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Urteil erwartet - Erlanger Ingenieur in Kameruner Gefängnis | BR24

© BR/Julia Hofmann

Ein Siemens-Ingenieur aus Erlangen sitzt seit über einem Jahr in einem Kameruner Gefängnis. Wilfried Siewe ist dort im Urlaub verhaftet worden. Seine Frau versucht von Erlangen aus ihrem Mann zu helfen und fühlt sich alleine gelassen.

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Urteil erwartet - Erlanger Ingenieur in Kameruner Gefängnis

Ein Siemens-Ingenieur aus Erlangen sitzt seit über einem Jahr in einem Kameruner Gefängnis. Wilfried Siewe ist dort im Urlaub verhaftet worden. Seine Frau versucht von Erlangen aus ihrem Mann zu helfen. Nun wird das Urteil erwartet.

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Das Urteil für gegen in Kamerun inhaftierten Erlanger Ingenieur Wilfried Siewe wird noch im Oktober erwartet. Das teilte ein Sprecher des Unterstützerkreises "Freiheit für Wilfried Siewe" dem Bayerischen Rundfunk mit. Seit über einem Jahr sitzt der Erlanger dort im Gefängnis, wurde sogar zu drei Jahren Haft verurteilt. Ob er dann frei kommen wird und zurück zu seiner Familie nach Erlangen kann oder die drei Jahre Haft ganz absitzen muss, sei aber völlig unklar.

Es geschah im Familienurlaub

Es war im Februar vergangenen Jahres, der letzte Tag des Familienurlaubs: Am Abend wollte das Ehepaar Siewe mit den beiden Kindern wieder zurückreisen nach Erlangen. Da wurde Wilfried Siewe in der kamerunischen Hauptstadt Yaoundé kontrolliert und verhaftet, weil er Gebäude fotografierte.

Verhaftung und Gefängnis

Die Polizei in Kamerun stufte ihn als politischen Aktivisten ein. Auf seinem Handy hatte sie ein Video von einer Kamerun-Demo in Berlin gefunden und er hatte das Buch eines Oppositionspolitikers dabei. Obwohl Wilfried Siewe beweisen konnte, dass er weder in Berlin noch auf der Demo war, kam er ins Gefängnis. Ihr Mann sei zwar politisch interessiert, aber nicht aktiv, so seine Ehefrau Layoko Siewe, die in Erlangen als Projektmanagerin arbeitet: "Ich weiß nicht, ich frage mich manchmal, wer Interesse daran hat, dass er da sitzt. Er hat Fotos gemacht, wurde da verhaftet, und die haben gesagt, er wäre für diese Stadt gefährlich. Die haben Sachen gesucht, die gar nicht existieren."

Schreckliche Haftbedingungen

Die 37-Jährige macht sich große Sorgen um ihren Mann – mit dem sie nicht einmal telefonieren darf. Kontakt zu ihm kann sie nur über seine Familie vor Ort und seinen Anwalt halten. Und die Bedingungen im Gefängnis seien schrecklich: 18 Mann auf 18 Quadratmetern und kaum medizinische Versorgung.

Verurteilung zu drei Jahren Haft

Es kam aber noch schlimmer – nach dem Ausbruch einer Gefängnismeuterei ein paar Monate nach seiner Verhaftung wird Wilfried Siewe vorgeworfen, zusammen mit 150 anderen Männern, daran beteiligt gewesen zu sein. Der Deutsch-Kameruner wird in Abwesenheit zu drei Jahren Haft verurteilt. Trotz Widerspruch passierte monatelang nichts.

Erster Gerichtstermin nach über einem Jahr

Erst vor gut einer Woche ist Wilfried Siewe zum ersten Mal vor Gericht angehört worden. Davor war zum Beispiel monatelang darüber diskutiert worden, ob er überhaupt deutscher Staatsbürger sei. Für die Familie ein schier unerträgliches Ringen und auch der Erlanger Oberbürgermeister Florian Janik (SPD) ist ratlos: "Ich habe mich damals an die Botschaft gewandt, hab da auch nochmal hinterlassen, dass es sich da um einen Erlanger Bürger handelt, den wir gerne zurückhaben möchten. Das gilt auch nach wie vor, dass wir das möchten. Wir hatten auch Kontakt zum Auswärtigen Amt und mit der Botschaft und dort die Versicherung, dass die Bundesregierung und auch die Botschaft sich entsprechend einsetzen."

Siemens schweigt

Der Arbeitgeber des Ingenieurs Wilfried Siewe, der Weltkonzern Siemens, möchte sich dazu, auf BR-Nachfrage, nicht äußern und sieht die Zuständigkeit bei der deutschen Bundesregierung. Das sei ein privater Fall, denn die Verhaftung sei nicht auf einer Dienstreise erfolgt, sondern während des Urlaubs.

Botschaft beobachtet den Prozess

Das Auswärtige Amt bestätigt dem Bayerischen Rundfunk, dass die Deutsche Botschaft in Yaoundé Herrn Siewe konsularisch betreue und beobachtend an den Gerichtsverhandlungen teilnehme. Zudem stehe man in Kontakt mit den kamerunischen Behörden. Die Bundesregierung setzte sich außerdem für alle deutschen Staatsangehörigen in gleichem Maße ein.

Vorwurf der Ungleichbehandlung

Damit tritt die Regierung einem Vorwurf des Unterstützerkreises "Freiheit für Wilfried Siewe" entgegen. Dieser hatte den deutschen Behörden vorgeworfen, den Erlanger wegen seiner kamerunischen Wurzeln, als Bürger zweiter Klasse zu behandeln.

"Ich glaube das, was sich die Familie am meisten wünscht, ist mehr Geschwindigkeit und vor allem mehr Klarheit. Was sie sich am allermeisten wünschen, dass ihr Vater und ihr Mann wieder zurückkommt. Und ich hoffe, alles was das beschleunigt, dass das auch tatsächlich passiert." Florian Janik (SPD), Oberbürgermeister Erlangen

Der Anwalt äußere sich zwar optimistisch, dass Wilfried Siewe in ein paar Wochen entlassen werden könnte, doch Layoko Siewe ist zu oft enttäuscht worden, um so optimistisch zu sein.

"Sie wollen aus meinem Mann ein Beispiel machen, um den anderen zu zeigen, wenn ihr da in Europa sitzt, und Unruhe macht – wehe wenn ihr herkommt." Layoko Siewe

Petition gestartet

Zu ihrem Mann nach Kamerun reisen kann Layoko Siewe nicht. Sie fürchtet selbst verhaftet zu werden. Sie hat zusammen mit dem Unterstützerkreis Demos organisiert und eine Petition gestartet mit mehr als 76.000 Unterschriften. Sie kann nur von Erlangen aus für die Freilassung ihres Mannes kämpfen und hoffen, dass er bald nach Hause kommt. Laut Aussagen seines Anwalts solle das Urteil am 26. Oktober 2020 verkündet werden.

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