BR24 Logo
BR24 Logo
Startseite

Erstes Schachtkraftwerk der Welt produziert Strom an der Loisach | BR24

© BR/Martin Breitkopf

Ein Vorzeigeprojekt: das Schachtkraftwerk in der Loisach bei Großweil

5
Per Mail sharen

    Erstes Schachtkraftwerk der Welt produziert Strom an der Loisach

    Vom Pannenbau zum einzigartigen Vorzeigeprojekt: Seit Februar produziert das Schachtkraftwerk in der Loisach bei Großweil Strom. Die Pilotanlage ist ein Erfolg – für den Ort, die Wirtschaft und die Natur.

    5
    Per Mail sharen

    Erst vor Kurzem ist es ans Netz gegangen und gilt schon als Vorzeigeprojekt: das Schachtkraftwerk in der Loisach bei Großweil ist die erste Anlage dieser Art – weltweit. Entwickelt wurde es an der TU München. Die Planung war nicht einfach, der Bau war begleitet von Pannen. Aber jetzt liefert die Anlage mehr Strom, als Großweil verbrauchen kann. Und umweltfreundlich ist sie auch.

    Großprojekt für einen kleinen Ort

    Die Anlage sei für das kleine Dorf im Landkreis Garmisch-Partenkirchen ein Mammutprojekt, sagt Manfred Sporer, Altbürgermeister von Großweil und Geschäftsführer der Großweil Wasserkraft GmbH, dem Bayerischen Rundfunk. Es war ein langer Kampf, diese Anlage gegen Zweifler und Kritiker durchzusetzen. Umso mehr freut sich Sporer jetzt, dass mittlerweile schon fast einen Million Kilowattstunden "grüner Strom" produziert wurde. Mit der Pilotanlage an der Loisach ist Großweil mit seinen 1.500 Einwohnern jetzt rein rechnerisch autark. Die Anlage laufe sogar so effizient, das sogar rund 30 Prozent mehr Menschen mit der Energie versorgt werden könnten, so Sporer.

    Pleiten, Pech und Pannen beim Bau

    Der Bau der Pilotanlage in Großweil stand unter keinem guten Stern. Immer wieder kam es zu Rückschlägen. Mehrmals hatte das Wetter alle Planungen über den Haufen geworfen. Die beiden empfindlichen Turbinen mit Generator wurden sogar beim Einbau beschädigt – einmal durch eine Flutwelle, einmal durch einen Montagefehler. Monatelang mussten Turbine und Generatoren bei der Herstellerfirma wieder instand gesetzt werden. Das kostete nicht nur viel Geld, sondern vor allem Zeit.

    Einweihungsfeier wegen Corona verschoben

    Rund 5,7 Millionen Euro hat das Vorzeigeprojekt gekostet und ging ein Jahr später als geplant in Betrieb. Die Einweihungsfeier hätte eigentlich im Juni stattfinden sollen. Wegen der Corona-Pandemie musste sie aber auf unbestimmte Zeit verschoben werden.

    Fischfreundlich und fast unsichtbar

    Das Besondere am Schachtkraftwerk: Man sieht es kaum. Es taucht einfach im Fluss ab. Das ist nicht nur optisch gut, sondern stört auch den natürlichen Flussverlauf weniger. In Großweil nimmt das Kraftwerk nur etwa die Hälfte der Loisach ein. Während ein Teil des Wassers ungehindert weiterfließt, fällt der andere in einen Schacht und treibt dort eine Turbine mit Generator an. Danach fließt es wieder zurück ins Flussbett. Oberhalb der Turbine ist ein Rechen installiert. Er schützt die Turbine vor Geröll und Treibgut, rettet aber auch die Fische. Denn der Sog der Turbine wird durch den großflächigen Rechen geringer und es gibt Öffnungen, durch die Fische entweichen können.

    Große Fisch-Untersuchung im Herbst

    Erste wissenschaftliche Studien belegen: Die meisten Fische schwimmen sicher über das Kraftwerk hinweg. Flussaufwärts gibt es eine Fischtreppe; dadurch ist das Kraftwerk in beiden Richtungen für die Fische durchgängig. Im Herbst soll es ein Fisch-Monitoring in Großweil geben, verkündet Peter Rutschmann, Professor an der TU München und Miterfinder des Schachtkraftwerks, gegenüber dem Bayerischen Rundfunk. Für die Zählung werde eine große Zahl an Fischen ausgesetzt und dann vor und hinter dem Kraftwerk gezählt. Rutschmann hofft, dass die Fischfreundlichkeit in der ersten großen Feldstudie belegt werden kann.

    © BR/Martin Breitkopf

    Ein Vorzeigeprojekt: das Schachtkraftwerk in der Loisach bei Großweil

    Kraftwerke auch in Naturschutzgebieten?

    Weitere Vorteile des Schachtkraftwerks gegenüber herkömmlichen Wasserkraftwerken: Sie beeinträchtigen Tiere und Pflanzen weniger; nicht nur optisch – sie sind auch nicht so laut. Außerdem bleibt der Fluss im vorhandenen Flussbett, eine Ausleitung ist nicht erforderlich. Insgesamt bleibe damit der ökologische Fußabdruck bei der Stromerzeugung so klein, dass sich dieser Kraftwerkstyp sogar für Naturschutzgebiete von europäischem Rang wie an der Loisach eigne, sagt Rutschmann.

    Erfinder hoffen auf Förderung vom Freistaat

    Sogar an besonderen Orten seien solche Schachtkraftwerke umsetzbar. So stehe der Umbau eines denkmalgeschützten Wehrs in Bad Reichenhall kurz vor der Baugenehmigung, so der Professor. Rund 30.000 Wehre und Querbauten in Bayern müssten in den nächsten Jahren aus ökologischen Gründen rückgebaut werden. Mindestens an 50, vielleicht sogar an 100 dieser Standorte bestünden ideale Bedingungen für ein Schachtkraftwerk. Rutschmann hofft, dass die Politik nicht nur Geld für den Rückbau in die Hand nimmt, sondern auch für eine dezentrale, umweltfreundliche Stromgewinnung – und dass der Freistaat die neue Technik fördert. Der Rückbau sei der ideale Zeitpunkt für eine Energiewende in der Wasserkraft.

    Schachtkraftwerke sollen weltweit laufen

    Die Gemeinde Großweil mit ihren rund 1.500 Einwohnern kann seit ein paar Tagen durch den regenerativ gewonnen Strom versorgt werden. So eine dezentrale und umweltfreundliche Stromversorgung trifft den Nerv der Zeit, das spürt das Team der TU München, die sich um eine weltweite Vermarktung kümmern. In Planung sind derzeit weitere zwölf Anlagen in der Iller, der Saalach, der Würm und im Neckar. Und es gibt bereits konkrete Verhandlungen mit Verantwortlichen in Zentral-Asien für ein großes Schachtkraftwerk.

    "Darüber spricht Bayern": Der neue BR24-Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht’s zur Anmeldung!