Zurück zur Startseite
Bayern
Zurück zur Startseite
Bayern

Ekel-Wurst in ganz Bayern sichergestellt | BR24

© BR

Ekel-Wurst aus Hessen wurde flächendeckend in ganz Bayern verkauft. In Hunderten Betrieben wie Kantinen, Restaurants, Krankenhausküchen und Supermärkten musste Ware sichergestellt werden, bestätigen die Landkreise auf Anfrage des BR.

43
Per Mail sharen
Teilen
  • Artikel mit Audio-Inhalten
  • Artikel mit Video-Inhalten

Ekel-Wurst in ganz Bayern sichergestellt

Ekel-Wurst aus Hessen wurde flächendeckend überall in Bayern verkauft. In Hunderten Betrieben wie Kantinen, Restaurants, Krankenhausküchen und Supermärkten musste Ware sichergestellt werden, bestätigen die Landkreise auf Anfrage des BR.

43
Per Mail sharen
Teilen

Vor zwei Wochen wurde bekannt, dass Wurstwaren der hessischen Firma Wilke mit lebensgefährlichen Keimen verseucht sind. Besonders für Kinder, Schwangere und Senioren kann die mit Listerien belastete Wurst gefährlich werden. Deshalb hat Lebensmittelkontrolleurin Iris Fuchs aus Bayreuth auch zuerst Kindertagesstätten und Seniorenheime abtelefoniert, als sie die Lebensmittelwarnung Anfang Oktober auf den Tisch bekommen hat.

Lebensmittelkontrolleure warnten Kitas und Heime zuerst

Allein in Bayreuth wurde die verunreinigte Wilke Wurst an 63 Abnehmer geliefert; auch an Gaststätten oder Großhändler. Alle mussten die Wurst aus dem Verkehr ziehen, erklärt Iris Fuchs. Sie macht auch Stichproben vor Ort, geht in Lagerhallen und begutachtet die zurückgerufene Ware.

"Bei uns hat es sich um die Pizza-Salami gehandelt, die muss ordnungsgemäß entsorgt werden, die darf nicht mehr in den Lebensmittelverkehr gelangen und muss zum Beispiel verbrannt werden." Iris Fuchs, Lebensmittelkontrolleurin

Eine Anfrage des Bayerischen Rundfunks an alle 96 bayerischen Landkreise und kreisfreien Städte zeigt: Wilke Wurst wurde flächendeckend in ganz Bayern verkauft.

Ekel-Wurst an Hunderte Betriebe in Bayern geliefert

Allein in München seien 1.000 Betriebe mit der belasteten Wurst beliefert worden, schreibt uns die Pressestelle, in Regensburg waren es 130 Betriebe, in Regen in Niederbayern 60, im Landkreis Rosenheim 120.

Alle Betriebe einzeln anzufahren, ist für die Lebensmittelkontrolleure unmöglich. Die Stadt München schreibt, man habe etwa ein Drittel der Betriebe kontrolliert, im Landkreis Rosenheim wurden 100 Betriebe angefahren und überprüft. 100-prozentige Sicherheit, dass alle belasteten Wurstwaren aus dem Verkehr gezogen sind, gebe es aber nicht, räumen einzelne Landratsämter ein. Denn auch Endkunden können belastete Wurstwaren noch in ihrem Kühlschrank haben.

SPD-Abgeordneter von Brunn: "Zeitbomben im Kühlschrank"

Der verbraucherschutzpolitische Sprecher der Landtags-SPD, Florian von Brunn, ist besorgt: Er erinnert an den Skandal um die bayerische Großmetzgerei Sieber vor einigen Jahren.

"Da sind acht Menschen vor allem in Süddeutschland an Listerien gestorben. Der Einzelhandel müsste Aushänge machen, man müsste auf breiter Front die Menschen darüber informieren, was Sie vielleicht für gefährliche Zeitbomben im Kühlschrank haben." Florian von Brunn, SPD-Landtagsabgeordneter

Was nicht ausreichend und überall passiert, kritisiert auch der Verbraucherzentrale Bundesverband. Warnhinweise müssten gut sichtbar platziert werden.

Wilke Wurst unter anderem Namen als Eigenmarke verkauft

Dazu kommt: Der Name Wilke findet sich oft nicht auf den Etiketten der Wurstwaren. Denn die werden unter dem Namen verschiedener Eigenmarken in Discountern und im Großhandel vermarktet. Nur, wer sich mühsam auf der Webseite lebensmittelwarnung.de durchklickt, findet eine Liste mit den Produkten.

Wer an der Frischtheke Wurst gekauft hat oder in der Kantine gegessen hat, hat oft gar keine Chance mehr, nachzuvollziehen, ob es sich um Wilke Wurst gehandelt hat.

"Welche Wurst ist im Wurstsalat, welche Wurst ist auf der Pizza? Das ist für viele Verbraucher erst jetzt ein Thema geworden." Jutta Jaksche, Verbraucherzentrale Bundesverband

Verbraucherschützer fordern mehr Transparenz

Der Verbraucherzentrale Bundesverband beklagt schon länger, dass Hersteller und Herkunft der Lebensmittel nicht auf der Verpackung angegeben werden müssen. Laut Gesetz reicht auch der Importeur oder der Händler.

Auch Andreas Winkler von der Verbraucherschutzorganisation Foodwatch fordert: Mehr Transparenz für die Verbraucher. Behörden müssten per Gesetz verpflichtet werden, Mängel sofort öffentlich zu machen, fordert Winkler.

"Dann wäre ein solcher Fall wie Wilke, wo seit Monaten Hygiene-Mängel bekannt waren, nur schwer vorstellbar. Der Fall Wilke zeigt exemplarisch, was alles schief gehen kann bei der Lebensmittelüberwachung." Andreas Winkler, foodwatch

Denn: Die Missstände – Schimmel, Gestank, Listerien – waren schon lange bekannt.

Hygienemängel bei Wilke schon länger amtlich bekannt

Bei Wilke hatten Kontrolleure ekelhafte Zustände vorgefunden. Verschimmelte Wurst war einfach abgewaschen und verkauft worden; in einem Lagerraum hatte sich schon stinkende Flüssigkeit am Boden gebildet – und diese hatte sich auch in anderen Räumen verteilt.

Das Land Hessen sei bereits im August darüber informiert worden, der Betrieb wurde aber erst Anfang Oktober geschlossen und die giftige Ware aus dem Verkehr gezogen. Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner, CDU, lässt auf BR-Anfrage mitteilen, sie wolle wissen, wo die Schwachstellen vor Ort liegen. Sie verlange schnelle Aufklärung, damit sich solche Fälle nicht wiederholen.

Listeriosefälle wegen verkeimter Wurst in Bayern

Deutschlandweit sind drei Menschen an der kontaminierten Wilke-Wurst gestorben. Auch in Bayern gab es drei Listeriose-Erkrankungen, die das Robert-Koch-Institut mit Hilfe von Tests zweifelsfrei mit der Wurst aus Hessen in Verbindung bringen konnte.

Insgesamt sind in Bayern seit Jahresanfang 58 Listeriose-Fälle bekannt geworden. Wie das LGL jetzt mitteilte, stehen sie nicht im Zusammenhang mit Wilke Wurstwaren.

Mehr Personal und härteres Durchgreifen

Die Zahl der Lebensmittelrückrufe pro Jahr hat sich seit 2012 mehr als verdoppelt. Das bedeutet: Es gibt viel zu tun für Lebensmittelkontrolleure wie Iris Fuchs aus Bayreuth. Sie fordert: Mehr Personal für die Überwachung, ein konsequentes Durchgreifen.

"Es darf nicht nur draußen gequatscht werden nach dem Motto: Das darfst du nicht mehr machen! Also wenn er jetzt nicht reinigt und desinfiziert, die Listerien sind ja hauptsächlich ein Reinigungsproblem, dann Androhung von Zwangsgeld: Und wenn er es zum 2. Mal nicht macht, geht auch eine Betriebsschließung schneller." Iris Fuchs, Fachbereichsleiterin Veterinärwesen und Verbraucherschutz am Landratsamt Bayreuth

Laut dem Bundesverband der Lebensmittelkontrolleure ist der Personalmangel gravierend. Demnach konnten die Behörden vor Ort im Jahr 2018 nur etwa 42 Prozent der notwendigen Kontrollen durchführen.

© BR24

Schimmel, Gestank und lebensgefährliche Bakterien auf den Lebensmitteln haben vor gut zwei Wochen zur Schließung der hessischen Firma Wilke Wurst geführt. Die Ekel-Wurst wurde zurückgerufen, für einige aber kam das zu spät.