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Elektronische Patientenakte: Viel Geld für nichts? | BR24

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Die elektronische Patientenakte wird kaum noch genutzt.

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Elektronische Patientenakte: Viel Geld für nichts?

Seit diesem Jahr gibt es die elektronische Patientenakte für gesetzlich Versicherte. Bei Ärzten, Apotheken und Patienten ist sie weiterhin aus Datenschutzgründen umstritten. Jetzt gerät auch noch die entsprechende Technik dazu in die Kritik.

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Von
  • Sarah Beham

Alle Behandlungsdaten mit Röntgenbildern oder Medikamenten digital auf einen Blick in einer App: Das soll die elektronische Patientenakte, kurz ePA, liefern. Seit Januar dieses Jahres müssen alle gesetzlichen Krankenkassen ihren Versicherten die ePA anbieten. Doch nach eineinhalb Monaten zeigt sich: Weniger als ein Prozent der bundesweit Versicherten nutzt bisher die ePA. Das ergab eine BR-Anfrage bei vier großen Krankenkassen Deutschlands.

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Nutzung der e-Patientenakte 2021

Damit die e-Patientenakte überhaupt genutzt werden kann, wurden Arztpraxen und Apotheken an eine Telematikinfrastruktur (TI) angeschlossen, die von der Gematik betrieben wird. Unter anderem wurden die Praxen mit sogenannten Konnektoren, eine Art Lesegerät, und sogenannten Heilberufsausweisen, die den Zugang zur TI ermöglichen, ausgestattet, damit die ePA überhaupt funktioniert - diese Technik zählt zur Telematikinfrastruktur 1.0, kurz TI 1.0.

TI 1.0 soll durch TI 2.0 abgelöst werden

Doch gerade jetzt, wo viele Praxen in diese Technik investiert haben und angeschlossen sind, schreibt die Gematik in einem im Januar veröffentlichten Diskussionspapier, dass die Telematikinfrastruktur mit Konnektoren bis 2025 von einer neuen TI 2.0 abgelöst werden soll.

"Mittel- bis langfristig sehen wir aber insbesondere mit Blick auf die Erweiterung der Telematikinfrastruktur auf weitere Berufsgruppen im Gesundheitswesen ein Ende dieser Technologie und wollen diese perspektivisch durch die Vorschläge im Whitepaper schrittweise ersetzen." Antwort Gematik

Zahnarzt: Steuergelder werden verschwendet

Zahnarzt Walter Wanninger aus Straubing kennt das Diskussionspapier der Gematik – und sieht den Vorschlag einer TI 2.0 gerade jetzt, wo die TI 1.0 noch gar nicht richtig läuft, kritisch:

"Das finde ich ja fast schon lustig, wenn es nicht so ernst um die Lage wäre: Wie viel Geld, wie viel Milliarden von diesem System der Gematik verschlungen wurden in der Politik. Wenn die Fachleute schon sagen, dass jetzt – wo es noch nicht mal richtig am Laufen ist – die TI 1.0 schon überholt ist und man denkt schon an eine Weiterentwicklung nach und Herr Spahn denkt über viele digitale Weiterentwicklungen nach, dann – ehrlich gesagt – denkt man sich: Für was das Ganze?" Walter Wanninger, Zahnarzt Straubing
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Zahnarzt Walter Wanninger in seiner Praxis

Wanninger wirft der Politik vor, nicht sorgfältig mit Steuergeldern umzugehen. Denn letztlich würden die Steuerzahler die Technik für die TI zahlen. Konnektoren und Heilberufsausweise seien aber schon jetzt "veraltet" und würden 2025 abgelöst werden, so Wanninger. Die Gematik betont auf Nachfrage, dass es sich um ein Diskussionspapier handelt.

Wanninger hat viel Geld investiert, damit alles in seiner Praxis mit der e-Patientenakte klappt. Alleine der Heilberufsausweis kostete 500 Euro. Wie Wanninger sagt, habe die Politik damals versprochen, alles zu erstatten. Jetzt werde nur ein Teil der Kosten übernommen. "Dieses Geld ist noch nicht geflossen. Keiner weiß so richtig, wann der Zeitpunkt ist", so Wanninger. Er fragt sich, wie viel er dann wohl in die die neue Version investieren müsste.

TI-Projekte: 2,49 Milliarden Euro seit 2008

Vom Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) heißt es auf Anfrage, dass von 2008 bis 2019 insgesamt schon 2,49 Milliarden Euro für TI-Projekte ausgegeben wurden. Eine genaue Aufschlüsselung dafür gebe es nicht.

Zahnarzt Walter Wanninger ist der Meinung, dass man viel Geld davon besser investieren hätte können, wie beispielsweise in Bildung und nicht in den "Elektroschrott", wie er die Technik für die Telematikinfrastruktur 1.0 bezeichnet.

Trend: Speichern von Daten in e-Clouds

Das Bundesgesundheitsministerium begrüßt den Vorschlag einer neuen TI 2.0:

"Die digitale Welt entwickelt sich mit einer sehr hohen Geschwindigkeit weiter. Mit dieser Entwicklung muss auch die Telematikinfrastruktur Schritt halten." Bundesgesundheitsministerium

Was sich auch bei der neuen TI 2.0 nicht ändern wird: das Speichern der Patientendaten in e-Clouds. Zahnarzt Wanninger sieht das kritisch. Hacker könnten leichter an Patientendaten gelangen, als bisher. Zudem fürchtet er, dass durch die ePA Daten für die Politik, Arbeitgeber und Krankenkassen ersichtlich werden. "Zur Folge könnte es haben, dass ein Patient, der sportlich und jung ist, einen niedrigeren Krankenkassenbeitrag zahlen müsste. Einer, der übergewichtig ist, der müsste bei der Krankenkasse mehr zahlen, weil er ein höheres Risiko birgt."

Telematikverweigerern droht Honorarkürzung

Das ist nur ein Grund für Zahnarzt Roman Bernreiter aus Zwiesel, warum er nicht an die TI angeschlossen ist und somit die ePA nicht unterstützt. Er wirbt damit, eine telematikfreie Praxis zu sein.

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Zahnarzt Roman Bernreiter wirbt mit seiner telematikfreien Praxis

Bernreiter zählt zu einer kleinen Gruppe von Telematikverweigerern. 93 Prozent seiner bayerischen Zahnarztkollegen – wie Walter Wanninger – sind an die TI angeschlossen, wie es von der Kassenzahnärztlichen Vereinigung Bayerns heißt. Denn sonst drohen Honorarkürzungen. Wie Zahnarzt Roman Bernreiter sagt, werden ihm bereits zwei Prozent seines Jahreshonorars deswegen gekürzt:

"Die Patienten sind es mir wert, ich komme aus einer alten Medizinierfamilie, da zählen solche Werte wie hippokratischer Eid einfach noch sehr hoch. Ich könnte meinen Patienten nicht in die Augen schauen, wenn ich hier die Daten auf einen Server lege, auf den weder ich noch meine Patienten weiteren Zugriff hätten." Roman Bernreiter, Zahnarzt Zwiesel

Die Patienten würden Bernreiter ihre Daten anvertrauen. Dieses Vertrauen wolle er nicht enttäuschen. Sein Vorschlag: Daten auf einen USB-Stick oder auf dem Chip der Verischertenkarte speichern. Doch davon ist keine Rede bei der Gematik. Fachleute sehen diesen Vorschlag als abwegig an.

💡 Fakten zur E-Patientenakte

Die ePA ist kostenlos und soll Arztpraxen, Krankenhäuser und Apotheken untereinander vernetzen und Arbeitsschritte digitalisieren. Doppeluntersuchungen sollen so vermieden und Patienten schnellst- und bestmöglich behandelt werden. Vor allem in Notfällen soll die ePA Rettungskräften bei der Behandlung helfen. Vom Bayerischen Roten Kreuz (BRK) heißt es auf Anfrage, dass die Informationen mithilfe der ePA begrüßenswert seien, sie könnten im Ernstfall Leben retten. Dennoch: "Unsere Rettungskräfte können vor Ort nicht minutenlang Patientenakten durchforsten und auf Aktualität prüfen, das liegt auf der Hand."

Um die ePA nutzen zu können, bieten Krankenkassen ihren Versicherten App-Lösungen an. Die Verbraucherzentrale Bayern beispielsweise sieht es als problematisch an, dass eine App für die ePA-Nutzung Voraussetzung ist. "Das könnte dazu führen, dass ältere Menschen und solche, die das nicht wollen – unter anderem aus Datenschutzgründen –, dass sie dem trotzdem unterworfen sind und ausgeschlossen werden."

Zunächst müssen die Patienten ihre Daten bzw. Befunde, Röntgenbilder etc. selbst hochladen. Einzelne Dokumente freigeben, das ist aber erst ab 2022 möglich. Das stößt bei Datenschützern sowie Ärzten auf Kritik. Denn so könnte ein Zahnarzt, dem die ePA freigegeben wurde, auch sehen, dass die Patienten beispielsweise wegen Depressionen in psychiatrischer Behandlung seien.

Das stellt einen Grund dar, warum auch viele Psychotherapeuten der ePA kritisch gegenüberstehen. Einige Psychotherapeuten und Ärzte haben sich deshalb beispielsweise im Bündnis "Gesundheitsdaten in Gefahr!" zusammengeschlossen. Sie sehen den Datenschutz und die ärztliche Schweigepflicht unter anderem durch die ePA in Gefahr. Im Dezember 2019 haben sie deswegen eine Petition im Bundestag eingereicht.

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Seit Januar haben alle gesetzlich Krankenversicherten Anspruch auf eine elektronische Patientenakte, kurz ePA. Sie bündelt die Krankheits-Geschichte von Patienten digital. Doch es gibt viel Kritik an der ePa.

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