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Seit November 2020 fördert das Bundesarbeitsministerium eine neue, einjährige Ausbildung zur "Fachkraft Leichte Sprache".

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Fachkraft Leichte Sprache: Bürojob trotz Handicap

Seit November 2020 fördert das Bundesarbeitsministerium eine neue, einjährige Ausbildung zur "Fachkraft Leichte Sprache". Ziel des bundesweiten Pilotprojekts ist es, Frauen und Männer aus Werkstätten in einen regulären Job zu bringen.

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Von
  • Gisela Staiger

Anna-Leena Rohmann sitzt am Schreibtisch ihres Büros in der Bundesagentur für Arbeit in Nürnberg. Dreizehn Jahre hat sie in der Boxdorfer Werkstatt für Menschen mit Behinderung gearbeitet. Nun macht die 43-Jährige in der Behörde die neue, einjährige Ausbildung zur "Fachkraft Leichte Sprache".

An der Pinnwand hinter ihr hängt ein Wochenplan mit ihren Aufgaben und ein Plakat zum Thema Leichte Sprache, das sie selbst entworfen hat. In der Leichten Sprache werden Fachwörter vermieden, erklärt sie. Und wenn sie nicht zu vermeiden sind, müssen sie erklärt werden. Lange Wörter würden in der Leichten Sprache mit einem Bindestrich getrennt, zum Beispiel "Schachtel-Sätze". Die müsse man natürlich auch vermeiden, sagt sie und lacht.

Schwerpunkt: die Qualifizierung für eine Prüftätigkeit

Als Jugendliche wurden Anna-Leena Rohmann und ihr Vater in einen schweren Autounfall verwickelt. Lange Klinik- und Rehaaufenthalte folgten. Sie verlor ihr Kurzzeitgedächtnis, muss sich alles aufschreiben. Doch ihre Begeisterung für Neues hat nicht gelitten. Sichtlich stolz erzählt sie von ihrer Ausbildung als Prüferin. Texte, die bereits in eine vereinfachte Sprache übersetzt wurden, landen bei Anna-Leena Rehmann auf dem Schreibtisch oder im PC.

Sie schaut dann nochmal drüber und sagt den Übersetzern, was noch zu klären wäre. Das ist dann der Fall, wenn sie den Text selbst noch nicht versteht. So gesehen ist die 43-jährige Expertin in eigener Sache. Die Leichte Sprache ist für Menschen mit Lernschwierigkeiten, geistiger Beeinträchtigung, oder einer Hörschädigung eine große Hilfe. Auch diejenigen, die mit der deutschen Sprache Schwierigkeiten haben, profitieren davon. Ziel der Ausbildung ist eine anschließende, sozialversicherungspflichtige Beschäftigung als "BüropraktikerIn Leichte Sprache".

Bundesagentur ist wichtiger Projektpartner

Im neunten Stock der Nürnberger Bundesagentur für Arbeit sitzt die Integrationsbeauftragte der Behörde, Eva Strobel. Sie freut sich, dass in der Zentrale, in Agenturen und Jobcentern sieben von insgesamt zwölf Männern und Frauen aus dem Pilotprojekt eine Ausbildung in Leichter Sprache begonnen haben. Denn auch die Bundesagentur möchte ihren Internetauftritt in Leichter Sprache ausbauen. Insofern kann die Behörde von der Expertise, die Anna-Leena Rohmann bereits mitbringt, durchaus profitieren.

Die Integrationsbeauftragte Eva Strobel hält es für wichtig, dass ihre Behörde Anna-Leena Rohmann eine stabile berufliche Perspektive anbieten kann. Gemeinsam mit den Partnern und auch mit der Werkstatt soll ein sozialversicherungspflichtiger Arbeitsplatz in der BA für sie gefunden werden.

BA und Werkstatt arbeiten zusammen

Regelmäßig kommt Thomas Wedel, der Leiter der Boxdorfer Werkstatt in die Bundesagentur für Arbeit, um mit Anna-Leena Rohmann die nächsten Aufgaben zu besprechen. Seit vielen Jahren habe er gemeinsam mit ihr einen Weg in den Arbeitsmarkt gesucht, sagt Wedel, und ihre Erkenntnis war: Es muss Struktur da sein. Das ist das Wichtigste. Bei dieser Ausbildung habe er die Hoffnung, dass Struktur für sie geboten werde. Klare Aufgaben für jeden Tag der Woche, übersichtlich präsentiert in einem Wochenplan.

Wedel freut sich über die Begeisterung, die Anna-Leena Rohmann für ihre neue Arbeit mitbringt. Und er schätzt die Art und Weise, wie die BA-Beschäftigten mit ihr umgehen. Die Kollegen seien klasse, sagt er, weil sie sich darauf einlassen, Dinge anders zu machen, neu zu strukturieren, umzudenken, zuzuhören und nachzufragen.

Digitaler Schulunterricht

Der Schulunterricht musste übrigens wegen der Pandemie von Anfang an digital stattfinden. Die Dozenten vom Caritas-Fachzentrum für Leichte Sprache in Augsburg und der IHK Akademie Schwaben vermitteln die Theorie. Für Anna-Leena Rohmann war der Digitalunterricht kein Problem, sie hatte bereits Computererfahrung. Zwar nicht die volle Übung, wie sie selbst zugibt, aber sie konnte damit umgehen. Durch die regelmäßige Praxis könne sie das Gelernte inzwischen anwenden. Nun sei sie in der EDV auch ganz gut, sagt sie mit einem verschmitzten Lächeln.

Anna Leena Rohmann – eine beeindruckende Frau, die etwas Unterstützung braucht, dann aber genauso ihr Ziel erreicht. Und eines ist für sie ganz wichtig: ein fester, sozialversicherungspflichtiger Arbeitsplatz.

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Seit November (2020) fördert das Bundesarbeitsministerium eine neue Ausbildung zur "Fachkraft Leichte Sprache". Das bundesweite Pilotprojekt richtet sich an zwölf Frauen und Männer aus Werkstätten für Behinderte.

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