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Evangelische Kirche plant Kürzungen für Versöhnungskirche | BR24

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Es gibt Diskussionen um die KZ-Gedenkstätte in Dachau. Grüne und SPD fordern eine inhaltliche Weiterentwicklung und Neuaufstellung. Die Evangelische Kirche will Gelder kürzen für die europaweit einzige Kirche auf dem ehemaligen KZ-Gelände.

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Evangelische Kirche plant Kürzungen für Versöhnungskirche

Es gibt Diskussionen um die KZ-Gedenkstätte in Dachau. Grüne und SPD fordern eine inhaltliche Weiterentwicklung und Neuaufstellung der Einrichtung. Derweil will die Evangelische Kirche für die Versöhnungskirche auf dem KZ-Gelände Gelder kürzen.

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Von
  • Irene Esmann

Normalerweise wären in der KZ-Gedenkstätte in Dachau gerade viele Menschen unterwegs: Einzelbesucher oder Gruppen, die über das Gelände des einstigen Konzentrationslager gehen - und denen womöglich drastisch bewusst wird, welche Verbrechen sich hier in der Nazidiktatur abgespielt haben. Mehrere Hunderttausend der rund eine Million Besucher jährlich zieht es dann auch in die evangelische Versöhnungskirche. Die betreut Pfarrer Björn Mensing. Und er ist überzeugt: das Angebot der Versöhnungskirche ist wichtig für die Besucher - um mit den Eindrücken fertig zu werden:

"Viele waren unmittelbar vorher im Krematoriumsbereich, also einer der grausamsten Orten des Gesamtterrors hier - und von den Öfen her kommen die. Und dieser Ort ist der einzige Ort, wo man sich sortieren kann." Pfarrer Björn Mensing

Eine Kerze anzünden, ein Eintrag in ein Besucherbuch, ein Gedenkgottesdienst - oder ein Gespräch mit einem Seelsorger: all das ist hier hilfreich, erklärt Björn Mensing.

Besucher brauchen Ansprechpartner

In seiner Arbeit unterstützt ihn ein Diakon. Der berichtet, dass aus seinem Team immer jemand für die Besucher ansprechbar sei "und es ist ganz unterschiedlich, manche fangen an zu weinen, andere erzählen, dass ihre Großeltern hier ermordet wurden - also das ist ganz ganz wichtig."

Doch damit könnte es bald vorbei sein. Die evangelische Kirche muss sparen: will eine von zwei Vollzeitstellen streichen - der Diakon müsste gehen.

Und auch die EKD - die evangelische Kirche in Deutschland - will ihre Finanzierung für die Versöhnungskirche zusammenstreichen. Sie plant, 30 Prozent weniger Geld in die Projekte stecken. Um die Zukunft der Aktionen gegen Antisemitismus und um die Erinnerungskultur, sorgt sich deshalb Klaus Schultz. Bis zu seiner Rente war er hier als Diakon mitverantwortlich. Jetzt will er die Sparmaßnahmen abwenden - mit einem Antrag an die Landessynode – ans Kirchenparlament, das über den Haushalt abstimmt:

"Ich finde es kommt zum schlechtesten Zeitpunkt, den man sich vorstellen kann - mit dem zunehmenden Rechtspopulismus, dem wir ausgesetzt sind. Und was mich am meisten angetrieben hat - es gibt nur noch wenige Überlebende, Zeitzeugen und dass die jetzt erleben müssen, dass man sich aus dieser Arbeit zurückzieht." Klaus Schultz

Finanzieller Druck auf Landeskirche wächst

Von Zurückziehen kann keine Rede sein, sagt dagegen die Landeskirche. Angesichts weniger Kirchenmitglieder und damit auch weniger Steuereinnahmen sei der finanzielle Druck immens. Alleine in diesem Jahr müsse man in Bayern mehr als 30 Millionen Euro einsparen, erklärt Oberkirchenrat Michael Martin. Die Folgen sind deutlich spürbar: "Wir haben viele sensible Bereiche wo wir drüber reden müssen, wie die Arbeit mit weniger Ressourcen weitergeführt werden kann, oder eben mit Hilfe von anderen Unterstützern, das ist nur ein exemplarischer Fall in Dachau - wo wir reduzieren müssen und konzentrieren müssen, wir müssen jetzt einfach für diese Arbeit genug andere finden, mit denen wir kooperieren können, damit diese Arbeit weitergeführt werden kann."

Bayerischen Stiftung Gedenkstätten bedauert Sparpläne

Doch überall wird derzeit das Geld weniger. Der Vorsitzende der Bayerischen Stiftung Gedenkstätten, Karl Freller, bedauert deshalb die Einsparpläne der evangelischen Kirche. "Ich hoffe wirklich, dass die Einsicht siegt, dass die Einsparung eine der besonders Traurigen wäre - ich formuliere es vorsichtig. Und ich bin sicher, dass in dem großen Personalkörper in ganz Bayern vielleicht irgendwo ein oder zwei Stellen abbaubar sind, die bei weitem nicht diese große Bedeutung haben in der Gesellschaft."

Doch der Stiftungsvorsitzende und stellvertretende Landtagspräsident Karl Freller, CSU, steht in diesen Tagen selbst in der Kritik. Grüne und SPD monieren eine Personalie. Freller habe an den Gremien vorbei die vakante Leitung der Bildungsabteilung in der KZ-Gedenkstätte neu besetzt - mit seiner Büroleiterin. Freller betont, diese sei qualifiziert - SPD und Grüne stellen das in Abrede.

Kritik: Gedenkstätte nicht "up to date"

Und SPD Bildungspolitikerin Margit Wild kritisiert, dass die KZ-Gedenkstätte in Dachau auch sonst stiefmütterlich behandelt werde - die Ausstellung sei veraltet , die Bildungsarbeit unterfinanziert, die Gebäude baufällig: "Die Gedenkstätte ist nicht up to date - wenn ich es vergleiche mit Flossenbürg, da gibts ein tolles pädagogisches Konzept, die Ausstellungsräume sind neu, es gibt eine gute Zusammenarbeit mit der Uni Regensburg, das ist alles vorbildlich und bei der größten Gedenkstätte, da liegt so vieles im Argen."

Die Kritiker sind sich einig: Staat und Kirche müssen Prioritäten setzen - auch finanziell - um mehr als 75 Jahre nach der Nazi-Diktatur die Erinnerung an die Opfer nicht verblassen zu lassen und um ein Zeichen zu setzen, gegen Rassismus und Antisemitismus.

Über die Gelder und Zukunft der Gedenkstätte verhandelt wird nun im März bei der evangelischen Landessynode und demnächst vermutlich auch wieder im Landtag.

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