BR24 Logo
BR24 Logo
Startseite

NEU

Exodus der Helfer: Häusliche Pflege steht vor dem Kollaps | BR24

© BR

Die Corona-Krise wird in Deutschland zur Pflegekrise. Durch die Pandemie droht die 24-Stunden-Betreuung von alten und hilfsbedürftigen Menschen zusammenzubrechen. Vor allem osteuropäische Plegekräfte fallen weg. Lösungswege fehlen bisher.

35
Per Mail sharen
  • Artikel mit Audio-Inhalten

Exodus der Helfer: Häusliche Pflege steht vor dem Kollaps

Die Coronakrise wird in Deutschland zur Pflegekrise. Durch die Pandemie droht die 24-Stunden-Betreuung von alten und hilfsbedürftigen Menschen zusammenzubrechen. Vor allem osteuropäische Pflegekräfte fallen weg. Lösungswege fehlen bisher.

35
Per Mail sharen

Der Vater von Damaris Schulz-Pöpel aus Ansbach ist pflegebedürftig. Nur mit Hilfe zweier 24-Stunden-Kräfte aus Polen konnte er bis vor kurzem trotz seiner fortschreitenden Demenz noch in seinem Zuhause in Bonn leben.

"Dann kam Corona nach Europa. Und plötzlich hatten wir niemanden mehr für meinen Vater." Damaris Schulz-Pöpel

Eine Betreuerin wurde panisch, als sie eine Erkältung bekam und reiste vorzeitig ab. Die Kollegin, die sie ablösen sollte, traute sich aber nicht nach Deutschland. Sie fürchtete, sich auf der rund 1.000 Kilometer langen Reise mit Covid-19 zu infizieren und den alten Mann anzustecken oder selbst nicht mehr zurück nach Hause zu können.

Nur mit viel Glück konnte Damaris Schulz-Pöpel für ein paar Wochen einen Kurzzeitpflegeplatz in einem Heim ergattern. Was danach kommt, ist ungewiss.

Bis zu 200.000 Helfer aus Osteuropa könnten nach Ostern fehlen

In Deutschland arbeiten vor allem 24-Stunden-Kräfte aus Osteuropa, etwa aus Polen, Rumänien oder Kroatien. Nun aber gibt es vielerorts strenge Ausgangssperren, Reisebusse fahren nicht mehr, an den Grenzen wird kontrolliert. Viele Pflegehelfer sitzen fest. Der Verband für häusliche Betreuung und Pflege (VHBP), in dem Vermittlungsagenturen organisiert sind, schlägt Alarm.

Geschäftsführer Frederic Seebohm fürchtet, dass nach den Feiertagen zwischen 100.000 und 200.000 Pfleger in der häuslichen Betreuung fehlen. Bei den legalen Betreuungspersonen sei es nicht so gravierend, die wüssten zu schätzen, dass sie in Deutschland krankenversichert sind und könnten noch überzeugt werden zu bleiben - auch aufgrund der guten Betreuung und Beratung durch die Agenturen, sagt Seebohm.

"Im illegalen Bereich, und das ist der größte Teil des Marktes, beobachten wir allerdings, dass zahlreiche Betreuungspersonen Hals über Kopf abreisen und nicht ersetzt werden können." Frederic Seebohm, Verband für häusliche Betreuung und Pflege

Illegale Beschäftigung rächt sich in der Corona-Krise

Bis zu 300.000 Haushalte in Deutschland beschäftigen 24-Stunden-Kräfte. Allerdings arbeiten 90 Prozent der Betreuerinnen schwarz, schätzen Pflegeexperten. Ohne Arbeitspapiere dürfen sie nach Angaben der Bundespolizei nicht mehr einreisen. Bleiben die häuslichen Betreuer fern, werde die 24-Stunden-Pflege zusammenbrechen, warnt Professor Michael Isfort vom Deutschen Institut für angewandte Pflegeforschung (dip) in Köln:

"Die sind systemrelevant - und zwar unabhängig davon, ob sie legal über Beschäftigungsverhältnisse hier in den Haushalten arbeiten oder ob sie irregulär beschäftigt sind. Wenn die wegfallen und wir würden von der Seite aus einen Druck auf die Altenheime haben, dann kann das momentan keiner versorgen. Das muss man ganz klar so sagen." Prof. Michael Isfort, Pflegeexperte

Drohender Pflegenotstand: Kaum ein Heim hat Quarantänezimmer

Der Pflegeforscher bemängelt, es fehle ein branchenübergreifender Pandemieplan. Neben den ambulanten Pflegediensten und der ambulanten Intensivpflege habe man auch den großen Bereich der häuslichen Pflege vergessen, kritisiert Michael Isfort. Um einen Pflegenotstand zu verhindern, müssten nun Soforthilfen her: Städte und Landkreise sollten Hotlines für Betroffene und ihre Familien einrichten und die Kapazitäten von ambulanten Pflegediensten und Heimen zentral steuern.

Die Alternativen zur häuslichen Betreuung, wie Alten- und Pflegeheime, fallen zunehmend weg. So haben die Bundesländer Bayern und Niedersachsen bereits einen Aufnahmestopp für Pflegeheime verhängt, um Neuinfektionen mit dem Corona-Virus zu vermeiden. Ausgenommen sind Einrichtungen, die für neue Bewohner eine 14-tägige Quarantäne garantieren können. Nach Recherchen des Bayerischen Rundfunks ist das zum jetzigen Zeitpunkt in kaum einer Einrichtung möglich. Selbst Heimbewohner, die vorübergehend im Krankenhaus liegen, dürfen nur in ihr Pflegeheim zurück, wenn sie dort isoliert werden.

Vorbild Österreich – Krisenmanagement für die häusliche Pflege

Ein Blick über die Grenze zeigt, dass es auch anders geht: Österreich hat seit 2007 das Hausbetreuungsgesetz, das weitestgehend Rechtssicherheit für Betreuer und Betreute schafft. Außerdem gibt es zusätzlich zum Pflegegeld einen monatlichen Zuschuss von bis zu 550 Euro. Schwarzarbeit in der häuslichen Pflege ist kaum mehr ein Problem.

In der Corona-Krise hat Österreich einen Sonderfonds aufgelegt, mit dem Pflege-Hotlines eingerichtet und in den nun leerstehenden Reha-Kliniken Notplätze für Pflegebedürftige geschaffen werden. Die Regierung in Wien hat außerdem einen Bonus von 500 Euro für jede Betreuungskraft beschlossen, die ihren Vertrag trotz Corona-Krise um mindestens vier Wochen verlängert.

Auch Bayern hat einen Bonus für Pflegekräfte in Höhe von 500 Euro beschlossen. Die 24-Stunden-Betreuer gehen dabei aber leer aus - selbst wenn sie legal als Seniorenbetreuer arbeiten. Auf Anfrage teilt das Bayerische Gesundheitsministerium mit: Der Bonus gelte nur für "professionelle Pflegekräfte" in Krankenhäusern und Rehabilitationskliniken, in stationären Alten-, Pflege und Behinderteneinrichtungen sowie in ambulanten Pflegediensten. Auch Notfallsanitäter und Rettungsassistenten bekommen den Bonus.

Häusliche Pflegekräfte aber gehen leer aus. "Es handelt sich hierbei regelmäßig nicht um anerkannte Pflegekräfte", schreibt das Ministerium.

© BR

Die Corona-Krise wird immer mehr eine Pflegekrise. Auch in der häuslichen Pflege, wo bis zu 300.000 Helfer aus Osteuropa arbeiten. Wegen geschlossener Grenzen und Corona-Angst kommen viele Hilfskräfte nicht mehr an ihren Arbeitsplatz.

"Darüber spricht Bayern": Der neue BR24-Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht’s zur Anmeldung!