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Erzieher-Mangel: In Bayern fehlen etwa 30.000 Kita-Fachkräfte | BR24

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Bis 2023 fehlen in Bayern laut Staatsregierung etwa 30.000 Fachkräfte in Krippen, Kindergärten und Horten. Das gehe zulasten der Kinder, klagen Erzieher. Mit einer Fachkräfteoffensive soll der Bedarf gedeckt werden. Ob das reicht, ist fraglich.

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Erzieher-Mangel: In Bayern fehlen etwa 30.000 Kita-Fachkräfte

Bis 2023 fehlen in Bayern laut Staatsregierung etwa 30.000 Fachkräfte in Krippen, Kindergärten und Horten. Das gehe zulasten der Kinder, klagen Erzieher. Mit einer Fachkräfteoffensive soll der Bedarf gedeckt werden. Ob das reicht, ist fraglich.

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Der Kindergarten-Ausflug in den Wald muss ausfallen, der Toberaum bleibt geschlossen und mancherorts ist die ganze Kita von der Schließung bedroht - so zuletzt in München: In den nächsten vier Jahren hat Bayern einen Bedarf an 19.400 Fachkräften wie Erzieher und Sozialpädagogen sowie 10.000 Ergänzungskräften wie Kinderpfleger. Die Zahlen beruhen auf einer Schätzung des Familienministeriums als Antwort auf eine schriftliche Anfrage der SPD.

Auch auf dem Land fehlen Erzieherinnen und Erzieher

Bayerische Städte und Ballungsräume sind vom Erziehermangel zwar tendenziell stärker betroffen, erklärt das Sozialministerium, aber aus Rückmeldungen von Jugendämtern, Trägervertretern und Beschäftigten lasse sich beobachten, dass der Fachkräftemangel zunehmend auch in ländlichen Bereichen relevant werde. "Es fehlen überall Fach- und Ergänzungskräfte in Kitas", bestätigt Steffi Krause vom evangelischen Kita-Verband Bayern.

Erziehermangel gehe zulasten der Kinder

Wenn wieder einmal nicht genügend Personal verfügbar sei, müssten Räume der Kita "Storchennest" geschlossen werden, erzählt die Kita-Leiterin Sabrina Nather aus Unterroth im Landkreis Neu-Ulm.

"Der Erziehermangel geht zu Lasten der Kinder." Kita-Leiterin Sabrina Nather

Teilweise müssten Ausflüge ausfallen, weil es nicht zu stemmen sei.

Am Rande der Belastbarkeit

Einige Einrichtungsleitungen, Erzieher, Kinderpfleger, Kindheits- und Sozialpädagogen haben sich deshalb zum "Bündnis Kita Bayern" zusammengeschlossen. Sie seien am Rande der Belastbarkeit und hätten oft viel zu wenig Zeit, um sich jedem Kind individuell und bedürfnisgerecht zu widmen und es altersgemäß zu fördern, so das Bündnis Kita Bayern unter Schirmherrschaft der SPD-Landtagsabgeordneten Doris Rauscher. Gemeinsam wolle man für Verbesserungen in der Frühpädagogik eintreten. Das Bündnis hat im Mai 2019 eine Petition im Landtag eingereicht.

So viele Erzieher wie noch nie

Dabei gibt es in Bayern eigentlich so viele Erzieher wie noch nie: Die Zahl der Fachkräfte in Kitas ist von 26.775 Erziehern im Jahr 2008 innerhalb von zehn Jahren auf 46.215 Erzieher im Jahr 2018 gestiegen. Das ist seit Einführung des Rechtsanspruchs 2013 eine Steigerung von knapp 73 Prozent, so das bayerische Sozialministerium. Doch auch der Bedarf ist laut Deutschem Jugendinstitut gestiegen und wird wohl weiter steigen.

Sozialministerin nimmt Kommunen und Tarifpartner in die Pflicht

"Wenn ich die Mietpreise in München anschaue, wundert es mich zumindest nicht, warum die Kinderpflegerin hier nicht leben kann", sagt Bayerns Sozialministerin Kerstin Schreyer. Die CSU-Politikerin nimmt Kommunen und Tarifpartner in die Pflicht. Die Fachkräfte in Kitas, Kindergärten und Horten leisteten eine hervorragende Arbeit und hätten es verdient, besser bezahlt zu werden.

"Der Freistaat ist dafür zuständig, die Ausbildung zu machen - die Anzahl der Plätze haben wir verdoppelt in zehn Jahren. Die Kommune ist dafür zuständig, dafür zu sorgen, dass die Menschen dort leben können. Und die Tarifpartner, wer was wem wie bezahlt. [...] Der Freistaat hat seine Hausaufgaben getan, die beiden anderen sind noch am Zug." Sozialministerin Kerstin Schreyer

Gewerkschaft fordert Tariftreueklausel

Auch das Land habe Einfluss auf die Bezahlung von Erziehern, entgegnet Mario Schwandt von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) Bayern. Die Staatsregierung könne etwa eine Tariftreueklausel in den Gesetzen verankern, so Schwandt. Die derzeitige Regelung stelle keine Verbindlichkeit her, Abweichungen nach unten würden nicht sanktioniert.

Kein Tarifvertrag bei kirchlichen Trägern

Viele Erzieher in Bayern arbeiten laut GEW Bayern außerdem für kirchliche Träger. Mit diesen könnten gar keine Tarifverträge verhandelt und kirchliche Betriebe auch nicht bestreikt werden, so Schwandt. Aber generell sei der Arbeitskampf schwierig: "Wenn wir streiken, dann schaden wir weniger den Arbeitgebern als den Eltern. Das sorgt für viel Unmut." Außerdem seien zu wenige Erzieher und Sozialpädagogen überhaupt gewerkschaftlich organisiert. Daher fehle es der Gewerkschaft an Schlagkraft.

Fachkräfteoffensive soll Bedarf decken

Mit einer Fachkräfteoffensive und einem Fünf-Punkte-Plan will das Sozialministerium mehr qualifiziertes Personal für Kitas gewinnen und die Betreuungsangebote ausbauen. Die Ausbildung soll attraktiver gestaltet werden. So läuft etwa mit Optiprax ein Modellprojekt für eine verkürzte und vergütete Ausbildung für Abiturienten und Quereinsteiger.

"Über das sogenannte gute-Kita-Gesetz bekommen wir Geld aus Berlin und ich darf die Hälfte in Qualität investieren" - so will Bayerns Sozialministerin Schreyer etwa Leitungs- und Verwaltungsboni einführen, um den Führungskräften mehr Zeit für ihre Leitungsaufgaben einzuräumen und Verwaltung auszugliedern: "Damit die Erzieherin das machen kann, was sie gerne macht. Nämlich mit den Kindern arbeiten."

100-Euro-Zuschuss könnte Erziehermangel noch verstärken

Seit April wird der Elternbeitrag - wie im Koalitionsvertrag von CSU und freien Wählern festgehalten - mit 100 Euro durch den Freistaat bezuschusst. Das führt nach Auskunft vieler Träger zu verlängerten Buchungszeiten und könnte den Erziehermangel somit noch verstärken.

"Wir haben noch keine validen Zahlen, was rauskommt. Was wir sicherlich haben, ist, dass wir auf der einen Seite Kitas kennen, die die Beiträge erhöhen, wir haben Kitas, bei denen die Eltern länger buchen und wenn das so ist, kann es natürlich so sein, dass man sich nochmal schwerer tut, weil man ja mehr Personal braucht." Sozialministerin Kerstin Schreyer

Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz

Seit 2013 haben Eltern einen Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz für Kinder zwischen dem ersten und dem dritten Lebensjahr. Die Kommunen sind seitdem verpflichtet, Eltern innerhalb von drei Monaten einen verfügbaren Betreuungsplatz zuzuweisen. Der Anspruch ist abhängig von der individuellen Situation einer Familie. Wenn Eltern etwa halbtags arbeiten, dann haben sie nur Anspruch auf eine halbtägige Betreuung für ihr Kind.

Bis zu 30 Minuten Weg sind zumutbar

Außerdem haben Eltern keinen Anspruch auf einen bestimmten Betreuungsplatz, etwa in der Wunsch-Kita um die Ecke. Das Verwaltungsgericht München hat in der Vergangenheit entschieden, dass eine 30-minütige Fahrt zur Kita noch zumutbar sei. Wer einen zumutbaren Kita-Platz für sein Kind ablehnt, der verliert seinen Rechtsanspruch.

Kein Kita-Platz - was nun?

Wer einen schriftlichen Ablehnungsbescheid von der Kita bekommt, der kann seinen Rechtsanspruch auch vor dem Verwaltungsgericht einklagen. Wenn man eine einstweilige Verfügung beantragt, dann wird die Klage innerhalb von vier bis sechs Wochen entschieden. Dafür muss man allerdings nachweisen, dass man sein Kind fristgemäß angemeldet hat. Die Eltern können sich außerdem auch einen Platz in einer privaten Kindertagesstätte oder eine private Tagesbetreuung organisieren. Beim Jugendamt können sie dann erfragen, ob die Kommune die Mehrkosten übernimmt.

Wenn Eltern keinen Kita-Platz finden und deswegen einen Verdienstausfall haben, dann besteht im Einzelfall eventuell sogar ein Anspruch auf Schadensersatz.

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Bis 2023 fehlen in Bayern laut einer Schätzung des Familienministeriums etwa 30.000 Erzieher und Kinderpfleger in Krippen, Kindergärten und Horten. Berufstätige Eltern bauen auf eine verlässliche Betreuung. Welche Rechte haben Eltern denn?