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Warum die Erinnerungskultur in Bayern so spät kommt | BR24

© BR / Thomas Muggenthaler

In diesen Tagen gedenkt man wieder der Befreiung vom Nationalsozialismus. Aber immer noch sind viele Verbrechen der NS-Zeit nicht aufgearbeitet. Aber warum tut die deutsche Gesellschaft sich damit oft immer noch so schwer? Eine Spurensuche.

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Warum die Erinnerungskultur in Bayern so spät kommt

In diesen Tagen gedenkt man wieder der Befreiung vom Nationalsozialismus. Aber immer noch sind viele Verbrechen der NS-Zeit nicht aufgearbeitet. Warum tut sich die deutsche Gesellschaft damit oft immer noch so schwer? Eine Spurensuche.

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Es ist April 2019. Der Künstler Gunter Demnig verlegt einen seiner Stolpersteine vor dem Haus Schwandorfer Straße 12 in Regensburg. Hier lebte Lorenz Gewald, der von der Heilanstalt Karthaus-Prüll nach Hartheim bei Linz gebracht und dort ermordet worden ist.

Ulrich Fritsch, ein pensionierter Lehrer, engagiert sich in der Stolperstein-Initiative. Für ihn ist es typisch, dass erst jetzt an diesen Mord erinnert wird. Gerade das Gedenken an die Opfer des nationalsozialistischen "Euthanasieprogramms" kommt ihm zu kurz. Das liege auch an den Angehörigen, so Fritsch. Sie wollten häufig nicht, dass etwa die Behinderung eines Verwandten öffentlich gemacht werde.

"Besser jetzt als nie"

Einen Tag später verlegt Demnig eine Stolperschwelle vor der neuen Synagoge in Regensburg - in Erinnerung an Juden, die aus Städten wie Weiden, Amberg, Kelheim oder Straubing nach Regensburg gebracht wurden, um von hier aus am 23. September 1942 deportiert zu werden. Susanne Feichtmeier-Arnold von der Stolperstein-Initiative sagt, sie sei froh, in einer Zeit zu leben, in der man Zeichen gegen Hass setzen könne.

Ilse Danziger, die Vorsitzende der jüdischen Gemeinde in Regensburg, ist froh um dieses Engagement von Menschen wie Feichtmeier-Arnold. Die Verfolgung der jüdischen Bevölkerung sei immer noch nicht völlig aufgearbeitet. Schließlich handle es sich um eine riesige Rechercheaufgabe. Daher sagt sie, "besser jetzt als nie".

Gedenken an Zwangsarbeiter stockt

Ein weiteres Beispiel für die schwierige Aufarbeitung der NS-Verbrechen ist der Umgang mit der Erinnerung an Zwangsarbeiter. Beim Gedenkakt zum Jahrestag der Befreiung in der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg Mitte April waren auch hochrangige Vertreter der Firma Audi anwesend. Der Grund: In fünf Außenlagern von Flossenbürg mussten KZ-Häftlinge für Vorgängerfirmen von Audi Zwangsarbeit leisten. Mit Vorstandsmitglied Wendelin Göbel ist die Delegation hochkarätig besetzt. Er sei dankbar, bei dieser Veranstaltung dabei sein zu dürfen, so Göbel. Er halte es für wichtig, dass auch Auszubildende aus dem Betrieb dabei waren, weil es große Bedeutung habe, die Vergangenheit nicht zu vergessen.

Seit zwei Jahren finanziert Audi eine unabhängige Forschungsstelle zum Thema KZ-Zwangsarbeit. Seit drei Jahren schickt Audi Azubis nach Flossenbürg zum Besuch der KZ-Gedenkstätte. Aber: Warum erst jetzt? Die deutsche Industrie hat ohne Frage massiv von KZ-Zwangsarbeit profitiert. Doch erst seit den 90er Jahren stellen sich die Unternehmen ihrer Verantwortung.

Es ist natürlich teuer, Entschädigungen zu bezahlen und es ist nicht gut für das Image, von KZ-Zwangsarbeit profitiert zu haben. Audi verweist darauf, dass sich der Mutterkonzern VW Ende der 90er Jahre an den Entschädigungszahlungen für Zwangsarbeiter beteiligt hat. Mit dieser späten Reaktion sei der Konzern kein Einzelfall, sagt Gedenkstättenleiter Jörg Skriebeleit. In manchen Konzernen sei die Einsicht bis heute nicht angekommen. Oft brauche es einen Anstoß von außen - von Journalisten oder von kritischen Bürgern.