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Entzug hinter Gittern: Besuch bei alkoholabhängigen Straftätern | BR24

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Wer unter Alkohol- oder Drogeneinfluss eine Straftat begeht, verbüßt einen Teil seiner Strafe in der Regel in einer Forensischen Klinik und erhält die Möglichkeit, einen Entzug zu machen. Kontrovers-Autor Till Rüger hat dort einen Straftäter besucht.

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Entzug hinter Gittern: Besuch bei alkoholabhängigen Straftätern

Wer unter Alkohol- oder Drogeneinfluss eine Straftat begeht, verbüßt einen Teil seiner Strafe in der Regel in einer Forensischen Klinik und erhält die Möglichkeit, einen Entzug zu machen. Kontrovers-Autor Till Rüger hat dort einen Straftäter besucht.

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Ein hoher Pieps-Ton, gefolgt von metallischem Rattern - die Tür schließt lauter als erwartet. Ein ungewohntes Geräusch, das mich die nächsten drei Stunden begleiten wird: charakteristisch für das System von Schleusen und Sicherheitstüren, die verhindern, dass Patienten ausbrechen. Es ist mein erster Besuch in einer Forensischen Klinik, also einem Krankenhaus für psychisch-kranke oder abhängige Straftäter. Nur ein bis zwei Mal pro Jahr dürfen Fernsehteams hier hinein. Seit dem Fall Gustl Mollath, über den das BR-Politikmagazin Kontrovers immer wieder exklusiv berichtet hat, sei man vorsichtig mit Journalisten.

Die Klinik in Günzburg aber zeigt man gerne her. Hier kommt man ohne Stacheldraht und Schlagstöcke aus, ein Vorzeige-Klinikum - nichts erinnert an den Film "Schweigen der Lämmer". Auch der Patient, den das Kamerateam und ich zum Interview treffen, wirkt aufgeräumt und motiviert. Peter M. (Name von der Redaktion geändert) trägt die typische Gefängnisfrisur. Wir dürfen ihn nur im harten Gegenlicht filmen, niemand draußen soll ihn erkennen.

Klinik statt Justizvollzugsanstalt für alkoholabhängige Straftäter

Der Fall von Peter M. sei besonders gravierend: Verurteilt wurde der 37-Jährige wegen schwerer und gefährlicher Körperverletzung. Eigentlich müsste Peter M. dafür sechs Jahre im Regel-Vollzug absitzen, doch stattdessen ging es nur kurz in Haft und danach in Therapie. Im Interview in seiner Zweierzelle erzählt er, das sei viel angenehmer:

"Man hat intensive Einzelgespräche mit seinem Bezugstherapeuten. Es gibt die Sporttherapien, es gibt mit meiner Stufe die Arbeitstherapie, wo ich noch regelmäßig in die Gärtnerei gehe - also da ist schon viel zu tun. Ich sehe das aber alles positiv." Peter M., Insasse der Klinik für Forensische Psychiatrie und Psychotherapie am Bezirkskrankenhaus Günzburg

Peter M. konnte vor Gericht Alkoholabhängigkeit geltend machen: Er war während der Tat betrunken. Der Verteidiger beantragte einen Strafrabatt nach Paragraf 64. Peter M. wurde statt zu sechs nur zu drei Jahren mit Bewährung verurteilt. Ein Jahr davon verbüßte er in einer Justizvollzugs-Anstalt, gefolgt von zwei Jahren Therapie im Maßregelvollzug in der Klinik in Günzburg.

Straf-Rabatt per Aldi-Paragraf

Denn nach Paragraf 64 Strafgesetzbuch sollen Personen, die im Rausch eine rechtswidrige Tat begangen haben, in einer Entziehungsanstalt untergebracht werden. Fast immer ist das verbunden mit einem umfangreichen Straf-Rabatt. Der Paragraf 64 heißt deshalb bei Betroffenen der Aldi-Paragraf, weil man billiger davonkommt. Peter M. war wirklich Alkoholiker. Er bereut seine Tat und will nach der Entzugstherapie ein neues Leben beginnen.

Dramatische Überbelegung in forensischen Kliniken

Doch immer öfter nutzen offenbar Kriminelle den Strafrabatt für die der Paragraf 64 gar nicht vorgesehen ist, sagen langjährige Strafverteidiger. Ein Missbrauch der Therapie-Idee? Fakt ist: Es gibt eine dramatische Überbelegung in den Forensischen Kliniken – auch in Günzburg. Eigentlich gibt es hier 96 Plätze. Inzwischen sind es aber 120 Patienten. Das bedeutet übervolle Therapiegruppen und eine deutliche Verschlechterung der Therapieerfolge.

Nur weil man hier entschieden hat, fast 30 Patienten vorzeitig daheim wohnen zu lassen, ist die Situation noch beherrschbar, erklärt mir die ärztliche Direktorin Dr. Manuela Dudeck. Ein unhaltbarer Zustand, der die Entzugs-Therapie an ihre Grenzen bringt:

"Wenn dann noch ein Patient dabei ist, der gar keine Motivation hat, dann wirkt sich das schädlich auf die andern aus, weil Motivation nicht ein gefestigtes Konstrukt ist, sondern sich jederzeit ändern kann." Dr. Manuela Dudeck, ärztliche Direktorin der Klinik für Forensische Psychiatrie und Psychotherapie am Bezirkskrankenhaus Günzburg

Richter wollen Revision vermeiden

Die Voraussetzungen für die Anwendung des Paragrafen 64 - und damit auch die richtige Motivation - soll eigentlich ein gerichtlicher Gutachter während des Prozesses feststellen. Immer mehr Gerichte gehen auf Nummer sicher. Um eine Revision zu vermeiden, werden Täter inzwischen schon bei Verdacht auf Alkohol- und Drogenabhängigkeit nach Paragraf 64 verurteilt. Die Leiterin des Amtes für Maßregelvollzug Dorothea Gaudernack, sieht deshalb auch bei den Richtern eine Mitschuld.

"Es ist ein Zusammenspiel von Verteidigern, die für ihre Mandate das Beste herausholen wollen und die möglichst früh wieder in Freiheit bekommen wollen und anderseits Richterinnen und Richtern, die ihre Urteile revisionssicher machen wollen, denn der Bundesgerichtshof hat die Anwendung des Paragrafen 64 sehr weit ausdehnt." Dorothea Gaudernack, Leiterin des Amtes für Maßregelvollzug

Haftplatz in der forensischen Klinik ist teuer

Der Bundesgerichtshof hatte in den vergangenen Jahren immer wieder Urteile aufgehoben, die keinen Strafrabatt nach Paragraf 64 berücksichtigten. Auch deshalb wird nun eine schnelle Änderung des Paragrafen 64 immer lauter gefordert. Noch dazu geht es um reichlich Steuergeld: Ein Therapieplatz, wie hier in der forensischen Klinik in Günzburg, kostet den Staat fast dreimal so viel wie ein normaler Haftplatz: 110.000 Euro statt 40.000 Euro pro Jahr. Geld, das man sicher sinnvoller investieren könnte als in therapieunwillige Straftäter.

Dann geht es für mich wieder zurück zum Eingang quer über den Gefängnishof, einer Art Sportplatz, Zimmertrakte mit Sicherheitsfenstern auf drei Seiten und einer fast acht Meter hohen Betonmauer mit Überwurfschutz auf der vierten Seite, damit nichts von außen nach innen oder vom Hof nach draußen gelangen kann.

Hier spüre ich deutlich die neugierige Blicke: Vorhänge die kurz zur Seite geschoben werden. Ein Kamerateam ist doch ein eher seltener Anblick im Maßregelvollzug. Und nur hier höre ich einmal unterdrückte Schreie. Schnell verstummen sie wieder. Es sei ein psychiatrischer Patient, ein Mehrfachtäter, heißt es, der rufe immer mal wieder. Dann öffnet sich die Sicherheitsschleuse ein letztes Mal. Mein Besuch ist zur Ende.

Mehr zum Thema heute Abend im BR Fernsehen in der Sendung Kontrovers ab 21.00 Uhr.