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Erstes Café für seelische Gesundheit in München eröffnet | BR24

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Mental Health Café in München eröffnet

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Erstes Café für seelische Gesundheit in München eröffnet

Mentale Gesundheit ist ein wichtiges Thema, dennoch wird oft nicht darüber gesprochen. In München hat jetzt ein Café eröffnet, in dem es genau darum geht. Man kann darin offen über psychische Probleme reden, zuhören oder einfach nur Kaffee trinken.

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"Mental Health rocks" steht draußen auf der Scheibe in der Thalkirchnerstraße. Daneben: Berg und Mental. So heißt das Café von Lasse Münstermann und Dominique de Marné.

Drinnen ist es gemütlich. Viel Holz, behagliche Sitzecken, Stühle mit gesticktem Hirschmuster. Eine moderne Berghütte in der Stadt. Vor knapp sechs Wochen hat das Paar das Café für mentale Gesundheit eröffnet. Lasse sagt, der Umgang mit dem Thema sei unheimlich schwierig: "Wem öffnet man sich, geht man gleich zum Profi und outet sich? Das ist ein großer Schritt. Und da wollen wir hier mit einer Tasse Kaffee in der Hand eine Vorlösung bieten - als dauerhafte Anlaufstelle."

Treffpunkt nicht nur für Betroffene

Kommen darf jeder, nicht nur Betroffene. Wenn man ein Tief hat, mal wieder den inneren Akku aufladen muss oder sich zum Beispiel über den Umgang mit psychisch kranken Angehörigen informieren möchte.

Das Café soll Prävention, Information und Aufklärung bieten oder einfach ein Ruheort sein. Was das Café nicht ist: eine professionelle Krisenanlaufstation. Hier bekommt man keine Therapie, dafür Flyer und ein offenes Ohr.

Eigene Erfahrungen mit einer psychischen Erkrankung

Die Cafébetreiber Lasse und Dominique sind keine Psychotherapeuten. Lasse kommt ursprünglich aus Bielefeld und war professioneller Snooker Spieler. Seine Geschäftspartnerin und Lebensgefährtin Dominique de Marné bloggt über ihre Persönlichkeitsstörung Borderline.

Ihre Erfahrungen mit dieser Diagnose, mit Depression und Alkoholsucht hat sie in einem Buch verarbeitet und versucht nun, bei Aktionstagen und mit Vorträgen über psychische Erkrankungen aufzuklären. Gemeinsam stemmen sie nun - mit vielen Helfern - das Café.

Hemmschwelle noch immer sehr hoch

Lasse sagt, das hätte es schon vor 100 Jahren geben sollen. Vorbild für das Berg und Mental ist das Café Sip of Hope in Chicago. 100 Prozent des Gewinns werden dort in die Suizidprävention investiert. Lasse und Dominique waren beide schon dort und haben gemerkt: so etwas braucht es auch in Deutschland.

Was beiden immer wieder begegnet: bei einem Knochenbruch wissen alle, wie man damit umgeht - bei einer Depression nicht. Wenn es nach Lasse geht, sollte es aber ganz normal sein, auch darüber zu sprechen: "Und dann wär‘s toll, wenn auch der Angehörige wüsste, wie er reagieren soll. Den Umgang wollen wir hier vermitteln, dass es völlig normal ist, so etwas auch mal anzusprechen."

Rote und grüne Fähnchen für jeden Gast

Auf der Theke stehen neben Kuchen und belegten Broten, grüne und rote Fähnchen. Jeder darf sich eines mit an seinen Platz nehmen. Grün steht für: Ja, ich will reden. Setzt euch gerne dazu. Rot heißt: Ich möchte hier sein, aber lieber für mich bleiben.

Für die Cafébetreiber ist das völlig in Ordnung. Lasse erklärt: "Das ist immer noch besser, als zuhause zu sitzen, die Decke fällt einem auf den Kopf und alles wird richtig schlimm." So könne man hier dennoch, wenn auch wortlos, Anschluss finden und sei nicht alleine.

Café mit Vorträgen und Workshops

Das Berg und Mental will mehr sein als ein klassisches Café. Es gibt zwei Seminarräume und abends finden Vorträge und Workshops statt - über Achtsamkeit, Ernährung oder Stressbewältigung. In einer Ecke können Besucher Ratgeber, Bücher oder Tee kaufen. Eine Wand ist voller Postkarten.

Lasse zeigt sein Lieblingsmotiv. Darauf zu sehen: Die Sonne und acht Planeten. Ein kleiner Pfeil zeigt auf die Erde. Darunter steht: "you are here". Es ist Lasses Lieblingskarte."Um mal ein bisschen zu zeigen, dass sich nicht nur alles um mich selber dreht. Die Postkarte zeigt, wir sind in einem riesig großen Universum. Dass jemand ein ähnliches Problem hat wie man selbst, ist so groß."

Studenten helfen bei der Umsetzung

In der finalen Phase - vor Eröffnung des Cafés - hat das Paar noch zusätzlich Unterstützung bekommen von einem Studentenprojekt der Hochschule München. Studierende des Studiengangs Management Sozialer Innovationen haben drei Monate getüftelt.

Entstanden ist am Ende ein sogenanntes Brandbook, das klar definiert, was das Café sein soll und was nicht - und in Zukunft auch die Zusammenarbeit mit Investoren und Partnern erleichtern soll. Außerdem haben die Studierenden versucht, ein Franchise-Angebot zu erarbeiten. Denn Berg und Mental soll nicht das einzige Café dieser Art bleiben.

Es gibt nicht nur Kaffee, sondern auch eine Umarmung

Das Highlight für die Studenten: Das Projekt ist ganz real, das Café gibt es wirklich. Bei der Präsentation ihrer Arbeit erklären sie: "Wir arbeiten viel praxisorientiert, aber meistens bleibt es dann doch auf dem Papier. Wenn man wirklich sieht, dass es was gibt, das Menschen hilft. Dann ist man gleich ganz anders motiviert als für eine Uni Note."

Auch Lasse und sein Team sind von der Zusammenarbeit begeistert. Lasse persönlich wünscht sich, dass ihr Angebot weiterhin so gut angenommen wird.

Wer mal wieder eine Umarmung braucht, ist im Café Berg und Mental übrigens auch richtig: Die gibt es für die Gäste nämlich auch - kostenlos zum Abschied.

© BR / Julia Haas

Die Cafébetreiber Dominique de Marné und Lasse Münstermann.

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Was hat ein Café mit mentaler Gesundheit zu tun? An der Theke bekommt jeder Gast erstmal das Konzept des Ladens erklärt.

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Jeder bekommt ein Fähnchen. Grün steht für: Ja, ich will reden, setzt euch gerne dazu. Rot steht für: Ich will lieber für mich bleiben.

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Wenn der Handy-Akku leer ist, reagiert man sofort. Aber was ist mit dem innere Akku? Das Thema Mentale Gesundheit wird oft vernachlässigt.

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Hier schläft Pino. Gäste können ihn zum Streicheln mit an den Tisch nehmen.

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Lasses Lieblingskarte. Für ihn bedeutet sie: Du bist Teil eines größeren Ganzen und mit deinem Problem nicht allein.

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So sieht es aus im Berg und Mental. Ruhig, viel Holz, Hüttenflair.

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Im Café können die Gäste auch Bücher, Ratgeber, Tee oder Kaffee kaufen. Auch das Buch der Gründerin Dominique steht hier im Regal.

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Mehr als ein klassisches Café: Im Berg und Mental gibt es auch zwei Seminarräume.