gefährlich sein kann: Durch den Abrieb der Gleise gelangen metallische Partikel in der Luft. Diese Metallteile wären, so die Autoren der Studie, noch gesundheitsschädlicher, als die Partikel von Verbrennungsmotoren. Wie übertragbar diese Studie auf die U-Bahnen in Deutschland ist, ist jedoch unklar. Die Autoren der Studie verweisen darauf, dass weitere Untersuchungen über die Gesundheitsgefahr nötig seien. Laut Recherchen von BR24 plant weder die MVG in München, noch die VAG in Nürnberg in nächster Zeit diese Gesundheitsgefahren zu untersuchen.

Fazit: In U-Bahnen und auf dem Bahnsteig in direkter Nähe zu den Gleisen ist die Feinstaubbelastung höher als beispielsweise an oberirdischen Straßenkreuzungen. Dass diese erhöhte Belastung tatsächlich zu erhöhten Gesundheitsrisiken führt, verneinen sowohl die Politik als die Verkehrsbetriebe. In der U-Bahn und am Bahnsteig ist die Belastung hoch – die Menschen verbringen dort jedoch verhältnismäßig wenig Zeit.