BR24 Logo
BR24 Logo
Startseite
© BR
Bildrechte: BR

Durch die Filmreihe "Der Herr der Ringe" begann Sebastian Völks Faszination für Kettenhemden. Die fertigt der Erlanger inzwischen selbst - in mühsamer Handarbeit.

Per Mail sharen
  • Artikel mit Video-Inhalten

Erlanger schneidert historische Kettenhemden

Inspiriert durch die Filme "Herr der Ringe" hat Sebastian Völk in seiner Jugend sein erstes Kettenhemd produziert. Mittlerweile hat er sich damit selbstständig gemacht und ist selbst in der Fachwelt ein gefragter Experte.

Per Mail sharen
Von
  • Annette Bögelein

Bis zu 30.000 kleine Metallringe braucht Sebastian Völk für einen Ringpanzer - so werden Kettenhemden eigentlich genannt. Früher hat er diese Ringe selber aus Draht hergestellt, sie gebogen, geschnitten, im Feuer geglüht, dann gestanzt und vernietet. Bis daraus ein Kettenhemd entsteht vergehen Monate. Doch durch diese handwerklichen Erfahrungen hat er ein einzigartiges Wissen gewonnen.

Erfolg durch Eigenstudium, Wissen und soziale Netzwerke

Basteln war schon immer etwas, was er gerne machte, egal ob mit Leder, Holz oder Metall. Doch die Kettenhemden begeisterten ihn am meisten. "Mich hat schon immer fasziniert wie etwas Festes, Metallisches beweglich werden kann und sich dann wie Stoff anfühlt, und ich hatte das Bild von einem Ritter in scheinender Rüstung vor Augen und da habe ich früh angefangen, das nachzubauen" erinnert er sich.

Im Keller bei den Eltern zuhause begann er zu tüfteln. Immer wieder sah er sich historische Kettenhemden an und studierte sie ganz genau. Tatsächlich half ihm hierbei das Internet, da einige Museen historische Stücke auf ihren Internetseiten zeigen - auch Nahaufnahmen von den Ringen. Über die sozialen Medien fand er Kontakt zu den wenigen Gleichgesinnten auf der ganzen Welt und tauschte Wissen mit diesen aus. Schnell stellte sich heraus, dass Sebastian Völk ein großes Hintergrundwissen für die Herstellung von Kettenhemden mitbringt. Er hat an der Uni Erlangen Materialwissenschaften und Nano-Technologie studiert. Das kommt ihm nun zu Gute. Für die Kettenhemden-Comunity ist er ein kleiner Guru geworden, wie er selber sagt.

© BR
Bildrechte: BR

Sebastian Völk ist Experte für die Herstellung historischer Kettenhemden

Vom Laien zum Guru für Kettenhemden

Über die Herstellung von Ringpanzern gibt es fast keine historischen Niederschriften und daher wenig Wissen, wie sie früher hergestellt wurden. Sebastian Völk hat sich viele Originale angesehen und so entstand auch Kontakt zu dem Kunsthistoriker Markus Pilz von der Veste Coburg. Völk konnte durch seine praktische Erfahrung zur Herstellung von Kettenhemden Zusammenhänge ans Licht bringen, die kein Experte bisher so vermutet hat. Davon ist auch Markus Pilz begeistert: "Ganz wenig wissen wir wirklich genau über die Ringpanzer und da sind solche Erfahrungswerte vom praktischen Machen eine ganz spannende Ergänzung, wo man viel lernen kann zur Geschichte und zur Herstellungsgeschichte der Objekte."

An einem Kettenhemd aus dem 16. Jahrhundert in der Waffenausstellung der Coburger Veste entdeckte Völk, dass die Linien nicht als Farbmuster gedacht waren, sondern einfache Nähte sind. Der Mantel wurde in Stücken vorgefertigt und diese aneinandergenäht, so wie auch Völk seine Kettenhemden herstellt. Offenbar wurde an den "Nähten" des Bischofsmantels andere Ringe benutzt, die sich im Laufe der Jahre anders verfärbten als der Rest des Kettenhemdes.

Der Kurator der Ausstellung tauscht sich gern mit dem jungen Erlanger aus "Sebastian Völk ist jemand, der sich hundertprozentig dafür engagiert, viel mit dem Material gearbeitet hat und da kann man schon sagen, dass er sich ein Wissen angeeignet hat, das dem vieler studierter Experten nahekommt", bekräftigt Markus Pilz, Kurator der Historischen Waffenausstellung in der Veste Coburg.

Aus dem Hobby wird ein Unternehmen

Vor zwei Jahren hat er sich selbstständig gemacht und schneidert nun Kettenhemden im Auftrag für Kunden. Er hat sich auf die Umarbeitung von Kettenhemden spezialisiert, denn die Herstellung von Grund auf würde Monate dauern, Zeitaufwand und Material wären nahezu unbezahlbar. "Wenn man den Ring vom Draht ausgehend baut, braucht man zwei Minuten in etwa. Und für eine Rüstung mit Haube und langen Ärmeln, bedeckten Händen und bis zu den Knien, brauche ich etwa 30.000 Ringe, das sind dann 1.000 oder mehr Arbeitsstunden", erklärt Völk. Seine Kunden stammen meist aus der "Living-History-Szene" oder sie kaufen Kettenhemden auf Mittelalter-Märkten oder Onlineshops.

Völk passt die Hemden dem Träger genau an, dafür zahlen seine Kunden je nach Aufwand zwischen 500 bis 2.000 Euro. "Ich lebe wie ein normaler Handwerker, mache das seit zwei Jahren und werde sicherlich nicht sehr reich damit, aber es macht mich sehr glücklich," schwärmt er.

Ungewöhnliches Handwerk mit Perspektiven

Arbeit hat er genügend und Pläne für die Zukunft auch. Sebastian Völk liebt sein Handwerk. "Es ist ein meditatives Gefühl dabei, natürlich ist Geduld da auch eine Tugend, die sich auszahlt, aber letztendlich ist es sehr schön etwas zu bauen, das unzerstörbar sein kann," schwärmt er. Die Ringe für die Schneiderarbeiten fertigt er heute nicht mehr selbst, sondern kauft sie zu. Sein Wissen jedoch wie diese Ringe herzustellen sind, gibt er in einem Online-Crashkurs auf seiner eigenen Homepage weiter. Und Interessierte können sich für die Herstellung gleich ein kleines Handwerkskit dazu bestellen mit Zangen, Mini-Amboss, Nietzange, Gutschale und einer schriftlichen Anleitung.

Wenn die Pandemie vorüber ist, möchte er auch Workshops und Kurse anbieten. Als nächstes will er ein Buch über die Herstellung von Kettenhemden schreiben. Die Nachwelt hätte dann jedenfalls zum ersten Mal ein Standardwerk über die Herstellung von Kettenhemden.

"Darüber spricht Bayern": Der neue BR24-Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht’s zur Anmeldung!