Windrad auf einem Feld

Windrad auf einem Feld

Bildrechte: picture alliance/dpa | Karl-Josef Hildenbrand
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    Essen, Wasser, Strom: So gut könnte sich Bayern selbst versorgen

    Essen, Wasser, Strom: So gut könnte sich Bayern selbst versorgen

    Steigende Stromkosten, teure Lebensmittel, wenig Wasser in manchen Regionen: Wie gut könnte sich der Freistaat im Notfall selbst versorgen? Wovon Bayern genug hat oder sogar einen Überschuss - und wo Abhängigkeit besteht.

    Zu Besuch bei Familie Platz im oberbayerischen Ebersberg. Karen und Kai Platz leben mit ihren Söhnen Benedikt und Kilian in einem Reihenhaus mit einem kleinen Garten. Ob Wasser, Strom oder Lebensmittel: Sie versuchen zu sparen, haben Photovoltaik-Anlage und Solarthermie auf dem Dach, einen Pelletofen im Keller, fangen Regenwasser im Garten auf, haben Gemüse und Obst im Garten angebaut, kaufen möglichst frische regionale und saisonale Produkte.

    Lebensmittel: Selbstversorgung möglich, aber eingeschränkt

    Aber das Selbstversorgen klappt nicht zu hundert Prozent. Das weiß auch Andrea Grimm vom Institut für Ernährungswirtschaft und Märkte an der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft in Freising-Weihenstephan. Ob Privathaushalte oder Bayern insgesamt: Selbstversorgung sei gut, aber nicht immer realistisch.

    Die regionale Versorgung mit Lebensmitteln habe definitiv Vorteile, da man eine gewisse Unabhängigkeit von internationalen Lieferketten schaffe und die regionale Erzeugung sowie Wertschöpfung stärke, so Grimm. Allerdings: Die Verbrauchergewohnheiten sind sehr vielfältig. Kundinnen und Kunden im Supermarkt erwarten verschiedenstes Obst und Gemüse, zum Beispiel auch Erdbeeren im Winter. Darum wird Bayern immer auf Einfuhren aus dem Ausland angewiesen sein.

    Bayern ist überversorgt mit Milch, Getreide, Zucker, Kartoffeln, Rindfleisch

    Laut einer Statistik der Landesanstalt für Landwirtschaft kann sich Bayern mit einigen Agrarprodukten selbst versorgen: Milch, Getreide, Kartoffeln, Zucker und Rindfleisch. Diese gibt es im Freistaat mehr als genug, es herrscht sogar eine Überversorgung. Interessant dabei: Etwa 80.000 Tonnen Rindfleisch werden exportiert, gleichzeitig werden aber auch 40.000 Tonnen importiert. Das liege an der Marktstruktur, heißt es. Bei Obst, Gemüse und Eiern sieht es schon schlechter aus.

    Grafik: Selbstversorgungsgrad in Bayern

    Grafik: "Der Selbstversorgungsgrad in Bayern"

    Bildrechte: BR.de

    Wasser: Bayern hat genug

    Ob zum Duschen, Wäschewaschen, in der Küche zum Essen oder Kaffee kochen: Wir drehen den Hahn auf und das Wasser läuft. Ein Leben ohne Wasser ist unmöglich. Darum versucht Familie Platz, das wertvolle Gut Wasser nicht zu vergeuden. Beim Händewaschen bleibt das Wasser aus, wenn sie die Seife nehmen. Sie achten darauf, nicht zu lang und nicht zu heiß zu duschen. Im Garten nutzen sie nur das aufgefangene Regenwasser.

    Wasserreiches Südbayern hilft trockenem Nordbayern

    Bayern sei grundsätzlich ein wasserreiches Bundesland, sagt Thomas Keller, Leiter des Wasserwirtschaftsamtes in Ansbach. Trotzdem leidet Nordbayern oft unter Dürre und Trockenheit. Die Gründe: Es regnet deutlich seltener und der Boden ist nicht so speicherfähig. Damit Flora und Fauna dennoch genug Wasser bekommen und die Landwirte ihre Felder gießen können, versorgt Südbayern schon seit Jahrzehnten den bayerischen Norden mit Wasser.

    So liefert der Main-Donau-Kanal Wasser aus Altmühl und Donau in die Regnitz. Zusätzlich wird Wasser aus der Altmühl über den Brombachsee ins Main-Gebiet geleitet. 150 Millionen pro Kubikmeter Wasser werden jährlich über Main-Donautal und Rothsee Richtung Nordbayern geleitet.

    Ob Nutz- oder Trinkwasser: Bayern kann sich noch selbst versorgen

    Auch beim Grundwasser warnen die Experten: Die Lage ist ernst. Die Grundwasserpegel sinken immer weiter, je nach Region unterschiedlich. Die Gründe sind vielfältig: Klimawandel, Bodenversiegelung, Übernutzung. Durchschnittlich bildet sich jedes Jahr 16 Prozent weniger Grundwasser neu als noch vor knapp zwanzig Jahren. Wenn dieser Winter wieder trocken wird, wieder ohne Schnee, dann sinken die Pegel noch weiter. Bisher habe es in der öffentlichen Wasserversorgung aber noch keine Probleme gegeben, sagt Wasserfachmann Keller.

    Allerdings gibt es auch hier ein Süd-Nord-Gefälle. Über ein Verbundsystem schicken Fernwasserversorger Wasser aus dem südbayerischen Raum nach Franken, um die Region mit ausreichend Trinkwasser zu versorgen.

    Noch kann sich Bayern also alleine mit Wasser versorgen. Die Trinkwasserverteilung könnte durch den Klimawandel jedoch bald an ihre Grenzen stoßen. Darum gibt es bereits Überlegungen, Wasser aus anderen Bundesländern zu importieren, zum Beispiel aus Thüringen.

    Strom: Verbrauch steigt, da Ansprüche steigen

    Ohne Strom den Alltag zu bewältigen, geht nicht mehr. Das erlebt auch die Ebersberger Familie Platz tagtäglich: Kochen, Backen, Wäschewaschen, Laptop, Handy, Elektroauto.

    Beim Strom sei Bayern weit entfernt, autark zu sein, sagen Experten wie Thomas Hamacher. Er leitet den Lehrstuhl für Erneuerbare und Nachhaltige Energiesysteme an der Technischen Universität München in Garching. Das Problem: Der Stromverbrauch hat zugenommen, Lebensstil und Ansprüche sind gestiegen, mit immer größeren Wohnungen, mehr Mobilität, mehr Geräten.

    Außerdem wächst Bayern: die Einwohnerzahl ist im Laufe der Jahrzehnte immer weiter gestiegen. Dazu kommt der Strombedarf von Industrie und Gewerbe. Noch in den 1960er Jahren hat sich der Freistaat komplett selbst versorgt - mit Wasserkraft. Aber der Stromverbrauch ist mittlerweile gestiegen. Das konnte der Freistaat durch Kernkraft ausgleichen. Mit dem Atomausstieg fällt das aber nun weg.

    Kritik von Experten: Bayern hat Ausbau von Erneuerbaren Energie verschlafen

    Bayern habe lange Zeit versäumt, Windkraft und Solarenergie auszubauen, kritisiert Professor Hamacher. Er fordert die Verantwortlichen auf, endlich zu handeln. "Wir müssen jetzt sehen, dass wir überall Wind, Photovoltaik, Leitungen, Speicher ausbauen. Das ist eine ganz große Aufgabe. Und da müssen wir jetzt ganz stark an alle appellieren, dass jeder da auch seinen Beitrag zu liefert und auch akzeptiert, dass so etwas in seiner Nähe aufgebaut wird."

    Fazit: Bayern könnte sich mit Grundnahrungsmitteln selbst versorgen. Mit anderen Agrarprodukten klappt das nicht. Auch Wasser hat der Freistaat genug – noch. Beim Strom ist Bayern abhängig vom Ausland und anderen Bundesländern.

    Bei Familie Platz überlegen die Kids, Kilian und Benedikt, schon einmal, auf was sie verzichten könnten: "Erdbeeren im Winter und warm duschen im Sommer", sagt Kilian. Auch sein Bruder Benedikt würde auf Früchte im Winter verzichten, die hier in Bayern nicht wachsen. Und: ein paar Lichterketten weniger und ohne Handy ginge auch.

    Familie Platz versucht Wasser- und Energie-sparend zu leben, kauft regionale, saisonale Lebensmittel und hat im Garten Obst und Gemüse.

    Bildrechte: Katrin Bohlmann/BR

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