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Extreme Wartezeiten bei der Rentenversicherung | BR24

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Wer eine Erwerbsminderungsrente beantragt, muss unter Umständen viel Geduld mitbringen. Dem BR liegen Fälle vor, in denen Betroffene Jahre auf eine Entscheidung warten - und das kann sogar existenzgefährdend sein.

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Extreme Wartezeiten bei der Rentenversicherung

Wer eine Erwerbsminderungsrente beantragt, muss unter Umständen viel Geduld mitbringen. Dem BR liegen Fälle vor, in denen Betroffene seit Jahren auf eine Entscheidung warten oder gewartet haben. Das kann unter Umständen sogar existenzgefährdend sein.

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Jahrzehntelang hat Brigitte (Name geändert) in einer kleinen Stadt in der Oberpfalz als Buchhalterin gearbeitet, bis sie mit Mitte 50 an schweren Depressionen erkrankt. Brigitte ist auf Dauer arbeitsunfähig und hat deshalb vor mehr als zwei Jahren eine Erwerbsminderungsrente beantragt.

Betroffene erzählen: Telefonanrufe laufen ins Leere

Der Antrag wurde abgelehnt. Im Mai 2018 legt Brigitte Widerspruch ein. Seitdem sei gar nichts mehr passiert. Kein Bescheid und auch telefonisch sei niemand erreichbar, erzählt sie.

"Es war nicht belegt. 20 Mal klingeln und dann bist Du rausgeflogen. Da denkst Du Dir, die wollen gar nicht, dass Du anrufst. Die haben eh keine Zeit für Dich. Man fühlt sich schlecht, weil man nichts machen kann." Brigitte, ehemalige Buchhalterin

Diese Erfahrung macht auch die Journalistin Stefanie Buchinger, die mit Ende 30 an Multipler Sklerose erkrankt und wie Buchhalterin Brigitte Erwerbsminderungsrente beantragt. Zuerst kommt eine Ablehnung, auf ihren Widerspruch hin, wird zwar ein Gutachter-Termin angekündigt, doch den bekommt sie über Monate nicht. Der Versuch, telefonisch nachzuhaken scheitert auch daran, dass Durchwahlnummern von Sachbearbeitern irgendwann nicht mehr existieren, erzählt Stefanie Buchinger.

Extreme Wartezeiten bei Anträgen auf Erwerbsminderungsrente

Wer eine Erwerbsminderungsrente beantragt, muss im Durchschnitt 129 Tage auf einen Bescheid warten – vier Monate. Nach Auskunft des Bundesarbeitsministeriums hat sich die Bearbeitungsdauer bei der Deutschen Rentenversicherung seit 2010 um mehr als ein Drittel verlängert.

Und offenbar häufen sich in letzter Zeit auch Fälle wie der von Brigitte und Stefanie, bei denen monate- oder sogar jahrelang gar nichts geschieht. Das ist jedenfalls die Erfahrung von Marian Indlekofer, Kreisgeschäftsführer beim Sozialverband VdK München.

"Aus unserer Beratungspraxis können wir definitiv sagen, dass das keine Einzelfälle sind. Das ist wirklich ein Phänomen, das in ganz Bayern auftritt." Marian Indlekofer, VdK München

Rentenversicherung fehlen Gutachter für psychische Erkrankungen

Überdurchschnittlich lange dauert die Bearbeitung vor allem bei Anträgen auf Erwerbsminderungsrente, die wegen psychischer Erkrankungen gestellt werden. Mit mehr als 40 Prozent sind sie die häufigste Ursache für Frühverrentung – und genau in diesem Bereich fehlten Gutachter, sagt der Pressesprecher der Deutschen Rentenversicherung Bayern Süd, Jan Paeplow.

"Wir sind verstärkt auf der Suche nach externen Gutachtern, die für uns die Gutachten erstellen. Darüber hinaus werden wir auch eigenes Personal einstellen, um einfach die Wartezeiten für diese Fälle zu verringern." Jan Paeplow, Pressesprecher Deutsche Rentenversicherung

Unverschuldet zum Sozialfall

Brigitte wird vom geplanten Personalaufbau nicht mehr profitieren. Ihr bleibt schlicht und einfach keine Zeit mehr. In drei Monaten läuft ihr Arbeitslosengeld aus. Hat die Deutsche Rentenversicherung bis dahin immer noch nicht über ihren Antrag auf Erwerbsminderungsrente entschieden, wird sie völlig unverschuldet zum Sozialfall.

"Es ist grausam. Seit meinem 15. Lebensjahr bin ich arbeiten gewesen, bis ich einfach nicht mehr konnte. Und jetzt machen sie mir mein Leben richtig schwer. Dass ich jetzt vor Hartz IV stehe, ist irgendwie verrückt." Brigitte, ehemalige Buchhalterin

Im Falle einer Bewilligung muss ihre Rente zwar rückwirkend bis zum Zeitpunkt der Antragstellung nachbezahlt werden, aber das ist für Brigitte nur ein schwacher Trost. Mit Unterstützung des VdK wird sie weiter dafür kämpfen, dass endlich über ihren Rentenantrag entschieden wird.

Nach BR-Bericht geht es auf einmal schnell

Bei Stefanie Buchinger, die wegen ihrer MS-Erkrankung Erwerbsminderungsrente beantragt, hat sich inzwischen etwas getan. Nachdem der Bayerische Rundfunk Ende Oktober erstmals über ihren Fall berichtet, geht auf einmal alles ganz schnell: Sie wird zur Begutachtung eingeladen und bekommt innerhalb weniger Wochen den Bescheid, dass ihre Erwerbsminderungsrente genehmigt wurde.