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Rohrbombenanschlag: Entschädigung für Nürnberger NSU-Opfer | BR24

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Vor 20 Jahren ist in der Nürnberger Kneipe "Sonnenschein" eine Rohrbombe explodiert. 2013 wurde bekannt, dass auch dies ein Anschlag des NSU war. Der Anwalt des Opfers konnte nun eine Entschädigung durchsetzen.

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Rohrbombenanschlag: Entschädigung für Nürnberger NSU-Opfer

Vor 20 Jahren ist in der Nürnberger Kneipe "Sonnenschein" eine Rohrbombe explodiert, dabei wurde der Wirt verletzt. 2013 wurde bekannt, dass auch dies ein Anschlag des NSU war. Der Anwalt des Opfers konnte nun eine Entschädigung durchsetzen.

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Der Wirt einer Nürnberger Kneipe wurde vor 20 Jahren bei einem Anschlag des NSU verletzt. Nun konnte der Anwalt des Opfers eine Entschädigung für ihn durchsetzen.

Rohrbombe in der Herrentoilette

Es ist der 23. Juni 1999 in Nürnberg: Ein türkischstämmiger Kneipenbetreiber wischt die Toiletten seiner neu eröffneten Pilsbar "Sonnenschein" in der Nürnberger Scheurlstraße. Der Wirt Mehmet O. (Name geändert) findet im Mülleimer der Herrentoilette ein massives schwarzes Metallstück, das aussieht wie eine Taschenlampe. Es ist ein selbstgebauter Sprengsatz, der zum Glück nicht richtig zündete. Der damals 18-jährige Mehmet O. wurde dennoch verletzt. Splitter drangen in seinen Arm und durch die Detonation zog er sich zahlreiche Schnittwunden zu. Nach diesem Vorfall ermittelten die Beamten gegen das Opfer und seine Familie.

Klärung durch Reporter-Recherchen

Im vergangenen Jahr macht ihn das investigative Rechercheteam des Bayerischen Rundfunks (BR) und der Nürnberger Nachrichten (NN) ausfindig. Diesen Reportern schildert er noch einmal den Vorgang: "Dann bin ich hin, hab geschaut, was das ist und hab die Taschenlampe gesehen. Dann habe ich mich gefragt, was ist das denn hier, das ist ja eine teure Lampe. So neugierig wie ich war, habe ich dann auf den Knopf gedrückt und das war es dann," erinnert sich NSU-Opfer Mehmet O.

Opfer soll Terrorakt nachweisen

14 Jahre nach der Explosion sagt ein geständiger Angeklagter im NSU-Prozess aus, dass der Anschlag in der Nürnberger Pilsbar das erste Attentat des NSU gewesen sei. Mehmet Daimagüler, der Anwalt von Mehmet O., forderte für seinen Mandanten eine Entschädigung und kritisierte den Umgang der Behörden mit diesem. "Wir haben für ihn beim Bundesamt für Justiz eine Entschädigung beantragt, alle Opfer von Terrorakten bekommen sowas in Deutschland. Da hat das Bundesamt erstmal ganz kaltschnäuzig erklärt, dieser Mann soll erstmal nachweisen, dass es ein Terrorakt war. Das heißt, er wurde weiterhin mit der Möglichkeit konfrontiert, dass er doch selber dahintersteckt und das ist schon ein starkes Stück," empört sich Mehmet Daimagüler.

BKA-Befragung 2013

Das Bundesamt soll laut Aussagen des Anwalts erst nach einer Klageandrohung reagiert und dem Wirt die Entschädigungszahlung überwiesen haben. Dabei hatten die Beamten schon 2013 Mehmet O. als NSU-Opfer befragt. Damals wurden ihm Fotos gezeigt und er ist gefragt worden, ob er darauf jemanden kennt.

"Dann durfte ich mir halt Bilder ankucken von Rechtsradikalen. Und da ist mir eine Dame so direkt aufgefallen, da habe ich den Beamten gesagt: Ich habe sie irgendwo gesehen, also irgendwoher kenne ich sie." NSU-Opfer Mehmet O.

Mehr als hundert Bilder von Neonazis werden Mehmet O. vorgelegt. Er erkennt eine Rechtsextremistin aus Sachsen eindeutig wieder. Sie zählt zu den wichtigsten Unterstützerinnen des NSU-Kern-Trios. Dieser Spur wird nicht nachgegangen. Die Beamten beenden die Vernehmung und erklären Mehmet O. nicht weiter, warum er überhaupt vernommen wurde.

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Anwalt Mehmet Daimagüler

Rechercheteam klärt Opfer auf

Erst fünf Jahre nach dieser Vernehmung – im Jahr 2018 – erfährt der ehemalige Wirt vom investigativen Rechercheteam des BR und der Nürnberger Nachrichten den Grund für seine Befragung. Für den ehemaligen NSU-Nebenklageanwalt Mehmet Daimagüler ist auch dieses Vorgehen eine Farce: "Das finde ich dann schon skandalös, dass Mehmet O. von den Medien erfahren musste, dass er ein Opfer des NSU ist. Die Bundesanwaltschaft hatte ihn schon im Jahre 2013 befragt, dabei kein Sterbenswörtchen verloren, dass er Opfer des NSU ist. Das heißt, dass er fünf Jahre in der Ungewissheit leben musste, auch in Furcht, dass es Menschen gibt, die ihn umbringen wollen, " sagt Anwalt Mehmet Daimagüler.

"Brauner Terror muss endlich ernst genommen werden." Mehmet Daimagüler, Anwalt

Noch viele Fragen offen

Anwalt Daimagüler kritisiert, dass im NSU-Komplex noch viele Fragen offen sind – nach lokalen Netzwerken des NSU, Verstrickungen des Geheimdienstes und institutionellem Rassismus. Das zeigen auch die neuen Entwicklungen im Fall des ermordeten Regierungspräsidenten Walter Lübcke aus Kassel. Der Anwalt sieht hier großen Nachholbedarf bei den Behörden und mahnt im BR-Interview: "Gewaltbereite Neonazis, ein brauner Terrorismus, muss endlich ernst genommen werden von der Polizei, von den Staatsanwaltschaften, bis hin zur Bundesanwaltschaft und von den Geheimdiensten. Und ich habe bis zum heutigen Tag nicht das Gefühl, dass das Ausmaß der Gefahr wirklich ernst genommen wird!"

Drei Morde des NSU in Nürnberg

Nach dem Bombenanschlag in der Scheurlstraße schlugen die Rechtsterroristen des NSU noch mindestens drei weitere Male in Nürnberg zu. Enver Şimşek, Inhaber eines Blumenhandels in Schlüchtern, wurde am 9. September 2000 im Osten Nürnbergs erschossen. Abdurrahim Özüdoğru wurde am 13. Juni 2001 in einer Änderungsschneiderei in der Südstadt mit zwei Kopfschüssen getötet. Ismail Yaşar, Inhaber eines Döner-Imbisses, wurde am 9. Juni 2005 in seinem Verkaufscontainer in der Scharrerstraße erschossen.

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