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Nürnberger Pfarrer spricht sich gegen Seenotrettung aus | BR24

© Chris Grodotzki/dpa

Das Rettungsschiff "Sea-Watch 4" im Hafen von Palermo.

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    Nürnberger Pfarrer spricht sich gegen Seenotrettung aus

    Die evangelische Kirche beteiligt sich an der Rettung von Migranten auf dem Mittelmeer - doch diese Haltung kritisiert ein Pfarrer aus Nürnberg scharf. Mit seinem Text "Ein Christ kann ertrinken lassen", hat er eine kontroverse Diskussion ausgelöst.

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    Man könne doch als Christ niemanden ertrinken lassen – diese Aussage kritisiert der Nürnberger Pfarrer Matthias Dreher im Mitteilungsblatt des bayerischen Pfarrer- und Pfarrerinnenvereins als populistisch: Es sei ein "deprimierend unterkomplexes Totschlag-Argument" in einer "schwierigen, dilemmatischen Frage der Ethik". Mit diesen Worten hat der Nürnberger eine Kontroverse ausgelöst, die mittlerweile hohe Wellen schlägt.

    Kritik an Engagement der EKD bei Seenotrettung

    Sein Text "Ein Christ kann ertrinken lassen" erschien im "Korrespondenzblatt" als Antwort auf einen Artikel Ulrich Eckerts, der im Juli im selben Blatt die aktive Beteiligung der EKD an Seenotrettungsinitiativen im Mittelmeer verteidigte. Matthias Drehers Abhandlung ist eine Generalabrechnung mit der Seenotrettungsmission der evangelisch-lutherischen Kirche und der Haltung des EKD-Vorsitzenden Bedford-Strohm zur Flüchtlingspolitik. Auf Initiative der evangelischen Kirche beteiligt sich seit diesem Sommer das Rettungsschiff "Sea Watch 4" an der zivilen Seenotrettung im Mittelmeer.

    Pfarrer: Christen nicht verantwortlich für "Migranten" auf Mittelmeer

    Matthias Dreher, Pfarrer an der Nürnberger Melanchthon-Gemeinde, argumentiert, Seenotretter arbeiteten zwar nicht direkt mit Schleppern zusammen, aber sie seien in die gleiche "Migrations- und Transport-Struktur eingespannt". Außerdem seien Geflüchtete nicht notwendigerweise notleidende, arme Menschen – denn arme Menschen könnten sich eine Flucht gar nicht leisten.

    Dreher sagt, der Wunsch mancher Menschen nach einem besseren Leben verpflichte nicht zu "entsprechender Erfüllungshilfe". Außerdem sei der Staat verantwortlich dafür, eine Lösung für das Ankommen von "Migranten" zu finden, nicht die Kirche. In diesem Kontext könne man als Christ Migranten, die ihre Verantwortung vernachlässigten, ertrinken lassen, wie es hieß.

    Zuspruch von AfD, Kritik vom Dekanat Nürnberg

    Das sind Worte mit Sprengkraft, die vor allem in der evangelischen Kirche kritische Reaktionen ausgelöst haben. Auf der Web-Seite des Dekanats Nürnberg veröffentlichte der evangelische Stadtdekan Jürgen Körnlein eine Stellungnahme, zusammen mit den Nürnberger Dekaninnen und Dekanen und 68 Pfarrerinnen und Pfarrern. Darin steht, man könne über vieles diskutieren, auch über Rettungsschiffe, Entwicklungshilfe und Flüchtlingspolitik - aber: "Unter gar keinen Umständen darf man Menschen ertrinken lassen! Aus christlicher Sicht ist diese Forderung bedingungslos."

    Die Seebrücke Nürnberg verurteilte auf ihrer Seite die Aussagen Drehers scharf. Er verknüpfe "rassistische mit theologischen Theorien". Von der AfD erhielt Dreher Zuspruch. Der Europa-Abgeordnete Bernhard Zimniok veröffentlichte einen Facebook-Post in dem er Matthias Dreher zustimmt: "Pfarrer sagt die Wahrheit – und erntet dafür Shitstorm."

    Dreher steht weiterhin zu seinem Text

    Auch Landesbischof Bedford-Strohm äußerte sich öffentlich: "Sein Argument fußt auf der Behauptung, die Seenotretter seien der Grund dafür, dass Menschen die Überfahrt über das Mittelmeer riskierten. Diese Behauptung ist widerlegt." Auf Nachfrage des Bayerischen Rundfunks bestätigte Pfarrer Dreher, dass er auch weiter zu seinem Text stehe. Zu einem Interview ist er nicht bereit.

    Ulrich Eckert: Die Debatte ist zu polemisch

    Ulrich Eckert, Pfarrer in der Kirchengemeinde Gaimersheim, auf dessen Text Matthias Dreher ursprünglich antwortete, ist über die Heftigkeit der Debatte erschrocken. Er plädiert dafür, den Text Drehers differenzierter zu verstehen: "Der Titel ist provokant, aber der Text ist vielschichtiger. Ich denke, man darf ihm nicht unterstellen, dass er einfach für ein christliches Ertrinkenlassen plädiert. Er bringt etwas sehr kritisch, wenn auch sehr einseitig auf den Punkt." Der "Shitstorm" mit dem Matthias Dreher sich konfrontiert sehe, zeige wie polemisch die Debatte um Flüchtlingspolitik geworden sei.

    Kirchenleitung will Gespräch mit Matthias Dreher

    Inhaltlich widerspricht auch Ulrich Eckert den Argumenten Drehers vehement: "Es geht um elementare Menschenrechte und das Gebot der Nächstenliebe. Wenn die EU und andere Staaten der Erfüllung ihrer Pflicht Menschenleben zu retten und die internationalen Seerechtskonventionen nicht einhalten, dann muss die Kirche einspringen."

    Die Kirchenleitung will Pfarrer Dreher nun zu einem Gespräch treffen, sagte ein Sprecher der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern.

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