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Endstation Aufzug: Wochenlange Ausfälle bei der Bahn | BR24

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Rund 180 Aufzüge fallen täglich an deutschen Bahnhöfen aus. Wie kann das bitte sein?

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Endstation Aufzug: Wochenlange Ausfälle bei der Bahn

Wer mit schwerem Gepäck unterwegs ist oder Rollstuhl fährt, braucht sie: Aufzüge an Bahnhöfen. Doch sofern es solche gibt, fallen sie oft aus. Eine Datenanalyse des BR zeigt: Defekte Fahrstühle sind ein flächendeckendes Problem – auch in Bayern.

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Christoph Friedle sitzt im Rollstuhl. Er studiert in München und ist oft mit der S-Bahn unterwegs zu seinen Vorlesungen. An vielen S-Bahnhöfen gibt es nur einen Aufzug zum Bahnsteig; wenn dieser nicht funktioniert, ist das für Friedle nicht nur ärgerlich, sondern ein echtes Problem: "Wenn der Aufzug kaputt ist, weiß ich nicht, was ich machen soll. Ich müsste mich die Treppen hochtragen lassen."

Friedle ist mit dem Problem nicht allein. Die Datenjournalisten des BR haben den Status aller Aufzüge der Deutschen Bahn ein Jahr lang aufgezeichnet. Die Analyse von BR Data zeigt: Defekte Aufzüge an Bahnhöfen sind ein wiederkehrendes Problem für barrierefreies Reisen. Ärgerlich für Mütter mit Kinderwägen, Menschen mit viel Gepäck oder Bahnkunden mit Rad - ein echtes Hindernis für Menschen mit körperlicher Beeinträchtigung.

Viele Aufzüge in Bayern wochenlang defekt

Mehr als 40 Prozent der rund 250 Bahnaufzüge in Bayern fielen im untersuchten Zeitraum von 365 Tagen insgesamt mindestens eine Woche lang aus. Viele sogar deutlich länger: 31 Aufzüge, gut 12 Prozent, waren in dem Zeitraum zusammengerechnet vier Wochen oder länger außer Betrieb - ob am Regensburger Hauptbahnhof, in Hebertshausen oder in Memmingen. Da die wenigsten Bahnsteige zwei Fahrstühle haben, fällt damit für manche Reisende die einzige Möglichkeit, ein Gleis zu erreichen, weg.

Diese 31 Aufzüge fielen vier Wochen oder länger aus

Zum Beispiel Lochhausen: mit Prothese, ohne Aufzug

Einer dieser problematischen Aufzüge steht in Lochhausen, am Stadtrand von München. Josef Dittrich ist beim Sozialverband VdK engagiert und hat sich bei der Deutschen Bahn schon über mehrere Aufzüge beschwert, unter anderem über den in Lochhausen. Dittrich trägt eine Prothese am rechten Fuß, das Treppensteigen fällt ihm schwer. Dass der Aufzug an der S-Bahnstation so oft ausfällt, ärgert ihn schon lange. Auch an den Bahnhöfen in der Umgebung standen die Aufzüge zuletzt immer wieder still.

Die BR-Datenanalyse zeigt: Der Lochhausener Aufzug war im untersuchten Zeitraum insgesamt sechs Wochen lang kaputt, oft mehrere Tage am Stück. Dittrich ist empört:

"Wenn man sich das vorstellt im Jahre 2019: Man ist vor Jahren auf den Mond geflogen und heutzutage ist das Reparaturmanagement von der Deutschen Bahn nicht in der Lage, innerhalb von 2-3 Tagen einen Aufzug wieder zum Laufen zu bringen." Josef Dittrich, VdK

Die deutschlandweite Datenanalyse zu Fahrstühlen bei der Deutschen Bahn lesen Sie hier.

Kaputte Fahrstühle: Problematik ist bei der Bahn bekannt

Laut der Deutschen Bahn gehören Vandalismus und technische Störungen zu den häufigsten Ausfallursachen. Der BR hat das Unternehmen mit den Ergebnissen der Datenauswertung konfrontiert. Man warte und inspiziere die Aufzüge durchschnittlich viermal im Jahr, heißt es. Auf die Frage, wie man die Probleme bei den Aufzügen in den Griff bekommen möchte, antwortet die Bahn eher allgemein: "Wir wissen auch, dass jeder Aufzug, der nicht funktioniert, ein Ärgernis für unsere Reisenden ist. Deshalb sorgen wir dafür, diese Ausfälle zu reduzieren und Reparaturen möglichst rasch mit möglichst wenig Einschränkungen für unsere Kunden vorzunehmen."

Barrierefreiheit: VdK-Präsidentin Bentele fordert strengere Regelungen

Artikel 9 der UN-Behindertenrechtskonvention besagt, dass es allen Menschen möglich sein muss, Transportmittel zu nutzen. Dass man auch zehn Jahre nach deren Unterzeichnung mit der Deutschen Bahn über funktionierende Aufzüge diskutieren müsse, zeuge von einer "großen Missachtung der Verpflichtung zur Inklusion", so Verena Bentele, Präsidentin des Sozialverbands VdK, im BR-Interview. "Barrierefreiheit läuft nicht unter der Kategorie 'nice to have', sie ist ein Menschenrecht", sagt Bentele. Sie fordert strengere gesetzliche Regelungen, sodass Reisende eine Entschädigung für defekte Aufzüge einfordern können.

Demo wegen defektem Aufzug

Auch in der oberbayerischen Gemeinde Hebertshausen haben die Menschen die Diskussionen satt. Auch hier stand der einzige Aufzug zum Gleis immer wieder längere Zeit still. Anwohnerin Anja Kittlitz hat deshalb kürzlich sogar eine spontane Demonstration organisiert, um die Deutsche Bahn zum Handeln zu bewegen. Das Motto: "Für eine S-Bahn, die alle nutzen können – mit Kinderwagen, Rolli, mit schwerem Koffer, Krücken und überhaupt." Mehr als 70 Bürgerinnen und Bürger sind gekommen. Der Aufzug funktioniert kurz danach wieder, doch Anja Kittlitz ist skeptisch, ob das von langer Dauer ist: "Ich wohne jetzt seit fünf Jahren in Hebertshausen und der Aufzug ist regelmäßig alle paar Monate über längere Strecken kaputt und nicht funktionstüchtig. Ich kann mir tatsächlich fast nicht vorstellen, dass es das jetzt gewesen ist."

💡 Weniger als die Hälfte der bayerischen Bahnhöfe ist barrierefrei

Ein schwacher Trost für alle, die sich über einen defekten Bahn-Aufzug ärgern: An vielen bayerischen Bahnhöfen gibt es überhaupt keinen Lift. Trotz des 2013 von der Staatsregierung gestarteten Zehn-Jahres-Programms "Bayern barrierefrei 2023" sind aktuell von den über 1.000 Bahnhalten in Bayern nur 400 behindertengerecht ausgebaut. 115 weitere sollen in den nächsten Jahren folgen.

Zu den vielen Bahnhöfen, bei denen in naher Zukunft keine Änderung geplant ist, zählt trotz intensiver Bemühungen der Lokalpolitik Kaufbeuren. Die Bahn sieht hier wie andernorts den Bund in der Pflicht - und verweist generell auf ihr Mobilitäts-Servicepersonal. (Informationen dazu unter bahnland-bayern.de). Damit dieses vor Ort tatsächlich bereitsteht, muss es allerdings spätestens einen Tag im Voraus unter der kostenpflichtigen Servicenummer 01806/512512 angefordert werden. Zudem ist der Service nur zu bestimmten Zeiten verfügbar - und mitunter weigern sich Bahnangestellte unter Verweis auf Haftungsfragen zu helfen.

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Die Situation am Bahnhof Kaufbeuren

Zu den Daten: Die Deutsche Bahn hat an jedem ihrer gut 2.000 Aufzüge Sensoren installiert, die messen, ob der Aufzug in Betrieb ist oder nicht. Die Bahn stellt die Daten über eine Datenschnittstelle in Echtzeit zur Verfügung. Für die vorliegende Analyse haben die Datenjournalisten des BR die Daten an 365 Tagen zwischen August 2018 und November 2019 alle fünf Minuten abgefragt. Für die Auswertung wurde nur die "kundenrelevante Hauptzeit" der Deutschen Bahn von 6:00 bis 22:00 Uhr berücksichtigt.