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Mein Sohn googelt NSU oder Dschihad. Wer kann das einschätzen? Das Violence Prevention Network hilft weiter. Thomas Mücke erklärt, wie Extremismus entsteht und wie es sich anfühlt, nachts im Park von Skinheads umringt zu sein.

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Extremismus: Wie Jugendliche vor Radikalisierung schützen?

Extremistisch motivierte Taten zeigen immer wieder: Wir brauchen mehr Wissen über den Ursprung der Gewalt. Wie man Radikalisierung früh erkennt und was die Präventionsarbeit mit Jugendlichen verbessern soll.

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Von
  • Johannes Lenz

"Ich habe irrsinnige Angst, ich will mein Kind nicht verlieren, aber ich weiß überhaupt nicht, was ich tun kann, er ist volljährig, was soll ich machen?" Es sind Hilferufe wie diese, die Thomas Mücke zu gut kennt. Angefangen hat alles vor mehr als 30 Jahren, als er nachts in einem Park allein 30 Skinheads gegenüberstand. Mittlerweile hat der Pädagoge und Politologe mit Extremisten verschiedener Strömungen zu tun und leitet das Violence Prevention Network, eine bundesweit aktive Organisation, die sich gegen Extremismus stark macht, auch in Bayern.

  • Terror in Bayern: Wie können wir uns schützen? Das ist Thema der Münchner Runde um 20:15 Uhr live bei BR24 und im BR Fernsehen.

Jugendliche mit Problemen ernst nehmen

Thomas Mücke kam Ende der 1980er-Jahre in Norddeutschland mit Jugendlichen in Kontakt, die von Neonazis verprügelt worden waren. Er war erschrocken über das Ausmaß der Gewalt, wollte den Ursachen auf den Grund gehen und die Gewalttäter zur Rede stellen. So kam es zu einem arrangierten Treffen mit der rechten Szene, erzählt der Pädagoge.

"Mein Prinzip ist es, Menschen immer ernst zu nehmen. Wichtig bei Gesprächen mit Extremisten ist, nicht sofort in ein Gegennarrativ zu verfallen. Es geht darum, Interesse für den Personenkreis zu signalisieren." Letztendlich schaffte er es, mit den Jugendlichen aus der rechtsradikalen Szene ein Gespräch aufzubauen. Daraus entstand sein erstes "Deradikalisierungsprojekt". Es gehe immer darum, Vertrauen zu gewinnen und eine Perspektive in der Gesellschaft anzubieten, beispielweise durch Kooperationen mit Sportvereinen oder Praktika bei Unternehmen.

Aufarbeitung von Terroranschlägen verbessern

Doch was ist mit Jugendlichen, die abdriften, die von der Gesellschaft kaum mehr zu erreichen sind? Claudia Neher, Rechtsanwältin aus München, hat mehrere Hinterbliebene der Opfer des rechtsradikal motivierten OEZ-Attentats in München von 2016 vor Gericht vertreten. Damals starben neun Menschen, weil sie muslimischer Herkunft, Sinti oder Roma waren. Der Täter, ein 18-jähriger Schüler, nahm sich das Leben. Erst eineinhalb Jahre nach der Tat erkannten die Behörden dessen rechtsterroristischen Hintergrund an. Die Rechtsanwältin beklagt im Interview mit dem Bayerischen Rundfunk, dass Politik und Justiz nicht genug aus zurückliegenden Terroranschlägen gelernt hätten.

"Beim OEZ-Attentat sind viele Fehler passiert, die wir schon beim NSU erlebt haben. Dass der Anschlag so lange als Rache-Amoklauf gewertet wurde, hatte fatale Folgen", so Neher. Hätten die Behörden dies eher erkannt, wäre das Umfeld, in dem sich der Täter bewegte, höchstwahrscheinlich eher entdeckt worden. Weitere Taten von Mitgliedern aus diesem Netzwerk hätten dadurch womöglich verhindert werden können. Laut Neher seien Behörden nicht in der Lage, die Ursachen hinter Terrorismus zu erkennen und dort anzuknüpfen, wo die Radikalisierung eigentlich beginnt.

Ideologie oft zweitrangig

An dieser Stelle setzt Thomas Mücke, Sozialpädagoge und Mitgründer des Violence Prevention Network an: Es gehe Jugendlichen, die sich Extremisten anschließen, weniger um die Ideologie als vielmehr um grundlegende emotionale Bedürfnisse – zum Beispiel ein erhöhtes Selbstwertgefühl und das Streben nach Orientierung im Leben mittels einer absoluten Wahrheit, sagt er. Gemeinschaft und Zugehörigkeit spielten auch eine wesentliche Rolle beim Radikalisierungsprozess.

Radikalisierung früh erkennen

Das Violence Prevention Network hat einige Anhaltspunkte zusammengefasst, die auf eine extremistische Radikalisierung schließen lassen. Wenn eines oder mehrere dieser Anzeichen erfüllt sind, sollten sich Angehörige beraten lassen. Anzeichen, die für eine extremistische Radikalisierung sprechen, sind:

Die Betroffenen…

  • ziehen sich aus allen familiären Aktivitäten zurück und meiden den alten Freundeskreis.
  • vertreten radikale Ansichten und dulden keine andere Meinung neben ihrer Ideologie.
  • legen frühere Lebensgewohnheiten ab, zum Beispiel: Hobbies, Musik, Schminken, Kleidung, Essen.
  • rufen regelmäßig Webseiten und Videos von extremistischen Gruppen im Netz auf.
  • machen eine bestimmte Gruppe für die eigenen Probleme verantwortlich.

Im Zweifel empfiehlt der Experte, in die Diskussion zu gehen: Ist die Person noch für andere Sichtweisen offen? Ist das nicht der Fall, befindet sich die betroffene Person womöglich bereits in einer Echo-Höhle, in der man nur noch für das erreichbar ist, was die eigene Ideologie bestätigt.

Neue Präventionsarbeit in Bayern

"Extremisten haben ein Gefühl dafür, wie sie junge Menschen ansprechen. Weil sie wissen, dass gesellschaftliche Institutionen die Probleme zwar sehen, aber nicht mehr mit den jungen Leuten reden", sagt Thomas Mücke. Das muss sich seiner Meinung nach ändern. Deshalb setzt er sich dafür ein, dass soziale Arbeit vor Ort mehr gefördert wird.

Ein Beispiel dafür ist die Initiative "MoDeRad: Modellkommune Deradikalisierung". Ein Modellprojekt, das ab 2021 für zwei Jahre vom Bundesinnenministerium Zuschüsse erhält. Das Violence Prevention Network betreut die ausgesuchten Kommunen, darunter auch Bamberg und Augsburg. Konkret sollen die Sozialreferate Hotlines für besorgte Angehörige anbieten und direkt vor Ort Jugendliche in soziale Projekte einbinden. Es geht in der Praxis darum, gefährdete junge Leute in der Kommune sozial zu integrieren. Gibt es beispielsweise Sport- oder Kulturvereine, wo die Betroffenen Anschluss finden können? Nicht eine einzige Institution soll die "Deradikalisierungsarbeit" übernehmen, sondern viele gemeinsam. Die Modellregionen in Bayern befinden sich derzeit noch im Aufbau.

Schnelle Hilfe und Beratung

Wer den Verdacht hat, Freunde oder Verwandte werden in Ihrer Meinung immer extremer und radikalisieren sich, kann sich bei der bundesweiten Hotline des Violence Prevention Network melden und bekommt kostenlos und anonym eine Beratung, wie im individuellen Fall am besten vorzugehen ist.

Beratung durch das Violence Prevention Network bei extremistischer Radikalisierung:

Telefon: 0800 99 44 999

Mo. - Fr., 9 - 16 Uhr

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