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#Faktenfuchs: Drei Fragen, drei Antworten zum Thema Gülle | BR24

© Peter Kneffel/ dpa

Gülle auf einem Feld in Oberbayern

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#Faktenfuchs: Drei Fragen, drei Antworten zum Thema Gülle

Gülle stinkt und Gülle sorgt für Diskussionen. Das zeigt nicht zuletzt die Berichterstattung auf BR24 zur neuen Gülleverordnung. In zahlreichen Kommentaren werden Erfahrungen geteilt oder Fragen gestellt. Wir beleuchten drei wichtige Aspekte.

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Laut Statistischem Bundesamt bringen deutschlandweit rund 150.000 landwirtschaftliche Betriebe mehr als 200 Millionen Kubikmeter Gülle im Jahr auf Ackerflächen aus. Das entspricht einem Gesamtgewicht von 200 Millionen Tonnen. Durch die neue Gülleverordnung ändert sich die Art, wie Gülle ausgebracht und auch gelagert werden soll. Im Zuge der aktuellen Berichterstattung des Bayerischen Rundfunks meldeten sich Nutzerinnen und Nutzer mit Fragen und Erfahrungen.

So wird darauf verwiesen, dass aus Gülle, meistens mit Hilfe von Substraten wie Mais, Biogas und entsprechend Strom aus nachwachsenden Rohstoffen gewonnen werden kann. Ein BR24-Nutzer schreibt: "Es muss doch möglich sein, die Gülle zur Stromerzeugung zu nutzen und dann ohne zu stinken auszubringen."

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Kommentar auf BR24

Frage 1: Aus Gülle erst Strom erzeugen und dann noch düngen?

Tendenziell sei es tatsächlich sinnvoll, Gülle erst zu Biogas zu verarbeiten und danach die Produktionsreste auf den Acker zu bringen, sagt Kurt-Jürgen Hülsbergen, Professor für Ökologischen Landbau und Pflanzenbausysteme an der TU München. Der Dünger aus Biogasanlagen habe grundsätzlich mehr Nährstoffe als unverarbeitete Gülle. Entsprechend sollte man vor allem im Frühjahr, wenn Böden und Pflanzen einen erhöhten Nährstoffbedarf haben, die Reste aus Biogasanlagen ausbringen. Die Untersuchungen der vergangenen 15 Jahre hätten gezeigt, dass die vergärten Reste aus der Biogasanlage signifikante Ertragssteigerungen gebracht hätten, so Hülsbergen.

Verarbeitung der Gülle senkt Emissionen

Auch aus umwelttechnischer Sicht entstehen zunächst einmal Vorteile dabei, Gülle in Biogasanlagen zu verwerten. Nach einer aktuellen Studie des Umweltbundesamts werden in Deutschland aktuell noch mehr als 70 Prozent der Gülle unbehandelt gelagert. Dabei fallen Treibhausgasemissionen an. Es steigt zum Beispiel Methan aus der Gülle auf. Mehr Gülle in Biogasanlagen zu vergären, würde die Emissionen reduzieren und könnte wiederum als Heiz- und Stromleistung genutzt werden.

Probleme aus Niedersachsen bekannt

Für die zu hohe Nitratbelastung in den Böden durch Gülle bringt das Verfahren allerdings nichts. Die Vergärung der Gülle verändert die Nährstoffverhältnisse. Kohlenstoff wird entzogen, Nährstoffe wie Phosphat und Stickstoff werden höher konzentriert. Deshalb darf auch nicht zu viel der vergärten Gülle in die Böden gelangen, sonst kann es laut Experte Hülsbergen zu einem schädlichen Nährstoffüberschuss kommen.

Das zeigen auch Erfahrungen aus Norddeutschland, wo es seit Jahren Probleme mit der Nitratbelastung gibt: in Böden, Gewässern, im Grundwasser und durch übervolle Güllegruben. Ein Problem ist laut NDR-Bericht die "wachsende Zahl der Gärreste aus Biogasanlagen", die in Verbindung mit klassischer Gülle und künstlichem Mineraldünger "zu einem Überschuss an Nährstoffen" führt. Dann können Böden übersäuern und zu viel Nitrat ins Grundwasser gelangen, was für Menschen gesundheitsschädlich sein kann.

Vergärte Gülle stinkt weniger

Auf die Frage, ob die Gülle nach der Vergärung als Dünger weniger stinke, wie der BR24-Nutzer behauptet, sagt Experte Hülsbergen, die Gärreste seien insgesamt eher weniger geruchsbelästigend. Das hängt allerdings auch davon ab, wie der Dünger ausgefahren wird. Wird die vergärte Gülle direkt und schnell in den Boden eingebracht, entsteht so gut wie keine Geruchsbelastung. Wird sie erst verteilt und dann nach Stunden eingearbeitet, ist die Geruchsbelastung naturgemäß höher.

Frage 2: Sind menschliche Ausscheidungen giftiger für die Umwelt als Dünger?

Auf Facebook schreibt eine Leserin, dass man "die Hinterlassenschaften von 82 Mio. Menschen, 9 Mio. Hunden, 13 Mio. Katzen und unzähligen Klein- und Wildtieren" ebenfalls in die Rechnung über Umweltbelastung durch Gülle miteinbeziehen solle. Immerhin sei es so, dass "das Zeug bei den Kläranlagen nicht in Hochregalen gelagert" werde.

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Kommentar auf Facebook

Tatsächlich ist es richtig, dass nicht alle menschlichen Abwässer geklärt werden. Das Umweltministerium gibt an, dass insgesamt 96 Prozent aller Abwasser aus Privathaushalten in Kläranlagen gereinigt werden. Die restlichen vier Prozent an Abwasser entweichen beispielsweise bei extrem starken Regenfällen, wenn das Kanalsystem überlastet ist.

Arzneimittel und Hormone in Abwässern

Dass in Abwässern aus Haushalten mittlerweile ebenfalls viele gesundheitsgefährdende Stoffe wie Überreste von Arzneimitteln sowie von giftigen Chemikalien enthalten sind, ist seit Jahren bekannt. Auch deswegen werden neue Kläranlagen mit einer sogenannten vierten Klärstufe geplant. Sie soll Medikamente und Hormone filtern. In Bayern gibt es derzeit ein Pilotprojekt in Weißenburg, in dem diese Stoffe aus den Abwässern geklärt werden.

Das Bundesumweltministerium erhebt keine Zahlen über die Gesamtmengen an ungeklärt in die Umwelt gelangten Abwässern. Das kann jedoch durch poröse Leitungen oder starke Regenfälle geschehen. Wie groß das Problem tatsächlich ist, bleibt aktuell unklar. Dennoch sind Abwässer aus Privathaushalten nicht per se gefährlicher oder umweltschädlicher als Gülle.

Frage 3: Sollte man Güllemengen deregulieren?

Einem BR24-Nutzer, der angibt, Landwirt zu sein, widerstrebt es, seine Wiesen mit mineralischen Stoffen zu düngen. Er versteht nicht, weshalb die bayerische Staatsregierung die Verwendung von Kunstdünger nicht untersagt.

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Kommentar auf Facebook

Das Lehrbuch sieht einen jährlichen Einsatz von 350 Kilogramm Nitraten pro Hektar pro Jahr vor - bei Wiesen, die sechsmal im Jahr geschnitten werden. Von den 350 Kilogramm dürfen 170 aus Gülle stammen. Das Bayerische Umweltministerium empfiehlt einen deutlich niedrigeren Wert, nämlich 120 Kilogramm. Mit der Begründung, dass eine "nachhaltige Verbesserung des Grundwassers" nur mit einer Verminderung des Düngemittelausstoßes ganz allgemein zu erreichen sei.

Das Landwirtschaftsministerium äußert sich auf Nachfrage, weshalb mineralische Düngemittel nicht verboten werden, wie folgt: Mineraldünger könne "gezielter eingesetzt werden und einen akuten Nährstoffmangel schnell ausgleichen". Zusätzlich sei "Ausbringung und Dosierung einfacher als beim organischen Dünger".

Bio-Landwirte verzichten komplett auf Mineraldünger und verwenden ausschließlich Gülle. Das Problem dabei ist, dass bei der Ausbringung das Treibhausgas Ammoniak entsteht. Das Landwirtschaftsministerium betont dennoch die Vorteile von Gülle. Durch Gülle werde die Bodenfruchtbarkeit verbessert und Humus aufgebaut.

Audio: Bauern wegen Gülleverordnung in der Klemme

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Wegen der seit 2017 geltenden Düngeverordnung brauchen die meisten Landwirte größere Güllegruben. Doch während die eine Verordnung den Bau quasi vorschreibt, verhindern neue Bauvorschriften, dass gebaut werden kann.