Symbolbild Klimawandel Bayern

Teil eins des #Faktenfuchs zu den Auswirkungen des Klimawandels in Bayern: Wie sieht es bisher aus?

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    #Faktenfuchs: Klimawandel heute - wie Bayern ihn schon spürt

    #Faktenfuchs: Klimawandel heute - wie Bayern ihn schon spürt

    Hochwasser, Trockenheit und Hitzetote - auch wenn es nicht jeder täglich merkt, die Folgen des Klimawandels wirken sich bereits heute auf das Leben in Bayern aus. Der #Faktenfuchs fasst bisherige Entwicklungen anhand von Daten zusammen.

    Nach der Flutkatastrophe in Westdeutschland und den schweren Unwettern in Franken und Südbayern machten zahlreiche Expertinnen, Politiker und Aktivisten klar: Der Klimawandel hat bereits jetzt weitreichende Auswirkungen auf unser Leben. Aber ist das überall so?

    • Dieser Artikel stammt aus 2021. Alle aktuellen #Faktenfuchs-Artikel finden Sie hier

    Ein Nutzer kommentierte unter einem Post in den sozialen Medien (der im BR24 Social Listening auffiel), dass er in seiner Heimat noch nichts bemerke:

    Dieser Nutzer ist überzeugt: Extremwetter gibt es in Oberfranken nicht.

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    Der Frage, ob es in Bayern wirklich eine Region gibt, die vom Klimawandel verschont bleibt, geht der #Faktenfuchs in zwei Teilen nach. Lesen Sie hier, wie die Entwicklung bisher aussah, und wo in Bayern die Klimaerwärmung heute schon schwere Probleme verursacht. Teil zwei beschäftigt sich mit der Frage, wie es in den kommenden Jahrzehnten weitergehen wird.

    Beobachtungsdaten der Wetterstationen geben Einblick in die Entwicklung des Klimas

    Um die Entwicklungen der letzten Jahrzehnte zu zeigen, haben sich Journalisten des BR24-Datenteams und des #Faktenfuchs die Beobachtungsdaten der Stationen des Deutschen Wetterdienstes (DWD) angesehen.

    Mehr zur Methode und den verwendeten Daten am Ende des Artikels.

    Die Daten werden anhand von Werten untersucht, die etwa auch das Climate Service Center Germany (GERICS) als Parameter verwendet. Dazu gehören das Jahresmittel des Niederschlags (gemessen in Liter/Quadratmeter) oder die Anzahl der jährlichen heißen Tage oder Hitzetage (Tageshöchsttemperatur von 30 Grad oder mehr). Die Klimaausblicke des GERICS, einer Ideenschmiede aus verschiedenen Wissenschaftlern am Helmholtz Institut in Hamburg, die die Bundesregierung berät, bilden in Teil zwei die Grundlage für den Blick in die Zukunft.

    Erhöhung der Temperatur betrifft alle Regionen Bayerns

    Laut BR-Meteorologe Michael Sachweh ist vor allem die anhaltende Erwärmung anhand der Klimadaten bereits jetzt gut zu beobachten und flächendeckend nachweisbar. Schwankungen im Jahresverlauf und gelegentliche Einbrüche, etwa das kalte Jahr 2010, seien auf einzelne Wetterlagen zurückzuführen und änderten nichts am Trend.

    Im Vergleich zum Zeitraum 1961-1990 ist es in Bayern in den vergangenen 30 Jahren bereits ein Grad wärmer geworden. Deutlich zeigt das folgende Grafik, in der die Jahresdurchschnittstemperatur für jedes Jahr, von 1890 bis 2020, farblich dargestellt ist:

    Klimastreifen für Bayern von 1890 - 2020

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    Eine Folge der Erwärmung: Mehr heiße Tage oder Hitzetage. Das sind Tage, an denen die Höchsttemperatur über 30 Grad liegt. Von 1991-2020 gab es im bayerischen Mittel 5,5 mehr Hitzetage pro Jahr als 1961-1990.

    Auf den ersten Blick könnte man denken, dass das einfach nur ein paar mehr Tage am See bedeutet. BR-Meteorologe Sachweh sagt dagegen, dass die längeren Hitzewellen eine der größten Gefahren des Klimawandels sind, mit der die Menschen in Deutschland zurechtkommen müssen. Das gelte besonders für Ältere. "Menschen ab 70 Jahren aufwärts leiden ganz besonders an diesen Hitzewellen, weil sie von ihrer Physiologie her nicht so anpassungsfähig sind."

    Hitzewellen haben auch in Bayern bereits viele Tote gefordert

    In der jüngsten Vergangenheit haben Jahre mit besonders langen Hitzeperioden lau Sachweh deshalb bereits tausende Todesopfer in Bayern gefordert. Die internationale Studienreihe "The Lancet Countdown" etwa hat 2020 berichtet, dass es im Jahr 2018 in Deutschland rund 20.200 Todesfältle bei über 65-Jährigen im Zusammenhang mit Hitze gab. "Das sind meines Erachtens die viel, viel schlimmeren Auswirkungen des Klimawandels, die Opfer durch Hitzewellen, als durch lokale Wetterereignisse wie Starkregen."

    In Bayern sind bisher vor allem niedrig gelegene Regionen wie Unter-, Mittel- und Oberfranken vom Anstieg der Hitzetage betroffen. An der Wetterstation in Würzburg etwa wurden statt mittleren sieben Hitzetagen im Jahr (1961-1990) nun 16 gemessen (1991-2020). Die folgende Grafik zeigt den Zusammenhang zwischen der Höhenlage und der Anzahl an zusätzlichen heißen Tagen - wählen Sie einen Punkt aus, um Einzelheiten zur Station und der Entwicklung zu erfahren:

    Gerade in diesen niedrig gelegenen Regionen war in den heißen Frühjahren und Sommern der letzten Jahren entsprechend auch Trockenheit ein großes Problem. "Der Norden Bayerns ist schon immer trockener gewesen als der Süden. Wenn dort dann in einem Jahr 30 Prozent weniger Niederschlag fallen, dann sind die Auswirkungen drastischer, als wenn dies etwa am Alpenrand passiert", sagt Gudrun Mühlbacher vom DWD in München.

    Auf das gesamte Jahr gesehen sei in der langfristigen Entwicklung der Niederschlagsmenge allerdings noch keine signifikante Änderung zu sehen. "Wir Klimatologen arbeiten immer mit langen Zeiträumen, weil gerade der Niederschlag etwas ist, was von Jahr zu Jahr und von Monat zu Monat stark variiert."

    Weniger Niederschlag im Frühjahr und Sommer machen Landwirtschaft zu schaffen

    Das eigentliche Problem der letzten Jahre sei im Norden Bayerns weniger gewesen, dass es insgesamt zu wenig Niederschlag gegeben hat - sondern dass der Sommer und vor allem der Frühling zu trocken gewesen sind. "Das fällt dann natürlich sehr massiv auf, weil einfach die Landwirtschaft damit extreme Schwierigkeiten hat." In vielen Teilen Bayerns hätten die Böden schwer unter diesen letzten Hitzejahren gelitten und seien stark ausgetrocknet.

    Die folgende Karte zeigt die Entwicklung des Niederschlags in Bayern innerhalb der vier meteorologischen Jahreszeiten an 322 DWD-Stationen. Diese Daten unterstützen größtenteils die von Mühlbacher angesprochene Tendenz:

    Besonders für das Frühjahr lässt sich hier auch in der langfristigen Entwicklung die Dynamik erkennen, die Mühlbacher für die jüngste Vergangenheit beschrieben hat. Gerade im Norden ging die Niederschlagsmenge stark zurück.

    Im Süden mehr Starkregentage und Hochwassergefahr

    Während die Kombination aus weniger Niederschlag und Klimaerwärmung im Frühjahr und Sommer Trockenheit verursacht, kann laut Mühlbacher im Herbst und Winter ein gegenteiliger Effekt auftreten. "Wenn wir jetzt in den Wintermonaten mehr Niederschläge haben und diese wegen der höheren Temperaturen öfter als Regen auftreten, dann haben wir natürlich einen direkten Abfluss." Das bedeute, dass das Wasser nicht mehr als Schnee zwischengelagert wird und langsam versickern kann. Durch das Wasser steigt die Hochwassergefahr, von der wiederum der niederschlagsreichere Süden Bayerns besonders betroffen ist.

    Entsprechend stieg auch die Anzahl der Starkregentage an den Wetterstationen am Alpenrand in den vergangenen 60 Jahren am stärksten. Diese sind von Klimaforschern als Tage definiert, an denen es mehr als 20 Liter pro Quadratmeter regnet. Zum Vergleich: Die durchschnittliche tägliche Regenmenge in Bayern liegt zwischen 1,5 und 3,5 Liter pro Quadratmeter. An der Wetterstation Marktschellenberg im Berchtesgadener Land etwa gab es im Mittel von 1991-2020 4,5 Starkregentage mehr pro Jahr als noch von 1961-1990.

    Extremwetterereignisse können überall in Bayern auftreten

    Diese Starkregentage können aber auch nur eine Tendenz aufzeigen und bilden natürlich nicht die Extremwetterereignisse der vergangenen Wochen, etwa in Landshut, ab, bei denen ein Vielfaches der Regenmenge fiel. BR-Meteorologe Sachweh stellt aber auch hier fest: Es gibt eine Zunahme dieser Extreme und sie können überall in Bayern auftreten, weil das zugrundeliegende Problem wiederum die Klimaerwärmung ist.

    Er und viele seiner Kollegen gehen davon aus, dass die Erderwärmung Einfluss auf den Jetstream hat - dem, wie er sagt, "Förderband für Unwetter und Starkregen". Dieser Luftstrom entsteht durch den Temperaturunterschied zwischen der Arktis und den Tropen und ist in Europa für die Bewegung von Hoch- und Tiefdruckgebieten verantwortlich. Durch den Anstieg der Temperatur verliert er an Dynamik. Das bedeutete, so Sachweh, dass Starkregen länger an Ort und Stelle verweilt, aber auch, dass solche Unwetter, wenn sie auftreten, viel mehr Regen bringen. "Je wärmer die Luft ist, desto mehr Wasserdampf nimmt sie auf. Und dieser Wasserdampf und diese Energie wird dann in Gestalt der Regenfälle wieder freigesetzt." Wenn diese extremen Starkregen passieren, brächten sie daher deutlich intensivere Regenfälle, auf die unsere Böden und Kanalisation schlecht vorbereitet sein werden.

    Fazit

    Der Klimawandel ist bereits heute in Bayern spürbar und messbar, und es gibt keine Region, die ausgenommen ist. Die Beobachtungsdaten des Deutschen Wetterdienstes zeigen eine flächendeckende Erwärmung - im bayernweiten Mittel um 1 Grad in den vergangenen 60 Jahren.

    Niedrig gelegene Regionen wie Franken und die Donauniederungen sind besonders von der größeren Anzahl an Hitzetagen betroffen, die bereits jetzt für viele Menschen ein Gesundheitsrisiko sind.

    Im Norden Bayerns führte die Abnahme des Niederschlags im Frühjahr und Sommer in den vergangenen Jahren zu einer großen Trockenheitsproblematik. Im Süden steigt das Hochwasserrisiko weiter an. Die Erderwärmung führt bereits jetzt dazu, dass Extremwetterereignisse zunehmen.

    Über die Daten

    Alle untersuchten Daten werden vom Deutschen Wetterdienst (DWD) zur Verfügung gestellt. Entwicklungen werden als Vergleich der jüngsten 30 Jahre (1991-2020) mit der klimatologischen Referenzperiode 1961-1990 dargestellt.

    Der DWD stellt die langjährigen Gebietsmittelwerte für die Temperatur mithilfe eines Rasters mit einer Auflösung von einem Kilometer dar. Das Raster entsteht, in dem die Daten der einzelnen Wetterstationen flächendeckend umgerechnet werden. Laut DWD ist das Messnetz in Deutschland seit 1881 dicht genug, "um Rasterfelder für die einzelnen Monate und daraus abgeleitete Mittelwerte zu gewinnen".

    Diese Rasterdaten wurden für alle Aussagen verwendet, die Bayern als ganzes Gebiet betreffen - etwa die Grafik über die mittleren Jahrestemperaturen und die Einordnung der Klimaerwärmung.

    Für die Grafiken zu den Hitzetagen und der Niederschlagsentwicklung wurden Daten derjenigen bayerischen Wetterstationen abgebildet, für die der DWD selbst vieljährige Mittelwerte zur Verfügung stellt. Zudem wurden alle Stationen entfernt, die im betrachteten Gesamtzeitraum (1961-2020) mehr als fünf Fehljahre aufweisen. So wird sichergestellt, dass eine stabile Zeitreihe gegeben ist. Alle Daten wurden vom DWD einer qualitativen Prüfung unterzogen.

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