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Nach dem katholischen Missbrauchsskandal sind auch innerhalb der evangelischen Kirche zahlreiche Missbrauchsfälle öffentlich geworden. Die bayerische Landeskirche verabschiedet heute ein Präventionsgesetz, um sexuellem Missbrauch vorzubeugen.

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Evangelische Kirche will konsequent gegen Missbrauch vorgehen

Nach dem katholischen Missbrauchsskandal sind auch innerhalb der evangelischen Kirche zahlreiche Missbrauchsfälle öffentlich geworden. Die bayerische Landeskirche verabschiedet heute ein Präventionsgesetz, um sexuellem Missbrauch vorzubeugen.

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Von
  • Barbara Schneider

Mit bloßen Zahlen lässt sich das Leid kaum beschreiben. Rund 150 Opfer sexualisierter Gewalt haben sich seit dem Jahr 2000 bei der evangelischen Landeskirche in Bayern gemeldet, sagt Oberkirchenrat Nikolaus Blum. Darunter waren 40 bis 50 schwere Missbrauchsfälle.

Evangelische Kirche in Bayern will Präventionsgesetz

Blum hofft, dass mit dem neuen Präventionsgesetz die Zahl der Fälle erheblich gesenkt werden kann. In Zukunft sollen alle Mitarbeitenden in der evangelischen Landeskirche mit dem Schutzkonzept vertraut sein und so in die Lage versetzt werden, mit Fällen sexuellen Missbrauchs umzugehen, so der Oberkirchenrat.

"Das ist ja ein Hauptproblem: die Sprachlosigkeit im Umgang mit diesen Fällen. Und das wollen wir durchbrechen." Oberkirchenrat Nikolaus Blum

Schutzkonzepte, um sexuellen Missbrauch zu verhindern

Alle kirchlichen Institutionen, so sieht es das Gesetz vor, sollen Schutzkonzepte entwickeln: Regeln dafür, wie Gemeinden, Diakonie und andere kirchliche Einrichtungen sexuellen Missbrauch verhindern können. Paula Tiggemann war bis vor kurzem Vorsitzende der Evangelischen Jugend in Bayern. Sie sitzt als Kirchenparlamentarierin in der Synode und hat an dem Gesetzentwurf mitgearbeitet.

Für sie ist klar, dass es bei der Präventionsarbeit nicht nur den einen Weg geben kann, denn "wir arbeiten in unserer Kirche in den verschiedensten Bereichen, nicht nur mit Hauptberuflichen, sondern auch Ehrenamtlichen", sagt die 27-Jährige. Das Thema müsse auch in Ausbildung und Fortbildung aufgenommen werden, so Tiggemann. Die Menschen müssten sensibilisiert werden, dass Missbrauch viel schneller bemerkt werde.

Für Missbrauch-Opfer ändert das Gesetz nichts

Schaut man sich das Gesetz an, fällt eines auf: Es fasst vor allem die Regelungen und Maßnahmen zusammen, die es bislang innerhalb der Kirche schon gibt. Etwa, dass die Landeskirche Ansprech- und Meldestellen eingerichtet hat. Für diejenigen, die bereits Opfer von sexuellem Missbrauch innerhalb der Kirche geworden sind, ändert sich durch das Gesetz nichts, kritisiert Detlev Zander.

Der 59-Jährige wurde als Kind über Jahre hinweg in einem evangelischen Heim in Baden-Württemberg vergewaltigt und misshandelt. Heute lebt er in Niederbayern und ist Mitglied im Betroffenenbeirat der Evangelischen Kirche in Deutschland.

"Prävention ist keine Aufarbeitung. Wir müssen zuerst Fakten schaffen. Das heißt aufklären, was ist denn überhaupt passiert. Warum ist das passiert? Wie viele sind es denn tatsächlich?" Detlev Zander

Ein Präventionsgesetz zu verabschieden, reicht in seinen Augen nicht aus. Detlev Zander vom "Netzwerk Betroffenen Forum" fordert eine schonungslose Aufarbeitung. Äußerst problematisch sei dabei, dass sich Betroffene zuerst an kirchliche Stellen und Mitarbeiter wenden müssten. Seine Erfahrung: Viele Menschen, die innerhalb der Kirche Missbrauch erlebt haben, wollen mit der Kirche als Täterorganisation nichts mehr zu tun haben.

Fünf Millionen Euro für Fachstelle gegen sexualisierte Gewalt

Rund fünf Millionen Euro sieht der neue Haushalt der bayerischen Landeskirche für die Fachstelle gegen sexualisierte Gewalt vor, um die Stelle personell aufzustocken. In den zurückliegenden Jahren hat die Landeskirche über 700.000 Euro an - wie sie es nennt - Anerkennungsleistungen an Opfer sexueller Gewalt gezahlt.

Wenn die evangelische Landeskirche am Donnerstag ihr Präventionsgesetz verabschiedet, wird das kein Schlussstrich sein. Der Missbrauch in der evangelischen Landeskirche ist noch lange nicht aufgearbeitet.

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