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Es ist eine Betrugsmasche, die jährlich einen Millionenschaden anrichtet: "Falsche Polizisten" bringen vor allem alte Menschen am Telefon dazu, ihnen Geld und Wertsachen zu übergeben. Aber was und wer steckt hinter dieser organisierten Kriminalität?

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Falsche Polizisten zocken Senioren in Millionenhöhe ab

Es ist eine Betrugsmasche, die jährlich einen Millionenschaden anrichtet: "Falsche Polizisten" bringen vor allem alte Menschen am Telefon dazu, ihnen Geld und Wertsachen zu übergeben. Aber was und wer steckt hinter dieser organisierten Kriminalität?

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Von
  • Veronika Scheidl

Herbst 2019: Der Augsburger Johann K. (Name geändert) ahnt nichts Böses, als er ans läutende Telefon geht. Doch es wird dubios: Ein vermeintlicher Kriminalkommissar will mit dem Rentner sprechen. Dieser erzählt ihm, man sei Verbrechern auf der Spur und deswegen brauche man seine Hilfe.

Dazu soll Johann K. Geld auf der Bank abheben - ganze 30.000 Euro. Polizeibeamte würden ihn auf dem Nachhauseweg in Zivil abschirmen: "Ich bräuchte also keine Angst haben, dass irgendjemand anders dann das Geld wegnehmen könnte", erinnert sich Johann K. an das Gespräch.

"Falsche Polizisten" gewinnen Vertrauen mit einem Trick

Doch der Rentner ist skeptisch, deswegen wendet der "falsche Polizist" einen Trick an: Um das Vertrauen des 77-Jährigen zu gewinnen, bittet er ihn aufzulegen und die 110 zu wählen. K. glaubt, dass das Telefonat beendet sei - doch stattdessen läuft der Anruf immer noch.

Als er bei offener Leitung die 110 wählt, glaubt er, bei der echten Polizei zu landen - doch stattdessen spricht er immer noch mit den Betrügern. "Das war mein großer Fehler. Ich dachte wirklich, mit dem Kommissar zu sprechen", bedauert der Augsburger.

Organisierte Banden agieren von der Türkei aus

Die Betrugsmasche "Falscher Polizist" hat deutlich zugenommen, wie die Augsburger Polizei beobachtet. Eine verdeckte Ermittlungsgruppe befasse sich ausschließlich mit dieser Form der organisierten Kriminalität, erklärt ein Kriminalkommissar, der unerkannt bleiben muss.

Hinter der Betrugsmasche stecken laut Polizei organisierte Banden, die zumeist von der Türkei aus agieren. "Es sind ehemalige, in Deutschland geborene, aufgewachsene Straftäter, die dann aus unterschiedlichen Gründen ins Ausland ausgewandert sind oder abgeschoben wurden", sagt der Kriminalkommissar. Dementsprechend kennen sich die Betrüger sowohl regional also auch mit der Kultur und den Gepflogenheiten in Deutschland aus. Oft sprechen die Betrüger sogar den passenden Dialekt der Region, in der sie ihre Opfer anrufen.

Betrugsmasche mit fester Rollenverteilung

Die organisierten Banden sind laut Polizei hierarchisch und organisatorisch durchstrukturiert: "Jeder hat seine klare Aufgabe, die zuvor schon vereinbart wurde. Da greift ein Rädchen in das andere, und nur so funktioniert auch diese Masche", erklärt der Augsburger Kriminalkommissar.

Die Betrüger arbeiten von "Callcentern" aus: Sogenannte "Keiler" suchen im Telefonbuch nach alt klingenden Namen, rufen bei dem Opfer in Deutschland an und tischen Geschichten auf. Etwa, dass Einbrecher in der Nachbarschaft unterwegs sind und deswegen Geld und Schmuck nicht sicher seien.

Fällt das Opfer darauf rein, wird in Deutschland ein "Abholer" aktiviert - der dann das Geld und weitere Ware einsammelt und alles über einen "Logistiker" in die Türkei schickt.

Große Scham bei Betrugsopfern

Die "Falschen Polizisten" sind äußerst erfolgreich, allein im Freistaat haben sie laut dem bayerischen Justizministerium im vergangenen Jahr einen Schaden von mehr als neun Millionen Euro verursacht - die Dunkelziffer liege aber wahrscheinlich viel höher, sind sich die Ermittler sicher. Denn die Scham, auf Betrüger hereingefallen zu sein, ist bei den Opfern groß. "Deswegen offenbaren das viele nicht und bringen den Betrug erst gar nicht zur Anzeige", sagt der Augsburger Kriminalkommissar.

Johann K. kamen doch noch Zweifel

Auch Johann K. ist es heute noch unangenehm, dass er den Betrügern zunächst auf den Leim ging. Er machte sich damals auf den Weg zur Bank, das Handy musste er auf Anweisung der Betrüger eingeschaltet lassen, sodass sie alles mithören können. 30.000 Euro soll er abheben. "Als ich dann auf der Bank war, hat mich der Angestellte ganz erstaunt angeschaut, was ich mit so viel Geld will. Dann sind mir doch große Zweifel gekommen", sagt der Rentner.

Johann K. schreibt auf einen Zettel, dass der Bankangestellte die Polizei rufen soll. Dem Betrüger erzählt er, dass sein Handyakku fast leer sei und er nach dem Geld abheben erst noch mal das Handy aufladen müsse - doch die Betrüger ahnen, dass etwas faul ist. Der Abholer taucht deswegen nie auf.

Polizei zerschlägt Callcenter in Izmir

Wer hinter dem Anruf bei Johann K. steckte, weiß die Polizei nicht. Doch immer wieder gibt es große Ermittlungserfolge: Erst im Dezember vergangenen Jahres konnten die deutsche und die türkische Polizei in Izmir ein "Callcenter" zerschlagen, mehrere Personen festnehmen und ein Vermögen von insgesamt 105 Millionen Euro beschlagnahmen.

Vorsicht bei dubiosen Anrufen

Allerdings gibt es noch viele weitere solcher "Callcenter" – die Polizei wird deswegen nicht müde, weiter vor der Betrugsmasche zu warnen. Sie setzt insbesondere auf Prävention, sodass die Menschen erst gar nicht auf die Betrüger hereinfallen. Die Polizei rät dazu, bei dubiosen Anrufen sofort aufzulegen. Denn die Polizei würde niemals nach Geld oder Wertsachen fragen – und schon gar nicht würde sie vorbei kommen, um diese Dinge abzuholen.

Wenn die Betrüger anrufen, dann erscheint laut Polizei auf dem Display oft auch die Ortsvorwahl und eine "110" dahinter – auch da sollte man sofort auflegen, denn die echte Polizei ruft niemals unter dieser Nummer an.

Johann K. aus Augsburg hat aus dem Vorfall jedenfalls eines gelernt: "Wenn da einer anruft, wird aufgelegt und fertig!"

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Telefonbetrug boomt in allen Formen, aber speziell der Trick mit den falschen Politzisten gelingt leider bei zu vielen Senioren immer wieder. Ein Aufklärungsgespräch mit dem Kriminaldirektor Werner Schindele.

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