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Vor dem Urteil im Fall Maria Baumer: So lief der Prozess | BR24

© picture alliance/Armin Weigel/dpa

Der Angeklagte sitzt im Gerichtssaal des Regensburger Landgerichts - nur wenige Meter von den Eltern Maria Baumers entfernt.

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    Vor dem Urteil im Fall Maria Baumer: So lief der Prozess

    Seit Juli sitzt Maria Baumers Verlobter auf der Anklagebank. Der Vorwurf: Mord. Am Dienstag fällt das Urteil, nach einem Prozess mit wissenschaftlicher Kleinstarbeit, bestürzenden Aussagen und einer überraschenden Wendung.

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    Von
    • Andreas Wenleder

    Es ist Anfang Juli, als das Schwurgericht des Regensburger Landgericht erstmals zusammenkommt. Für die Richter ist es kein gewöhnlicher Mordprozess. Der Fall hat viele Menschen in der Oberpfalz und darüber hinaus bewegt, von Anfang an ist das Zuschauerinteresse am Verfahren enorm.

    Gericht hört Sachverständige und Experten

    Für die Kammer beginnt die Suche nach der Wahrheit anfangs ganz wissenschaftlich: An den ersten Tagen des Prozesses gegen Maria Baumers Verlobten sollen Experten den Beweiswert der gesammelten Indizien einschätzen. Molekularbiologen, Sachverständige für Korrosion oder Geologen hat das Gericht dazu geladen.

    Im Mittelpunkt steht dabei der Fundort der Leiche. In einem Waldstück bei Bernhardswald, dem Heimatort des Angeklagten, wird Maria Baumers Leiche 2013, über ein Jahr nach ihrem Verschwinden, entdeckt. Eine Pilzsammlerin ist die Erste, der die sterblichen Überreste der jungen Frau damals auffallen. "Wie eine Halloweenmaske" habe der wohl von einem Tier ausgegrabene Schädel aus einiger Entfernung auf sie gewirkt, sagt die Zeugin vor Gericht.

    Sollte im Fall Baumer Spuren beseitigt werden?

    Was geschehen ist, versuchen verschiedene Experten in der Folge mit Fachbegriffen und Zahlen auszudrücken. Wenn eine Leiche wie in diesem Fall mit Branntkalk, Anhydritbinder und Wasser überschüttet wird, kommt es zu einer chemischen Reaktion mit bis zu 470 Grad Celsius, sagt ein geladener Mineraloge aus. Das Gemisch, oft Bestandteil handelsüblicher Estrich-Fertigmischungen, lasse den Körper "regelrecht verseifen", so der Experte. Die Anklage vermutet, dass so Spuren beseitigt werden sollten, was aber nicht ganz geschah.

    Moderne Analysemethoden bringen Durchbruch

    Zwar konnte zu Beginn der Ermittlungen nur wenig verwertbare Hinweise auf einen Täter sichergestellt werden, aber 2019 brachten verbesserte Analysemethoden Fortschritte. Im hart gewordenen Branntkalk-Estrich-Gemisch am Fundort hatten Ermittler Haare gefunden. Stark zerstört, doch die Analyse der sogenannten mitochondrialen DNA eines Experten aus Innsbruck ergab, dass sie mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit vom Angeklagten stammen. Dasselbe Ergebnis zeigte sich bei einem Haar, das an einem am Fundort zurückgelassenen Spaten sichergestellt worden war. Ermittler der Polizei bestätigten außerdem, dass der Verlobte einen solchen Spaten in einem Baumarkt gekauft und mit seiner EC-Karte bezahlt hatte.

    Labor weist bei Maria Baumer Medikamentenspuren nach

    Auch die lange nach dem Fund der Leiche noch offene Frage nach der Todesursache konnten die geladenen Wissenschaftler mit hoher Wahrscheinlichkeit beantworten. Waren erste toxikologische Analysen an den wenigen, nicht vom Branntkalk zerstörten Überresten noch ergebnislos verlaufen, konnte ein Labor mit Hilfe einer Massenspektrometrie-Analyse Spuren mehrere Medikamente nachweisen. Darunter das starke Beruhigungsmittel Lorazepam und das Opioid Tramadol. Eine Mischung, die tödlich sein kann, wie ein Sachverständiger erklärte: "Man vergisst zu atmen."

    Verdächtige Suche im Internet

    Letztendlich war es dieser Fund, der Maria Baumers Verlobten nach acht Jahren doch noch auf die Anklagebank brachte. Tage vor der mutmaßlichen Tat hatte er im Internet nach Suchbegriffen wie "perfekter Mord" oder "Lorazepam letale (tödliche) Dosis" gesucht. Als Krankenpfleger im Regensburger Bezirksklinikum hatte er außerdem Zugang zu den Medikamenten, wie seine damalige Chefin vor Gericht aussagte. Und: Schon einmal hatte er eine Frau mit Lorazepam betäubt. Ihr Name: Valerie S. Auch sie sagte im Prozess als Zeugin aus.

    Betäubungsopfer als Zeugin vor Gericht

    Valerie S. war Patientin auf der Station des Angeklagten. Hier lernten sie sich wenige Wochen vor Maria Baumers Tod kennen. Laut Kollegen kümmerte sich der Angeklagte liebevoll und geduldig um seine Patientin. Doch der Kontakt nahm immer mehr zu, sogar außerhalb seiner Dienstzeit besuchte er die junge Frau. Es entstand eine Freundschaft zwischen ihnen, die der Angeklagte aber offenbar irrtümlich als Romanze interpretierte. Für die Staatsanwaltschaft ein mögliches Motiv: Laut Anklage wollte der Verlobte frei sein für eine Beziehung mit Valerie.

    Ein naheliegender Vorwurf, denn die anfangs freundschaftliche Beziehung der beiden kippte in den Monaten nach Maria Baumers Tod. Valerie S. berichtet vor Gericht, wie sie der Angeklagte immer wieder stalkte, und wie er nach einem Treffen mit gemeinsamen Freunden einfach im Bus neben ihr sitzenblieb, ungebeten mit in die Wohnung kam und sie einen Tee machen ließ, in den er ihr mit einem Trick später wohl das Beruhigungsmittel mischte. Sie könne sich erst wieder an den nächsten Morgen erinnern, als sie neben ihm im Bett aufwachte, während sie der Angeklagte streichelte.

    Bewährungsstrafe in einem ersten Prozess

    Tatsächlich hatte der Angeklagte in einem anderen Prozess zugegeben, Valerie S. betäubt zu haben. Zudem räumte er 2016 den mehrfachen sexuellen Missbrauch von jüngeren Mitschülern in seiner eigenen Schulzeit bei den Regensburger Domspatzen ein. Das Gericht verurteilte ihn damals zu einer Bewährungsstrafe.

    Im aktuellen Prozess zeigen Computer-Auswertungen, wie besessen der Angeklagte von Valerie S. gewesen sein muss. Dutzendfach besucht er in den Tagen vor und nach Maria Baumers Tod die Facebook-Seite der Patientin, schreibt einen Reiseblog für sie und gibt sich in einem Chat mit falschem Namen als New Yorker Psychiatrie-Patient aus. Auf diese Weise erschleicht er sich anonym das Vertrauen der schwer depressiven Frau, um sie auszuhorchen. Nur wenige Stunden nach dem Tod von Maria Baumer schreibt er ihr Nachrichten und stellt einen USB-Stick mit Musik für Valerie S. zusammen.

    Vergebliche Suche der Schwester nach Maria Baumer

    Gegenüber Maria Baumers Familie spielt er in den Tagen nach dem Tod seiner Verlobten dagegen den unwissenden und verzweifelten Verlobten.

    Maria Baumers Zwillingsschwester beschreibt im Prozess eindrücklich die Tage nach dem Verschwinden Marias. Der Angeklagte habe ihr erzählt, dass Maria ihn vom Bahnhof in Nürnberg aus angerufen habe. Sie wolle eine Auszeit in Hamburg nehmen, am Pfingstmontag abends aber wieder zurückkommen. Es ist der wohl emotionalste Moment in diesem Prozess: Die Zwillingsschwester erzählt im Zeugenstand, wie sie an diesem Pfingstmontagabend allein in der Wohnung des Paares wartet. Immer wieder habe sie die Ankunftszeiten aller Zugverbindungen gecheckt, nur um jede volle Stunde doch wieder vergeblich festzustellen, dass ihre Schwester nicht zur Tür hereinkommt. Als nur noch ein ankommender Zug aussteht, fährt sie selbst zum Bahnhof: "Die Leute sind ausgestiegen. Maria war nicht dabei", sagt die Zwillingsschwester im Zeugenstand. Ab da habe sie endgültig gewusst, dass etwas nicht stimmt.

    Paukenschlag durch den Angeklagten

    Der Indizienprozess am Landgericht erlebt erst Mitte August die entscheidende Wende. Nachdem er den Prozess bis dahin aufmerksam, aber ohne größere Regungen verfolgt hat, legt er ein Teilgeständnis ab. In einer vom Verteidiger verlesenen Erklärung räumt der Angeklagte ein, die tote Maria Baumer im Wald vergraben zu haben. Er habe aus Verzweiflung gehandelt, weil er Angst hatte, für den Tod verantwortlich gemacht zu werden. Schließlich hatte er die Medikamente auf seiner Station gestohlen. Deswegen habe er die Anrufe seiner Verlobten erfunden und Facebook-Nachrichten gefälscht, um eine freiwillige Auszeit Maria Baumers vorzutäuschen. Eine Lüge, die er noch Monate nach dem Tod seiner Verlobten selbst in TV-Auftritten immer wieder verbreitet hatte.

    Staatsanwaltschaft verlangt eine lebenslange Haftstrafe

    Seine Version, Maria Baumer habe die Medikamente unter anderem wegen Rückenschmerzen selbst genommen und sei ohne sein Zutun gestorben, glaubt ihm die Staatsanwaltschaft nicht. Oberstaatsanwaltschaft Thomas Rauscher beantragt deshalb in seinem Plädoyer eine lebenslange Freiheitsstrafe wegen heimtückischen Mordes, den der Angeklagte schon mehrere Tage zuvor geplant habe. Zudem fordert er das Gericht auf, die besondere Schwere der Schuld festzustellen. Damit könnte der Angeklagte nach 15 Jahren nicht vorzeitig entlassen werden.

    Auch die Anwältin der Familie, Ricarda Lang, schließt sich im Nebenklage-Plädoyer dieser Forderung an. Ein Mord dürfe in einem Rechtsstaat nicht ungesühnt bleiben. "Das und nichts Anderes erhofft sich die Familie hier."

    Verteidiger: "Blöder Unfall"

    Die Verteidigung plädiert dagegen auf Freispruch. Es gebe keine Beweise, dass die Version seines Mandanten nicht stimme. Die Indizien gegen ihn könnten alle in Zweifel gezogen werden. Am Ende könne der Tod Maria Baumers ein "blöder Unfall" gewesen sein. Die Lügen des Angeklagten seien zwar eine "Riesensauerei", dürften ihm strafrechtlich aber nicht vorgeworfen werden.

    Verfahren bleibt Indizienprozess

    Das Gericht muss nun am Dienstag eine Entscheidung treffen. Keine leichte, denn trotz einer Vielzahl von schwer belastenden Details und dem Teilgeständnis des Angeklagten bleibt der Fall Maria Baumer auch nach 14 Wochen Verhandlung ein Indizienprozess.

    © picture alliance/Daniel Karmann/dpa

    Der Vorsitzende Richter Michael Hammer muss mit seiner Kammer entscheiden: Hat der Angeklagte seine Verlobte ermordet oder nicht?