BR24 Logo
BR24 Logo
Startseite

NEU

Bürgermeister-Wahl: Stellt Neufahrns CSU einen Muslim auf? | BR24

© BR

Neufahrn: Ozan Iyibas, ein Muslim vor der Nominierung als CSU-Bürgermeisterkandidat

57
Per Mail sharen
  • Artikel mit Audio-Inhalten
  • Artikel mit Video-Inhalten

Bürgermeister-Wahl: Stellt Neufahrns CSU einen Muslim auf?

Die CSU in Neufahrn bei Freising nominiert heute Abend ihren Bürgermeisterkandidaten. Es gilt als sehr wahrscheinlich, dass ein Bewerber zum Zug kommt, der einer islamischen Konfession angehört.

57
Per Mail sharen

Die CSU in Neufahrn nominiert am Freitag Abend ihren Bürgermeisterkandidaten, der mögliche Kandidat heißt Ozan Iyibas, ist 37 Jahre alt und kam in Freising zur Welt.

Nach den Ereignissen im schwäbischen Wallerstein wird das auch überregional mit großem Interesse verfolgt. Dort hatte ein muslimischer Kandidat nach Kritik aus dem Ortsverband aufgegeben.

Kandidat ist Anhänger des Alevitentums

Wenn man Ozan Iyibas fragt, ob er Muslim sei, dann sagt er: "Ich bin Alevit und lebe nach dem christlichen Menschenbild." Das Alevitentum gilt als säkular und sehr liberal innerhalb des Islam, die Gemeinden treffen sich in Gebetshäusern. In einer Moschee ist der 37-jährige Betriebswirt erst ein einziges Mal gewesen, in Kirchen schon oft.

"Voll integrierter" Muslim in Lederhosen

Bei offiziellen Anlässen trägt Ozan Iyibas meist einen dunklen Anzug, eine Lederhose hat er auch, und überhaupt ist er "voll integriert", wie er betont. Seine Eltern kamen schon vor seiner Geburt aus der Türkei nach Deutschland. Der gebürtige Freisinger ist in Neufahrn aufgewachsen – einer Großgemeinde vor den Toren Münchens. Jeder fünfte Einwohner hat Migrationshintergrund so wie Ozan Iyibas.

CSU-Mitglied seit 13 Jahren

Im Jahr 2007 ist Iyibas in die CSU eingetreten, seit 2014 sitzt er im Gemeinderat und inzwischen ist er auch Landesvorsitzender des CSU-Arbeitskreises Migration und Integration. Dass er sich tatsächlich als Bürgermeisterkandidat bewerben wird, hat er selbst übrigens immer noch nicht offiziell bestätigt. Nur so viel: Er sei eine Option.

Muslimischer CSU-Bürgermeisterkandidat in Wallerstein gibt auf

Zuletzt hatte die CSU in Wallerstein (Kreis Donau-Ries) für Schlagzeilen gesorgt, weil dort ein möglicher muslimischer CSU-Bürgermeisterkandidat, Sener Sahin, wegen Widerstands an der eigenen Parteibasis aufgab. Der Wallersteiner CSU-Vorstand hatte mit Sahin an der Spitze in die Wahl am 15. März gehen wollen.

© BR

Ein Moslem als Bürgermeister im schwäbischen Wallerstein? Das ging vielen CSU-Mitgliedern im Ort zu weit. Die Proteste haben Wirkung gezeigt. Der CSU-Kandidat Schener Schahin hat seine Bewerbung zurückgezogen und lässt sich nicht mehr umstimmen.

Unverständnis im politischen Berlin

"Natürlich" sei Deutschland bereit für einen muslimischen Bürgermeister, sagt FDP-Chef Christian Lindner dem BR. In Hannover sei ja gerade erst einer gewählt worden. Dort hat im November der Grüne Belit Onay das Amt des Bürgermeisters übernommen, er bezeichnet sich selbst als "liberalen Muslim". Lindner hält es deshalb für eine Schutzbehauptung, dass die Menschen nicht bereit seien für einen muslimischen Bürgermeister: "Es ist bedauerlich, dass die CSU nicht offensiv dieses Thema aufgegriffen hat, sondern dass die örtlichen Führungskräfte und Mitglieder so rückwärts denken."

Ähnlich bewertet auch der Grünen-Bundestagsabgeordnete Chris Kühn die Geschehnisse: "Die Vorgänge zeigen, dass der Weg hin zu einer pluralen und vielfältigen Gesellschaft noch weit ist. Es ist peinlich, wie die CSU sich hier aufstellt." Und Caren Lay von den Linken betont: "Die CSU hat mit dem Fall Sahin einmal mehr bewiesen, wo sie steht."

Bedauern auch bei CDU und SPD

Doch nicht nur aus der Opposition kommen kritische Stimmen (wobei die Anfragen an die AfD mit einer Bitte um Stellungnahme unbeantwortet blieben). Auch die Berliner Koalitionspartner CDU und SPD blicken mit Skepsis und Bedauern nach Bayern. Die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Annette Widmann-Mauz (CDU), teilte mit: "Ich begrüße das politische Engagement von Menschen wie Sener Sahin außerordentlich! Es ist ein Gewinn für unser Land, unsere Demokratie und unseren Zusammenhalt. Es verdient volle Unterstützung statt Vorbehalte. Deshalb bedaure ich die Entwicklung in Wallerstein sehr." Die Bundesregierung fördert Projekte, die die Menschen unterschiedlicher Herkunft in den Kommunen ermutigen sollen, sich politisch einzubringen.

"Sollte der CSU zu denken geben"

Alle sind sich einig darin, dass Religionszugehörigkeit allein kein Kriterium dafür sein könne, ob jemand als Bürgermeister geeignet ist oder nicht. Der kommunalpolitische Sprecher der SPD, Bernhard Daldrup, sagt, es sei ja auch Ausdruck gelungener Integration, wenn Menschen mit anderem kulturellen und religiösen Hintergrund kandidierten. "Der CSU sollte es zu denken geben, wenn die CSU-Spitze einerseits von Menschen mit Migrationshintergrund regelmäßig mehr Integrationsbereitschaft verlangt, die Parteibasis jedoch selbst bestens integrierte Kandidaten ablehnt."

Alois Glück hofft auf Umdenken

Der frühere Vorsitzende der CSU-Grundsatzkommission und Ex-Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, Alois Glück, hofft, dass der Wirbel um den Wallersteiner Fall manch einen Parteikollegen nachdenklich gemacht hat. "Ich will von außen keine weiteren Empfehlungen geben. Aber ich kann mir gut vorstellen, dass über den Vorgang und die dadurch ausgelöste Diskussion viele einen Weg zu einer differenzierteren Betrachtung finden", betonte er.

© BR

Der Rückzug eines muslimischen CSU-Kandidaten in Wallerstein und ein möglicher muslimischer Kandidat in Neufahrn sorgen für Diskussionen.

"Darüber spricht Bayern": Der neue BR24-Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht’s zur Anmeldung!