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© dpa/pa/Robert Guenther

Regenbogenforelle

Jürgen Geist ist Professor für Aquatische Systembiologie an der TU Freising-Weihenstephan. Er forscht an Fischen und auch an zugewanderten Wassertieren wie Signalkrebsen, die er aus dem Flüsschen Moosach in Freising holt. Das Forschungsobjekt wird am Ende verspeist.

"Wenn wir an der Moosach Untersuchungen durchführen und dabei solche Signalkrebse fangen, dann sind wir rechtlich nicht in der Lage sie wieder zurückzusetzen, weil man invasive Arten nicht wieder aussetzen darf. Und in aller Regel werden die gekocht und bei der Weihnachtsfeier serviert." Professor Jürgen Geist

So auch bei der Weihnachtsfeier im vergangenen Jahr.

Verbotenes Tierarzneimittel im Flüsschen Moosach

Was Professor und Studenten zu dem Zeitpunkt nicht wissen: Die Moosach ist im Herbst 2018 mit Malachitgrün verunreinigt. Ein Tierarzneimittel gegen Parasitenbefall, das im Verdacht steht, krebserregend zu sein.

Dem Landratsamt Freising liegt die Selbstanzeige eines Fischereibetriebs vor, der angeblich versehentlich einen unbekannten Stoff in seine Teiche eingebracht hat. Mehrere Fischzuchtbetriebe wurden untersucht, drei von ihnen wegen Verunreinigungen gesperrt.

Bevölkerung erfährt nichts von verunreinigten Fischen

Doch der Professor und seine Studenten erfahren zunächst nichts davon. Ebenso wenig wie die Angler an den Freisinger Wasserläufen und die Freisinger Bevölkerung. Zur Begründung heißt es vom Landratsamt Freising: Es bestehe keine Gesundheitsgefahr.

"Es ist natürlich trotzdem wünschenswert, in solchen Situationen informiert zu sein." Professor Jürgen Geist

So wie Professor Jürgen Geist sehen es vermutlich die meisten Verbraucher. Und nicht nur die.

Bundesverfassungsgericht spricht sich für Transparenz aus

Auch das Bundesverfassungsgericht hat vor ziemlich genau einem Jahr entschieden: Die Öffentlichkeit hat ein Recht auf Information, und zwar auch bei Ekel-Fällen, bei denen die Behörden keine unmittelbare Gesundheitsgefahr sehen. Seitdem veröffentlichen einige Bundesländer wieder Hygieneverstöße. Bayern jedoch nicht.

Die Verfassungsrichter haben in ihrer Entscheidung aber auch Leitplanken zum Schutz der Unternehmen gefordert. Die Behörden müssten sorgfältig prüfen. Außerdem dürfen Veröffentlichungen über Verstöße nach Ansicht der Richter nicht unbegrenzt lange veröffentlicht bleiben.

Streit in der Großen Koalition: Was dürfen Verbraucher erfahren?

Genau das muss jetzt ins Lebens- und Futtermittelgesetzbuch eingearbeitet werden. Dazu haben Bundesregierung, Bundestag und Bundesrat noch bis Ende April Zeit. Einen Gesetzentwurf gibt es bereits, aber die Verabschiedung verzögert sich, will der bayerische SPD-Landtagsabgeordnete Florian von Brunn aus Berlin erfahren haben:

"Es gibt hinter den Kulissen der großen Koalition einen heftigen Streit zwischen SPD und CSU. Die CSU möchte höhere Hürden für die Veröffentlichung einziehen. Ich meine auf Druck der Lebensmittelwirtschaft." Florian von Brunn, SPD-Abgeordneter in Bayern

Krach in der Großen Koalition? Die CSU als Bremser von mehr Transparenz? Dabei hat die Bayerische Staatsregierung nach den diversen Lebensmittelskandalen immer wieder mehr Transparenz versprochen.

Union: Anliegen kleiner und mittlerer Betriebe schützen

Wir fragen nach in der CSU-Landesgruppe in Berlin, doch zu einem Interview ist niemand bereit. Die Unionsfraktion lässt mitteilen, derzeit gebe es intensive Beratungen mit dem Koalitionspartner SPD.

Es gehe darum, eine Lösung zu finden, die die berechtigten Anliegen der Verbraucher ebenso schützt wie die Interessen kleiner und mittlerer Betriebe.

Frist für Gesetzesänderung endet am 30. April

Was aber passiert, wenn die Diskussionen in der GroKo dazu führen, dass die Neuregelung nicht mehr rechtzeitig verabschiedet werden kann vor dem 30. April wie es das Verfassungsgericht fordert? Es wäre das vorläufige Ende der Transparenz in allen Bundesländern, sagt Verbraucherschützerin Jutta Jaksche:

"Man müsste warten, bis ein neues Gesetzgebungsverfahren eine neue Situation bringt und so lange hätten wir Verbraucher überhaupt kein Recht auf Informationen." Jutta Jaksche, Verbraucherzentralen Bundesverband

Lediglich Gefahrenmeldungen dürften dann noch veröffentlicht werden. Davon aber würde vor allem eine Gruppe profitieren: Schwarze Schafe in der Lebensmittelbranche.

Informationsschreiben an Angler nach Ende der Saison

Bis heute ist die Freisinger Bevölkerung nicht offiziell über die Verunreinigungen mit Malachitgrün informiert. Nur an die Inhaber von Fischereirechten entlang der Moosach und ihrer Nebenläufe verschickte das Landratsamt Ende Januar ein Informationsschreiben - zu einem Zeitpunkt, als die Angelsaison längst vorbei ist und der Fang verzehrt.