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Ein Wohnhaus in Regensburg - sozial benachteiligte Familien mit beengten Verhältnissen tragen im Lockdown eine besonders große Last.

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    Experten warnen: Lockdown trifft benachteiligte Familien hart

    Corona trifft nicht alle gleich – das zeigt sich immer deutlicher. Sozial benachteiligte Familien tragen eine besonders große Last - Isolation, Aggression und gewaltvolle Konflikte nehmen zu. Experten fordern mehr Unterstützung durch die Politik.

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    Von
    • Anja Wahnschaffe

    Es ist kurz vor 16.30 Uhr. Sozialpädagogin Martina Miller von der Diakonie München und Oberbayern macht einen Hausbesuch im Münchner Umland bei Familie König, die ihren richtigen Namen hier lieber nicht lesen möchte. Viele Sozialarbeiter machen wegen der Pandemie ihre Beratungen nur noch telefonisch. Miller kommt trotzdem vorbei. Denn die Pandemie hat Mutter Mia und ihre zwei Kinder vollkommen aus der Bahn geworfen.

    Die Ganztagsschule habe den alltäglichen Rhythmus der Familie vorgegeben, so die Alleinerziehende. "Das hat sich von heute auf morgen durch den ersten Lockdown gedreht. Ich musste hundert Prozent da sein. Es war alles auf mir. Es gab nur noch: Sie müssen aber und Sie müssen und Sie müssen."

    Überforderte Familien: Keine Schule, keine Großeltern, kein Sport

    Anfangs, so erzählt die 43-jährige Mia, fand ihr Sohn Moritz den Unterricht per Video im Homeschooling noch spannend. Doch mit der Zeit ließ die Motivation nach. Auch mit dem Hin und Her zwischen Präsenz-, Wechsel- und Distanzunterricht hätten die Grundschüler zu kämpfen gehabt. Vergangenen Sommer seien die Jungs dann wochenlang gar nicht mehr zum Unterricht erschienen. Die Schule schaltete das Jugendamt ein. Die Königs bekamen die Sozialpädagogin Martina Miller zur Seite gestellt, die seitdem regelmäßig vorbeischaut.

    Hinzu kam: Mutter Mia arbeitet im Schichtdienst in einer Sicherheitsfirma. Durch die Pandemie ist die Betreuung durch die Großeltern weggefallen. Die Folge: Sie musste ihre Kinder immer wieder stundenweise alleine lassen. Auch viermal die Woche Eishockey ist für die Kinder weggefallen – zuvor ein fester Bestandteil im Alltag der Familie.

    Alle geregelten Strukturen fehlen plötzlich

    Alleinerziehend, Schichtarbeit, keine Betreuung durch die Großeltern, kein regelmäßiger Vereinssport und auch keine Ganztagsschule mehr. Alle geregelten Strukturen plötzlich weg. Kein Einzelfall, so Sozialpädagogin Miller. Was sie immer wieder beobachtet: Familien mit wenig Geld, die in beengten Wohnverhältnissen leben, setzt die Krise besonders zu.

    Oft fehle der Platz, um Homeschooling zu organisieren, dass jeder in Ruhe arbeiten könne - oder die Endgeräte fehlen. "Gerade bei Familien mit geringerem Einkommen sind einfach nur Handys oder Tablets vorhanden, und an denen kann man nicht so gut lernen wie an einem Computer oder einfach im normalen Schulgeschehen."

    Pandemie verstärkt soziale Spaltung

    Die Nachteile und Vorteile der sozialen Herkunft zeigen sich durch Pandemie wieder deutlicher. Das weiß auch Sozialwissenschaftlerin Alexandra Langmeyer. Sie arbeitet am Deutschen Jugendinstitut und hat in der Studie "Kindsein in Zeiten von Corona" die Folgen der Pandemie für Familien während des ersten Lockdowns untersucht.

    Die soziale Herkunft der Familie spiele bei dem, wie gut die Kinder mit der Situation zurechtkommen, eine ganz große Rolle, so Langmeyer. "Wir sehen auch, dass für das Wohlbefinden der Kinder mit der neuen Situation das Familienklima, also - wie gut strukturiert läuft das ab, ist es dort sehr chaotisch und konfliktreich - einen großen Einfluss hat." Die Pandemie könne die soziale Spaltung vorantreiben. Gut situierte Familien leiden zwar ebenfalls, so die Sozialwissenschaftlerin, allerdings hätten diese meist mehr Ressourcen, um Probleme aufzufangen.

    Jugendämter: Pandemie verstärkt vorhandene Probleme

    Bayerische Jugendämter bestätigen dieses Bild in einer Umfrage des BR. Familien, die eh schon benachteiligt sind, könne die Pandemie besonders hart treffen: Alleinerziehende, Familien in Hartz-IV-Bezug oder mit Migrationshintergrund, Geringverdiener, Familien mit psychischen Problemen oder erhöhtem Förderbedarf. Eltern, die selbst bildungsfern sind, mit Sprachbarrieren oder mit Suchtproblemen zu kämpfen haben.

    Bereits vorhandene Belastungen, Überforderungen und Konfliktpotenzial werden in der Pandemie verstärkt, schreibt ein Jugendamt. Ein anderes berichtet: Alarmierende Problemlagen könnten oft spät erkannt werden. Die Folge: erhöhter Druck, Angst, Hoffnungslosigkeit, Isolation, Aggression, Konflikte bis hin zu Gewalt. Ein Jugendamt berichtet: Häufig seien diese Familien in einem fast ausweglosen Kreis von sich gegenseitig verstärkenden Problemen gefangen, die sich wieder auf die Kinder übertragen.

    Jugendämter: Sozial Benachteiligte mehr in den Blick nehmen

    Bayerische Jugendämter fordern: Bei künftigen Einschränkungen sollte die Politik die Bedürfnisse benachteiligter Familien mehr in den Fokus nehmen. Sie müsse sich mehr am Bedarf der Kinder und nicht an dem der Eltern orientieren.

    Bildungsangebote sollten trotz der Pandemie aufrechterhalten und sogar ausgebaut werden. Zudem sollten die Unterstützungsangebote für benachteiligte Familie umfangreicher werden. Außerdem wird ein nachhaltiges Konzept im Umgang mit dem Virus benötigt, damit der Wechsel zwischen Zeiten des kompletten Lockdowns, des eingeschränkten Lockdowns und zunehmender Freiheiten bei bestimmten Grenzwerten nicht zu Verunsicherungen und Einbrüchen in der Versorgung mit Unterstützungsangeboten führt.

    Politik muss finanziell, aber auch in konkreten Lebenslagen helfen

    Sozial benachteiligte Familien stünden ein Jahr nach Beginn der Krise immer noch nicht im Fokus der Politik, klagt auch Jens Tönjes vom Bayerischen Kinderschutzbund. Solche Familien dürften nicht nur finanziell von der Politik unterstützt werden, sondern man müsse ihnen in ihren konkreten Lebenslagen helfen. Außerdem brauche es gute Konzepte, um vor allem die Bildungsverluste auszugleichen, so Tönjes. Und es bräuchte eine Bestandsaufnahme, wie sich Corona auf Kinder und Familien ausgewirkt habe.

    Das Bayerische Sozialministerium verweist auf Nachfrage des BR, wie sozial benachteiligte Familien in der Corona-Krise unterstützt werden, auf vielfältige Hilfen durch Jugendämter und Wohlfahrtsverbände und eine seit Corona vermehrte finanzielle Unterstützung. Zudem werde derzeit ein Konzept erarbeitet, um die konkreten Auswirkungen auf die Kinder und Jugendlichen zu untersuchen – ein Jahr nach Beginn der Pandemie.

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