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Erwartungen, Hoffnungen und Sorgen zum Schulanfang | BR24

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Mehr als 1,6 Millionen Schülerinnen und Schüler gehen ab heute wieder in die Schule. Dort gelten strenge Hygieneregeln, und ab der 5. Klasse eine Maskenpflicht sogar im Unterricht. Wie gehen die Kinder, Eltern und Lehrkräfte damit um?

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Erwartungen, Hoffnungen und Sorgen zum Schulanfang

Mehr als 1,6 Millionen Schülerinnen und Schüler gehen ab heute wieder in die Schule. Dort gelten strenge Hygieneregeln, und ab der 5. Klasse eine Maskenpflicht sogar im Unterricht. Wie gehen die Kinder, Eltern und Lehrkräfte damit um?

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Für mehr als 1,6 Millionen Schülerinnen und Schüler im Freistaat beginnt ab heute wieder in die Schule, zwei davon sind der achtjährige Batu und seine Schwester Mira aus Karlsfeld bei München. Batu kommt in die 3. Klasse und freut sich vor allem auf die Lehrerin - letztes Jahr hätte er eine sehr nette gehabt, sagt er. Jetzt wartet er gespannt, ob die nächste Lehrerin auch "nett ist oder böse". Und auch die elfjährige Mira freut sich darauf, wieder in die Schule zu kommen, aber sie hat auch Angst, Corona zu bekommen, denn nun müssen die Schüler wieder im Klassenverband zusammensitzen.

Schwierigkeiten beim digitalen Distanzunterricht

Mit dem ersten Schultag gehen scheinbar endlose Ferien zu Ende. Seit Mitte März gab es keinen normalen Regelunterricht mehr, in den letzten Wochen im Schuljahr waren die Klassen zweigeteilt, nur tageweise kamen die Schüler in die Schule zum Unterricht. Ansonsten seien sie zuhause am Computer gesessen und hätten Aufgaben von den Lehrern zugeschickt bekommen oder es hätte Videokonferenzen via App gegeben – oft mit vielen Problemen, erzählt die elfjährige Mira:

"Manchmal hat der Computer gehängt, und da hat man auch überhaupt nicht verstanden, was der Lehrer gesagt hat oder was er aufgeschrieben hat, wenn er zum Beispiel Hefteinträge gemacht hat. Oder der Bildschirm war verschwommen, und manchmal hat der Lehrer auch mich nicht gehört, wenn ich ihm eine Frage gestellt habe." Mira aus Karlsfeld, 11 Jahre

Eltern zwischen Teilzeit-Nanny und Vollzeit-Job

Der digitale Unterricht war Neuland für die meisten Lehrer und eine Herausforderung für viele Eltern, wie Hakan Parmaksizoglu, zuhause Mira und Batu versorgte, erklärt:

"Meine Frau musste in die Arbeit. Ich war dann halt Teilzeitlehrer, war Teilzeit-Nanny, hatte aber einen Vollzeit-Job. Das war dann halt schwierig, wenn man mitten in der Besprechung ist oder arbeitet, dann kommt der Batu und will Blätter ausgedruckt haben - die drucke ich dann aus. Oder die Mira braucht das Tablet für ihr Teams-Meeting, für ihr Online-Meeting. Dann mussten wir uns noch ein neues Tablet zulegen."

Mehr Computer und Laptops im neuen Schuljahr

Nicht alle Familien konnten am digitalen Unterricht teilnehmen. Denn nicht bis in jeden Winkel Bayerns reicht die Internetversorgung. Und viele Familien können sich auch nicht einfach mal eben ein Digitalgerät für jedes Kind leisten. Immerhin werden nun im Freistaat 250.000 neue Computer und Laptops für Schüler und 120.000 für Lehrer angeschafft und verteilt und viele Lehrer haben an Schulungen teilgenommen.

Der Stufenplan der Staatsregierung

Das Corona-Schulkonzept der Staatsregierung setzt auf einen Stufenplan. Digitalen Unterricht soll es da geben, wo kein Präsenzunterricht möglich ist. Das kann zum Beispiel dort der Fall sein, wo der Inzidenzwert von 50 Neuinfektionen innerhalb von sieben Tagen pro 100.000 Einwohnern überschritten ist. Dann müssen Schulträger und Gesundheitsamt entscheiden, ob Schulkassen wieder geteilt werden und die Gruppen abwechselnd in die Schule kommen oder per Fernunterricht zu Hause lernen. Notwendig ist das dann, wenn die Räumlichkeiten keinen Sicherheitsabstand von 1,5 Metern zwischen den Schülern erlauben.

Stundenlang mit der Maske im Bus

Schwierig wird es mit dem Sicherheitsabstand auch in den öffentlichen Verkehrsmitteln im Schulverkehr. Eltern überall in Bayern machen sich darüber Sorgen – wie Nikole Minker aus Greding in Mittelfranken:

"Unsere Tochter fährt eineinhalb Stunden mit dem Bus zur Schule - einfach, dann sitzt sie da am Tag drei Stunden im Bus, muss die Maske aufsetzen. Und wenn man jetzt von einem kurzen Tag von bis 13 Uhr ausgeht, dass sie da Schule hat, dann sind das halt doch bis zu neun Stunden, wo sie im Endeffekt den ganzen Tag die Maske tragen muss, was wir natürlich nicht so toll finden." Nikole Minker

Damit die Schüler nicht zu gedrängt in den Bussen sitzen, werden Verstärkerfahrzeuge eingesetzt.

"Schule ohne Schüler ist etwas Furchtbares!"

Wann und wo es zu lokalen Lockdowns kommen wird, kann im Voraus niemand sagen. Und so bereiten sich die Schulen auf alle möglichen Szenarien vor. Erwin Lenz leitet das Ignaz-Taschner-Gymnasium in Dachau. Er macht sich viele Sorgen – zum Beispiel: wenn alle Lehrkräfte kommen – wie soll da der Abstand im Lehrerzimmer eingehalten werden? Die Mannschaft besteht aus 110 Lehrkräften. Aber im Lehrerzimmer ist nur Platz für 60 bis 70 Lehrkräfte. Noch mehr Sorgen macht sich der Schulleiter allerdings, wenn Lehrer ausfallen und Lücken zu stopfen sind. Denn Klassen darf er nicht zusammenlegen - das sei "ein absolutes No-Go" in Corona-Zeiten.

Er weiß, es muss viel improvisiert werden, das weckt ein mulmiges Gefühl in ihm und erschwert die Zusammenarbeit mit den Lehrer-Kollegen, die eigentlich seine klaren Ansagen brauchen: "Wir kennen den Vollbetrieb im Haus in Corona-Zeiten noch nicht, wir kennen nur den Betrieb mit halber Mannschaft. Jetzt sind alle da. Und jetzt muss sich zeigen, ob es sich umsetzen lässt oder nicht. Deshalb sind die Gefühle auch sehr gemischt. Wir freuen uns unglaublich, die Schüler wieder im Haus zu haben! Schule ohne Schüler ist was Furchtbares. Aber wir wissen nicht, wie es wird."

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Alle Kinder in der Schule. Da wird es schnell eng. Was kann helfen, Corona-Infektionen zu vermeiden? Was kann man tun, damit das Virus sich nicht an Schulen ausbreitet? Vorschläge gibt es viele, nicht alle sind effektiv.

Kontakte vermeiden, obwohl die Schule Ort der Begegnung ist

Wer ins Schulhaus kommt, sieht auf dem Boden markierte Einbahnstraßen, rot-weiße Absperrbänder sollen die Ströme der Schüler lenken. Kontaktlosigkeit sei allerdings nicht möglich, so Lenz, obwohl er versuche, die Kontakte möglichst zu reduzieren - wobei das dem Wesen der Schule an sich widerspreche: "Aber es ist halt so."

Wochenlang hat die Schule am Hygienekonzept getüftelt. Eingänge und Ausgänge wurden getrennt, der Pausenhof in Segmente unterteilt, damit sich dort möglichst nicht Schüler verschiedener Gruppen begegnen. Erarbeitet hat das Hygienekonzept hauptsächlich Kristin Artelt, und dann gemeinsam mit Kollegen Klassenzimmer für Klassenzimmer ausgestattet, etwa Bodenabsperrungen aufgeklebt, Desinfektionsmittel verteilt und überall im Schulhaus Dutzende Plakate aufgehängt, die zum Beispiel an die Einhaltung der sogenannten AHA-Regeln erinnern: A wie Abstand halten, H wie Hygiene beachten und A wie Alltagsmaske tragen.

Alltag in der Schule alles andere als normal

Und sollte doch ein lokaler Lockdown kommen, dann hofft der Schulleiter, auf digitalen Unterricht umstellen zu können. Eigentlich aber soll Schule ja ein Ort der Begegnung sein.

"Ich glaube, wir haben eine ganz gewaltige Aufgabe vor uns: Einen Alltag herstellen, der nicht angstbesetzt ist, wo man tröstet, wo man Sorgen nimmt, wo man versucht, wieder in das Fachliche zu kommen. Das ist natürlich schwierig, wenn sie im Haus 1.200 Menschen haben, mit Lehrern 1.300, wo sie eigentlich die Gesichter nicht sehen. Die Augen sehen Sie, aber nicht die Gesichter. Ich glaube, das ist sehr, sehr schwierig, hier Normalität zu erreichen." Schulleiter Erwin Lenz, Ignaz-Taschner-Gymnasium Dachau

Er sei heilfroh, wenn die jetzt angedachten ersten neun Tage vorbei sind, an denen die Masken auch im Unterricht getragen werden müssen. Schulleiter Lenz selbst trägt eine Maske aus Plexiglas. Er will, dass wenigstens seine Gesprächspartner sein Mienenspiel sehen können: "Schule ist Kommunikation, Schule ist Interaktion. Und das geht nur Face to Face."

Die Angst im Klassenzimmer

Unterricht mit Maske – eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit. Wo die Maske im Klassenzimmer ist, ist auch die Angst, sagt Simone Fleischmann, die Präsidentin des Bayerischen Lehrerverbands. Und der Druck auf die Lehrer sei enorm:

"Wir sollen stark sein, wir sollen Führung zeigen. Wir sollen positiv sein, wir sollen uns freuen. Wir sollen Kinder motivieren, wir sollen innovativ sein. Wir sollen also alles geben, was wir sonst ja auch geben sollten und haben aber selber Angst: Um Gottes Willen! Ist der jetzt aufs Klo gegangen? Hat der die Maske aufgehabt? Haben wir jetzt schon gelüftet? Haben wir heute alles richtig gemacht? Hat der Hände gewaschen? Weil da schwingt bei uns die Angst mit: 'Hoffentlich halten wir alle alle Hygienemaßnahmen ein, auch wenn es noch so irre ist, weil am Schluss bin ich schuld!' Die Angst ist bei uns allen mitten im Klassenzimmer bei den Lehrern, bei den Eltern, bei den Kindern, und deswegen wird es keinen normalen Schulunterricht im nächsten Jahr geben." Simone Fleischmann, Präsidentin des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbands

Schule ist aber mehr als Unterricht. Schule ist ein Ort für kulturelle und demokratische Bildung, betont Fleischmann – und vor allem ein Ort der Begegnung: "Es geht um mehr, es geht um kulturelle Bildung, es geht um demokratische Prozesse: Wie stimmen wir unser Schulprofil ab, welches Thema nehmen wir in dem Jahr? Es gibt so viel neben Mathe, Deutsch und Englisch! Und auch: Wie begegnen wir uns hier? Welche Rituale haben wir, wie grüßen wir uns?"

Schule lebt vom Miteinander - das fällt weg

Die Grundschulen sind von der Maskenpflicht im Unterricht zwar ausgenommen. Doch auch hier bleibt die Situation sehr schwierig – besonders für die, die heute ihren ersten Schultag haben.

"Und jetzt kommt der Erstklässler, der kennt das alles ja noch gar nicht. Jetzt kommt der und muss schon erstmal den Hygienemaßstab einhalten: also erstmal die Hände desinfizieren, dann muss er die Maske aufsetzen, dann muss er in die richtige Laufzone gehen, dann muss er sich an den richtigen Platz setzen, dann muss er die Maske abnehmen, wenn er bieseln will, muss er die Maske anziehen. Dabei kennt er das ja alles noch gar nicht." Simone Fleischmann, Präsidentin des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbands

Es gibt keine Patenschaften mit älteren Schülern, keine Klassenfeiern, kein gemeinsames Singen zu diesem Schulanfang: "Alles, was das soziale Miteinander angeht, können wir in die Tonne treten. Das hat nachhaltige Folgen, weil Schule eben mehr ist als Kompetenzen, Wissen, Sitzen und Zuhören. Sondern Schule lebt vom Miteinander, das wird wegfallen", so Fleischmann.

Wie das neue Schuljahr laufen wird, ist letztlich nicht planbar. Aber Eltern, Schüler und Lehrer freuen sich, dass es überhaupt wieder Unterricht an den Schulen gibt. Und sie hoffen trotz aller Schwierigkeiten auf ein Stück Normalität im Alltag.

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Erwin Lenz, Schulleiter am Ignaz-Taschner-Gymnasium in Dachau

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Erwin Lenz, Schulleiter am Ignaz-Taschner-Gymnasium in Dachau trägt eine für Bayern zertifizierte Plexiglasmaske.

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Getrennte Wege im Ignaz-Taschner-Gymnasium in Dachau.

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Klassenzimmer mit aufgeklebter Abstandsmarkierung zwischen Schülern und Lehrkraft auf dem Boden.

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Abstandsaufkleber auf dem Boden.

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Plakate mit Hygieneregeln hängen überall im Schulhaus. Maske tragen, Abstand halten und Hygiene beachten.

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Plakate mit Hygieneregeln hängen überall im Schulhaus. Maske richtig tragen.

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Plakate mit Hygieneregeln hängen überall im Schulhaus. Regelmäßig lüften.