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Wegen massiver Gewaltausbrüche hat die Polizei am Sonntagmorgen die zentrale Feiermeile von Augsburg geräumt. Eskaliert sei die Lage, als ein Rettungswagen mit Flaschen und anderen Gegenständen beworfen wurde, auch Polizisten wurden angegriffen.

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Entsetzen bei Polizei und Sanitätern nach Krawallen in Augsburg

Nach den massiven Ausschreitungen in Augsburg herrscht Fassungslosigkeit bei Polizei und Sanitätern. 15 Beamte wurden bei den Krawallen verletzt, ermittelt wird wegen Landfriedensbruch. Die Gewerkschaft der Polizei fordert harte Konsequenzen.

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Von
  • Barbara Leinfelder
  • BR24 Redaktion

Nach den Ausschreitungen auf der Augsburger Maximilianstraße in der vergangenen Nacht werden nicht nur vor Ort auf der Feiermeile die Scherben zusammengekehrt. Die Gewerkschaft der Polizei (GdP) in Bayern zeigt sich über die Randale nach dem EM-Sieg der deutschen Mannschaft über Portugal ebenso entsetzt wie der Rettungsdienst vor Ort.

Der GdP-Landesvorsitzende Peter Pytlik verurteilte am Sonntag die "massiven Ausschreitungen" und sagte, man sei "enttäuscht über die Gewaltausbrüche von Jugendlichen und jungen Menschen".

Es gebe "vielfältige Gründe, die zu diesen Gewaltausbrüchen führten", sagte er. "Die wiedergewonnene Freiheit, die pandemiebedingte lange Feier-Abstinenz, kombiniert mit übermäßigem Alkoholkonsum und nicht zuletzt die übertriebene emotionale Reaktion auf den Sieg der deutschen Mannschaft. Dies ist anscheinend eine Gemengelage, die sich mit der Eskalation in Augsburg und anderen Städten ihren Raum suchte."

Polizeigewerkschaft fordert Konsequenzen

In der Nacht zum Sonntag waren in Augsburg Polizisten und Feiernde verletzt worden, als die Beamten nach dem EM-Erfolg der deutschen Nationalmannschaft über Portugal eine Siegesfeier mit rund 1.400 Menschen in der Innenstadt räumten. Dabei flogen laut Polizei Hunderte Flaschen in Richtung Einsatzkräfte, es kam zu tätlichen Angriffen und Beleidigungen. Rettungseinsätze wurden teilweise verhindert. Die Polizei setzte bei der Räumung Pfefferspray ein. 15 Beamte wurden leicht verletzt. Ermittelt wird wegen Landfriedensbruch.

Pytlik forderte Konsequenzen: "Diese jungen Menschen verstoßen absichtlich, vorsätzlich und mit einer unglaublichen Ignoranz gegen die Rechtsstaatlichkeit", sagte er. "Wer Polizistinnen und Polizisten, Rettungs- oder andere Hilfskräfte attackiert, muss die ganze Härte des Rechtsstaats spüren." Das Phänomen sei neu. "Solche Handlungsmuster als Folge gruppendynamischer Prozesse, wie in den letzten Wochen feststellbar, gab es in dieser Form bisher nicht beziehungsweise nur äußerst selten", erklärte der GdP-Chef.

"Offensichtlich haben einige junge Menschen den Realitätsbezug zwischen virtuellem Spielen und realem Handeln verloren." Peter Pytlik, GdP-Landesvorsitzender

Rettungssanitäter: "So etwas habe ich in 20 Jahren nicht erlebt"

Auch Betroffene, die das Geschehen aus nächster Nähe miterlebt haben, äußern sich fassungslos: Raphael Doderer, der als ehrenamtlicher Rettungssanitäter die regulären Kräfte unterstützt hat, sagte dem BR, "so etwas habe ich in 20 Jahren Rettungsdienst noch nicht erlebt".

Die Lage sei völlig unübersichtlich gewesen, er habe sich zwar meist sicher gefühlt, dank der Unterstützung der Polizei, doch immer wieder seien Flaschen aus der Masse geworfen worden. Der Rettungswagen sei von einer Flasche getroffen worden, die Scheibe ist zersprungen, ein Kollege habe nur wenige Zentimeter daneben gestanden, "der hat Glück gehabt", so Doderer, der Sprecher der Arbeitsgemeinschaft Augsburger Hilfsorganisationen ist.  

Weil der reguläre Rettungsdienst nicht mehr nachgekommen sei, sind laut Doderer gegen ein Uhr die Zusatzkräfte alarmiert worden. Allein die ehrenamtlichen Helfer haben rund 24 Patienten in der Innenstadt behandelt, sechs davon mussten ins Krankenhaus gebracht werden, so Doderer am Sonntagvormittag zum BR, er rechnet damit, dass es weitere Verletzte gegeben habe. Behandelt worden sei wegen zu viel Alkohol, Verletzungen durch Stürze oder Schläge und der Einwirkung von Pfefferspray.  Es habe vor Mitternacht auch viele friedliche Feiernde gegeben, so Doderer. Dann sei die Lage gekippt – "So etwas möchte ich nicht mehr erleben", sagt Doderer. Als die Stimmung der Partygänger nach Mitternacht aggressiver wurde, wurden auch Sanitäter angegangen.

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Der harte Einsatz der Polizei in Augsburg in der Nacht zum Sonntag hätte sich verhindern lassen, wenn sich die Menschen vor Ort anders verhalten hätten, so BR-Reporter Andreas Herz. Die Strategie der Stadt sei offensichtlich gescheitert fürs Erste.

Oberbürgermeisterin Eva Weber: Werden hart durchgreifen

Auch Augsburgs Oberbürgermeisterin Eva Weber hat nun Stellung zu den Ausschreitungen bezogen. In einer gemeinsamen Erklärung mit der Polizei stellte sie klar, dass "friedliches Feiern in der Innenstadt weiterhin erwünscht" sei. Bei Übergriffen jedoch wolle man hart durchgreifen. Für Montag, 14 Uhr, kündigte sie eine Pressekonferenz an.

Derartige "Angriffe auf Leib und Leben der Einsatzkräfte" wie am Wochenende aber werde man "nicht tolerieren und konsequent verfolgen", so Weber. Augsburgs Ordnungsreferent Frank Pintsch stellte fest, dass man "keine Beeinträchtigung des Sicherheitsgefühls in der Stadt" dulden werde. Laut Polizeipräsident Michael Schwald sei "das Ausmaß an Gewalt, Rücksichtslosigkeit und krimineller Energie erschreckend, mit dem sogenannte Partygänger in der Nacht von Samstag auf Sonntag auf die Einsatzkräfte losgegangen sind". Schwald appellierte "an alle friedlich Feiernden, sich von solchen Straftätern und Unruhestiftern, denen es ausschließlich um Provokation und Gewalt geht, deutlich zu distanzieren".

"Minderheit stiftet gezielt Unruhe"

Eine verharmlosende Rechtfertigung sei "unangebracht", so die Oberbürgermeisterin weiter. Es gehe nicht um Jugendliche, die jetzt einfach mal wieder über die Stränge schlagen würden. Es sei vielmehr "eine Minderheit, die für Gewaltszenen verantwortlich ist, wie wir sie seit einigen Wochen auch aus anderen Städten kennen. Diese Minderheit kommt nicht in die Stadt, um gemeinsam mit anderen den Sommer zu genießen. Sie geht als Horde gezielt dorthin, wo Menschen sind, um Unruhe zu stiften, um gegen Polizei und Ordnungsdienst Stimmung zu machen und damit bewusst die Lage zur Eskalation zu bringen", so Weber.

Das deckt sich nach Informationen des BR mit den Erkenntnissen der Polizei, die einzelne Störer wohl bereits im Zusammenhang mit den Schlägereien aus dem Sheridan-Park vor einigen Wochen kennt. "Lockdown ist keine Rechtfertigung für Krawall und die Innenstadt kein Ort für Krawalltourismus", betont Weber. Alle Augsburger hätten in den vergangenen Monaten mit den Corona-Einschränkungen zu kämpfen gehabt, ohne aggressiv gegen Mitbürger oder Einsatzkräfte zu werden.

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Bildrechte: Arbeitsgemeinschaft der Augsburger Hilfsorganisationen/Raphael Doderer

Der Augsburger Ordnungsreferent Frank Pintsch sagte dem BR auf Anfrage, "die Vorkommnisse waren völlig inakzeptabel". Seiner Meinung nach seien "da auch Straftatbestände erfüllt", man werde sich nun sehr genau ansehen, wie damit umgegangen werde.

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