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Existenzkampf statt Touristenflut in Rothenburg ob der Tauber | BR24

© BR / Lisa Wurscher

Das mittelalterliche Juwel Rothenburg ob der Tauber: Die fast zwei Millionen Touristen jährlich sind Fluch und Segen zugleich. Doch seit der Corona-Krise bleiben die internationalen Gäste fern.

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Existenzkampf statt Touristenflut in Rothenburg ob der Tauber

Von den 560.000 Übernachtungen und den 1,9 Millionen Tagesbesuchern des Vorjahres ist Rothenburg meilenweit entfernt. Die Corona-Krise trifft die mittelfränkische Kleinstadt hart. Es gibt bereits erste Insolvenzen.

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Kuckucks-Uhren, mit regionalen Motiven bedruckte Sofakissen und sonstiger Erinnerungs-Krimskrams: Damit verdient Andrea Eisenmann schon seit Jahrzehnten ihr Geld. Heuer allerdings kleben ihre Souvenir-Artikel wie Blei in den Regalen. Der Umsatz liegt bei gerade mal zehn Prozent des Vorjahres. Die 63-jährige Geschäftsfrau kämpft um ihre Existenz: "Wenn ich aus meinem Laden keinen Gewinn generieren kann, von was soll ich dann leben?"

Perfekte Selfie-Kulisse für Amerikaner und Japaner

Normalerweise schieben sich um diese Jahreszeit jeden Tag Tausende von Touristen durch die mittelalterlichen Gassen. Vor allem für Amerikaner und Japaner ist die historische Altstadt mit ihren niedlichen Fachwerkhäuschen eine perfekte Selfie-Kulisse. Rothenburg zählt zu den beliebtesten Urlaubszielen in ganz Deutschland. Der fränkische Touristen-Magnet ist von immer neuen Rekordzahlen verwöhnt. Zweistellige Zuwachsraten bei Gästen aus Übersee waren bisher normal. Fast scheint es, als sei der Begriff "Overtourism" in Rothenburg entstanden.

"Ich musste Hartz IV beantragen"

Anders in diesem Jahr. An manchen Tagen ist die weltberühmte Altstadt fast menschenleer. Ein paar deutsche Touristen schlendern durch die Straßen, machen vielleicht noch eine Stadtführung, sind aber nicht in Kauflaune. Ein Fiasko für den Einzelhandel. "Ich musste Hartz IV beantragen", gesteht Marion Friese. Bei Selbstständigen heißt die staatliche Hilfe zum Lebensunterhalt eigentlich Grundsicherung, aber das hat für sie keinerlei Relevanz. Die Scham bleibt die gleiche.

Marion Friese betreibt einen Souvenirladen schräg gegenüber von Andrea Eisenmann. Seit 30 Jahren schon verkauft auch sie Kuckucksuhren und opulente Bierkrüge, aber so eine Situation hat sie noch nie erlebt. Die Corona-Soforthilfe ist längst aufgebraucht. Private Ersparnisse hat sie nicht mehr - die stecken in ihrem Laden, den sie erst vergangenes Jahr gekauft hat, größtenteils finanziert durch einen Bankkredit.

"Es wird noch weitere Insolvenzen geben"

Ein 4-Sterne-Hotel im Herzen von Rothenburg hat bereits Insolvenz angemeldet. Auch ein kleiner Lebensmittelladen, der erst 2019 eröffnet wurde, musste schon aufgeben. "Ich befürchte, dass es noch weitere Insolvenzen geben wird", sagt Marion Beugler, die lokale Vorsitzende des Hotel- und Gaststättenverbandes und fügt hinzu: "Ich glaube, dass das ein sehr, sehr schwieriges Jahr wird."

In normalen Zeiten ist ihr kleines Boutique-Hotel auf Wochen ausgebucht. Seit März aber hagelt es nur Stornierungen. Ganze drei Gäste beherbergt sie zurzeit: Radfahrer, die in ihrem Haus nur einen kurzen Zwischenstopp einlegen.

Hoffnung auf mehr deutsche Besucher

"Wir freuen uns über ausländische Gäste", sagt Tourismusdirektor Jörg Christöphler, "aber da es 50 Prozent sind, haben wir jetzt ein Problem." Er plant schon länger, mehr deutsche Besucher nach Rothenburg zu locken und möchte dafür gerne das Image der Stadt ändern: raus aus dem Kitsch, hin zu mehr Kultur und Natur. So ganz auf die Schnelle kann ihm das aber wohl kaum gelingen – auch, wenn rund die Hälfte der Deutschen heuer Urlaub im eigenen Land machen will.

© pa/dpa/Daniel Karmann

An schönen Tagen in der Urlaubssaison tummeln sich in Rothenburg unzählige Touristen.

© pa/dpa/Daniel Karmann

Jetzt herrscht in den malerischen Gassen der Altstadt gähnende Leere.

© pa/dpa/Daniel Karmann

Auf dem Marktplatz machen Cafés und Lokale normalerweise Angebote für die Touristen.

© pa/dpa/Daniel Karmann

Jetzt ist der Zustrom von Touristen nach Rothenburg eingebrochen. Die Aufnahme stammt vom April 2020.

© pa/dpa/Daniel Karmann

Im Juli 2013 sah es hier so aus.

© pa/dpa/Daniel Karmann

Viele Geschäftsleute kämpfen um ihre Existenz.

© pa/dpa/Daniel Karmann

Jetzt wartet die Stadt immerhin auf deutsche Touristen, um ihre Schönheit zu zeigen: Hier die Untere Schmiedgasse, Siebersturm und Plönlein.

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