Ehrenamtliche Einsatzkräfte von bayerischen Hilfsorganisationen wie THW, BRK, Humedica und Navis sind im Erdbebengebiet in der Türkei.
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Ehrenamtliche Einsatzkräfte von bayerischen Hilfsorganisationen wie THW, BRK, Humedica und Navis sind im Erdbebengebiet in der Türkei.

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Erdbeben: Wie funktioniert das bayerische Helfersystem?

Nach dem Erdbeben in der Türkei und Syrien hilft Bayern. BRK, THW, Humedica aus Kaufbeuren und Navis aus Moosburg in Oberbayern sind mit Einsatzkräften vor Ort. Jeder kann helfen: mit Geldspenden. Aber wie funktioniert das Helfersystem fürs Ausland?

Als die ersten Meldungen zum schweren Erdbeben in der Türkei und in Syrien am Montag morgen kamen, bereiteten sich Helfer der Schnelleinsatz-Einheit des Technischen Hilfswerks (THW) sofort vor. Am Dienstag ging es dann schon los: 51 Einsatzkräfte flogen ins Katastrophengebiet. Unter ihnen ist auch ein Helfer aus München, teilte der THW-Landesverband Bayern mit. Sie bleiben voraussichtlich zehn Tage. Mit dabei hat das Team 16 Tonnen Gepäck: schwere Geräte, Zelte, Feldbetten, Decken, Verpflegung, Trinkwasseraufbereitung, Telekommunikation.

Schnell-Einsatztruppe von THW immer in Alarmbereitschaft

Wer zu dieser kurz genannten "SEEBA" (Schnell-Einsatz-Einheit Bergung Ausland) gehöre, müsse immer abrufbereit sein, sagt Annelie Schiller vom bayerischen THW. Es gibt feste Strukturen und genaue Abläufe, um schnell reagieren zu können. "Wir sichten immer die Lage. Wenn so eine Katastrophe passiert, ist uns immer bewusst, welche Einheiten von uns unterstützen können." Das THW warnt seine möglichen Einsatzkräfte vor, die sich dann entsprechend vorbereiten und "stand by" stehen.

THW: Betroffenes Land stellt Hilfegesuch, Bundesregierung erteilt Auftrag

Bevor es zum Einsatz im Ausland kommt, greifen bestimmte Mechanismen. Das betroffene Land, im aktuellen Katastrophenfall die Türkei und Syrien, muss ein Hilfeersuchen stellen, das beim Auswärtigen Amt aufläuft. Über das Bundesinnenministerium wird dieser Hilferuf ans THW weitergeleitet. Die Zivil- und Katastrophenschutzorganisation bietet daraufhin ihr Leistungskontingent an, listet also auf, welche Hilfe sie leisten kann. Das betroffene Land entscheidet dann, ob es diese Hilfe benötigt. Das Technische Hilfswerk ist dann im Auftrag der Bundesregierung im Einsatz.

BRK: Internationales Netzwerk über Deutsches Rotes Kreuz koordiniert Hilfe

Anders läuft es beim Bayerischen Roten Kreuz (BRK). Die Hilfsanfrage aus der Türkei ist direkt vom Roten Halbmond an das Deutsche Rote Kreuz (DRK) gegangen. Man sei in einem engen Austausch mit den Partnern Türkischer Roter Halbmond und Syrisch-arabischer Roter Halbmond, sagt BRK-Sprecher Sohrab Taheri-Sohi. "Da besteht schon fast eine Standleitung. Wir kennen die Bedürfnisse und Probleme vor Ort." Das Ganze wird koordiniert von der internationalen Rotkreuz- und Rothalbmond-Bewegung. Die Hilfsorganisation ist auf der ganzen Welt präsent. Bei einem Katastrophenfall wie in der Türkei kommunizieren die einzelnen Nationen untereinander. Auch in Syrien läuft jetzt die humanitäre Hilfe an.

BRK liefert Hilfsgüter mit LKW in die Türkei

Hilfsorganisationen und Rettungsdienste vor Ort leisten direkt nach einem Ereignis wie dem Erdbeben zunächst die akute Hilfe. Es folgt der Aufbau einer Einsatzleitung, die sich einen Lageüberblick verschafft und schließlich Hilfe aus dem Ausland anfordert. Das BRK könne bei Bedarf schnell mit Trümmersuchhunden und Material zur Trinkwasseraufbereitung helfen, sagt Sprecher Sohrab Taheri-Sohi. Am Freitagmorgen wurde ein BRK-Lastwagen von Freising nach Berlin entsandt. Dort werden die insgesamt vier Lkw aus verschiedenen Landesverbänden mit Hilfsgütern beladen und starten in das rund 3.800 Kilometer entfernte Erdbebengebiet. Der Hilfstransport liefert 1.000 Zeltplanen, über 1.000 Isoliermatten, 77 Zeltheizungen, rund 3.400 Feldbetten und 1.000 Hygienepakete.

BRK: Kleinen Hilfsorganisationen fehlten oft Kontakte im Ausland

Für kleinere Hilfsorganisationen ist es schwieriger, im Ausland zu helfen. Sie sind oft nicht so gut vernetzt wie die großen Organisationen. Zum Beispiel musste der Verein Navis aus dem oberbayerischen Moosburg im Landkreis Freising länger auf das Go für sein Helferteam durch die türkische Regierung warten. Vor Ort scheitere die Hilfe auch daran, so der BRK-Sprecher Taheri-Sohi, dass es zu viele Angebote gibt, die dann kaum koordiniert werden könnten.

Ehrenamtliche Helfer im Einsatz: Arbeitgeber muss sie freistellen

Ob groß oder klein: Alle Hilfsorganisationen arbeiten vor allem mit Ehrenamtlichen. Die Arbeitgeber müssen sie im Falle eines Einsatzes freistellen. So ist es gesetzlich geregelt. Für die Zeit des Einsatzes bekommt der Arbeitgeber einen Verdienstausfall. Der Helfer muss sich also nicht freinehmen, sondern er kann im Rahmen des Einsatzes wegbleiben und der Arbeitgeber erhält von der Hilfsorganisation entsprechend Geld. "Uns ist natürlich bewusst, dass der Arbeitgeber dann einen Personalausfall hat", sagt Annelie Schiller vom THW Bayern.

Nur ausgebildete Hilfskräfte können im Krisengebiet effektiv helfen

Soviel Leid und Tod nach der Erdbebenkatastrophe in der Türkei und in Syrien berührt und schockt viele. Neben den ausgebildeten Ehrenamtlichen möchten jetzt auch Freiwillige helfen. Mit Sachspenden und Hilfe vor Ort. Aber das sei so gut wie unmöglich und zu gefährlich, so die Erfahrungen der großen Hilfsorganisationen THW und BRK. Sie selbst nehmen keine spontanen Helfer auf. Ihre Einsatzkräfte sind alle mindestens monatelang ausgebildet. Nur deswegen können Hilfsorganisationen auch so umfangreich im Ausland humanitäre Hilfe leisten. "Wir haben Ehrenamtliche, die ihre Zeit spenden, sich ausbilden lassen und so über Jahre erst die Kompetenzen aneignen, um in so einen Auslandseinsatz gehen zu können", erklärt BRK-Sprecher Sohrab Taheri-Sohi.

Spontane Hilfe vor Ort schwierig – beste Hilfe jetzt: Geldspende

Blinder Aktionismus bringe jetzt gar nichts, sagt THW-Sprecherin Annelie Schiller. "Viel hilft nicht immer viel. Wir wollen so zielgerichtet wie möglich helfen." Wer jetzt spontan das Bedürfnis hat, den Erdbebenopfern zu helfen, sollte Geld spenden. Wer sich jetzt aufgerüttelt fühlt und auch langfristig helfen möchte, hat die Möglichkeit, sich bei einer Hilfsorganisation zu melden, um dann als Ehrenamtlicher im Katastrophenfall Menschenleben zu retten.

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