Wacker Chemie in Burghausen ist eins von vielen energieintensiven Unternehmen im oberbayerischen Chemiedreieck

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Energiekrise im Chemiedreieck: Schwierige Phase steht noch bevor

Energiekrise im Chemiedreieck: Schwierige Phase steht noch bevor

Das Chemiedreieck in Ost-Oberbayern ist eine der wirtschaftlich stärksten Regionen Bayerns. Die Industrie dort verbraucht aber knapp acht Prozent des bayerischen Strombedarfs. Die Energiekrise ist eine Herausforderung - doch es gibt auch Chancen.

Die Stimmung der Burghauser Bürgerinnen und Bürger ist gespalten: Einige versuchen der Energiekrise mit Optimismus entgegenzutreten, andere sorgen sich nicht nur um die gestiegenen Preise, sondern vor allem auch um die Region. Beispielsweise arbeiten knapp 8.000 Menschen für das Chemieunternehmen Wacker am Standort Burghausen – viele von ihnen leben im Landkreis Altötting und wissen, wie viele Jobs mit der Firma selbst und den anderen ansässigen Chemieunternehmen verbunden sind. Und sie wissen auch, wie viel Wohlstand die Betriebe der Region gebracht haben.

Wacker Chemie: "Gefasst, aber nicht entspannt"

Das Unternehmen Wacker Chemie selbst sieht sich noch für den kommenden Winter gerüstet. Panik sei jetzt nicht hilfreich, sagt der Werksleiter am Standort Burghausen, Peter von Zumbusch: "Wir können Teile der Wärme, die wir durch Gas herstellen, auch durch andere Möglichkeiten, wie zum Beispiel Öl, ersetzen. Da haben wir Rückfallmöglichkeiten."

Von der Politik fordert von Zumbusch, dass alles getan werden müsse, um eine regelhafte und vor allem wettbewerbsfähige Versorgung mit Energien für die Wirtschaft sicherzustellen, denn "das ist schon sehr kritisch. Natürlich sind wir gefasst, aber wir sind nicht entspannt."

Peter von Zumbusch, Werksleiter von Wacker Burghausen, ist "gefasst, aber nicht entspannt".

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Schwierige Phase für die chemische Industrie kommt noch

Mehr als 200.000 Mitarbeiter und etwa 1.000 Auszubildende sowie weit über 50.000 Arbeitsplätze, die eng mit der chemischen Industrie verknüpft sind – das zeichnet die Chem-Delta Bavaria aus. Sie ist ein Zusammenschluss der Unternehmen rund um den Standort Burghausen. Noch könne die Industrie mit der Energiekrise umgehen, erklärt Bernhard Langhammer, Sprecher der Chem-Delta Bavaria. Die ganz schwierige Phase komme erst noch. "Wir müssen jetzt alle Register ziehen, die wir haben. Wir müssen vermeiden, dass es zu einer echten Gasmangellage kommt", sagt Langhammer.

Notwendige Schritte seien, unter anderem den Energiebedarf im kommenden Winter deutlich zu reduzieren. Einerseits durch kleiner Maßnahmen, wie beispielsweise die Temperatur in Gebäuden zu reduzieren. Andererseits aber auch durch "den Wechsel von Gas auf andere Energieträger", sagt Langhammer. "Wir werden aber auf jeden Fall sicherstellen müssen, dass die Stromversorgung erhalten bleibt." Dabei ginge es vor allem darum, alle Erzeugungskapazitäten auszunutzen – besonders das Kernkraftwerk Isar 2 weiterlaufen zu lassen.

Der Sprecher der Chem-Delta Bavaria, Bernhard Langhammer.

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Über den Winter hinaus planen

Wichtig sei es jedoch, jetzt längerfristig zu planen, meint Langhammer - auch hinsichtlich des gesamtdeutschen Ziels, bis 2045 klimaneutral zu sein. Seine Forderungen: Genehmigungsverfahren vereinfachen und beschleunigen, Infrastrukturprojekte ermöglichen, auf regenerative Energiequellen und Wasserstoff umstellen.

"Regenerative Erzeugung - sprich lokale Photovoltaik oder lokaler Wind - würde niemals ausreichen, um den jetzigen und zukünftigen Bedarf an Strom zu decken", sagt Langhammer. Neben zusätzlichem Wasserstoff-Import werde es auch Strom-Import aus dem windreicheren Norden brauchen. Dafür müsse die Politik aber die passenden Infrastrukturprojekte ermöglichen. "Wenn dann von der Politik Zögerlichkeiten kommen, werden die Investoren überlegen, ob Südostbayern auf Dauer der richtige Standort für weitere Investitionen sein wird", so Langhammer.

Chancen in der Energiekrise

Dennoch sieht der Sprecher der Chem-Delta Bavaria auch Chancen in den höheren Energiepreisen: Sie würden neue Einsparpotenziale wirtschaftlich machen. "Viele Dinge konnte man in der Vergangenheit nicht machen, sie wären zu teuer gewesen", sagt Langhammer. "Und solange für alle der Energiepreis steigt, ist es für alle interessant, in Alternativen zu gehen."

Auch Peter von Zumbusch, Werksleiter bei Wacker am Standort Burghausen, sieht trotz der aktuellen Herausforderungen auch positive Entwicklungen. Es eröffneten sich vor allem neue Möglichkeiten, an langfristigen Lösungen und Zukunftsstrategien zu arbeiten. "Die Veränderungen, um eine nachhaltige Zukunft zu gestalten, die brauchen viele Projekte und auch Investitionen", erklärt von Zumbusch. Dafür habe man Stellen geschaffen und Personal eingestellt.

Projekt "Rückenwind": Windräder im Landkreis Altötting

Im Landkreis Altötting zeigt sich bereits jetzt, dass sich durch die Krise neue Möglichkeiten auftun. War der Landkreis bisher nicht als Windkraftstandort geeignet, könnte es sich durch die gestiegenen Strompreise doch lohnen, hier in Windkraft zu investieren. Das Projekt "Rückenwind" gemeinsam mit Wacker Chemie stehe noch ganz am Anfang, erklärt Landrat Erwin Schneider (CSU): "Es soll jetzt im Staatsforst überprüft werden: Reicht der Wind unter den jetzigen Rahmenbedingungen aus, um einen Windpark zu machen?"

Wäre dies der Fall, würden bis zu 40 Windräder nach und nach auf einem Gebiet von etwa 5.000 Hektar aufgestellt werden. Aktuell werden Gespräche mit Bürgermeistern und Landkreisen geführt. Im Oktober wird die Initiative beim regionalen Planungsverband aufgegriffen. Auch sollen Windmessungen über ein Jahr lang durchgeführt werden. Erst dann kann geklärt werden, ob sich die Rahmenbedingungen im Landkreis für Windkraft lohnen.

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