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Der "Wärschtlamo" gehört seit 150 Jahren zum Stadtbild von Hof. Nach zwischenzeitlich 34 "Wärschtlamännern" sind nun noch sechs aktiv.

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Einzigartig in Deutschland: Hofer "Wärschtlamo" wird 150

Für den kleinen Hunger zwischendurch gibt es in Hof etwas ganz Besonders: Die "Wärschtlamänner" stehen mit Wurstkessel am Straßenrand. Bundesweit einzigartig seit 150 Jahren. Das wird jetzt groß gefeiert – mit Gedicht, Bier und einer Ausstellung.

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Von
  • Annerose Zuber
  • BR24 Redaktion

Marcus Traub übt einen Beruf aus, den es in ganz Deutschland nur noch in Hof gibt: "Ich bin Wärschtlamo – auf gut Deutsch, ich bin ein mobiler Wurst-Verkäufer." Vor einem Supermarkt am Hofer Stadtrand steht der 53-Jährige mit der wohl kleinstmöglichen Form der Gastronomie: Ein Messingkessel und ein Brötchen-Korb – fertig ist die ganz spezielle Hofer Art des Fast Foods.

Messingkessel für Würste wird mit Holzkohle erwärmt

Zum Sortiment gehören ausschließlich Brühwürste: Paarweise garen zum Beispiel Wiener, Weißwürste, Käseknacker, Debrecziner oder Bauernwürste im rund 80 Grad warmen Wasser im blankpolierten Messingkessel. Und den befeuern Marcus Traub und seine fünf Kollegen ganz traditionell mit Holzkohle. Genau wie vor 150 Jahren.

Wurzeln der Wärschtlamänner bis in die Spätantike

Am 6. September 1871 gab es den ersten Eintrag eines "Wursthändlers" im Gewerberegister der oberfränkischen Stadt. Das Essen unterwegs auf die Hand ist allerdings viel älter, war schon in der Spätantike in Europa verbreitet. An diese historischen Wurzeln der Hofer Tradition erinnert im Stadtmuseum die Sonderausstellung mit dem Titel in ganz spezieller Hofer Schreibweise: "Mit oder ohne Sempft? – 150 Jahre Hofer Wärschtlamo". Sie wird am Sonntag, dem Internationalen Museumstag eröffnet. Ab 11 Uhr werden dort auch 150 Paar Würstchen kostenlos verteilt. Solange coronabedingt die Museumstüren noch geschlossen sind, gibt es auf der Internetseite des Museums ab Sonntag viele Einblicke in die Wärschtlamo-Geschichte, unter anderem mit historischen Filmen.

Nur in Hof hat sich Tradition bis heute gehalten

Würstchen-Verkäufer, die durch die Straßen ziehen, gab es seit Ende des 19. Jahrhunderts auch in Wien, Berlin und in vielen anderen Städten. Doch einzig und allein in Hof hat sich diese Tradition bis heute gehalten, betont Museumsleiterin Magdalena Bayreuther. Nachahmer in anderen Städten wie zum Beispiel 2003 in München hatten keine Chance, wie ein Blick in die Ausstellung zeigt.

Leben ohne "Wärschtlamänner" nicht vorstellbar

Doch in Hof können sich viele Menschen ein Leben ohne Wärschtlamo kaum vorstellen, sogar ein Gedicht haben sie ihrem Hofer Wahrzeichen schon gewidmet. Egal ob Banker, Ärztin, Rentnerin oder Schüler: Für viele gehört der Stopp bei einem der insgesamt sechs Hofer Wärschtlamänner ganz selbstverständlich zur Mittagspause oder zum Stadtbummel. "Einmal die Woche muss es auf jeden Fall sein. Und wenn wir aus dem Urlaub heimkommen, führt unser erster Weg immer zum Wärschtlamo", erzählt eine Mitfünfzigerin lachend, während Marcus Traub ihr ein Paar Käseknacker in das knusprig-röschgebackene Brötchen steckt.

"Ich habe viele Stammkunden. Nicht immer weiß ich ihre Namen, aber ich weiß immer, welche Wurstsorte sie am liebsten essen." Marcus Traub, Hofer Wärschtlamo

Zum Wärschtlamo-Kult gehört Geselligkeit

Zum warmen Imbiss gibt es auch immer noch Small-Talk kostenlos dazu – vom Wetter bis zur kleinen und großen Politik. Diese Geselligkeit am Straßenrand prägt den Wärschtlamo-Kult. Und mit diesem Alleinstellungsmerkmal werben gerne auch Firmen aus der Region oder die Stadtverwaltung. Außerdem werden die Wärschtlamänner regelmäßig auch für Firmen-Events oder Auftritte auf Messen wie zum Beispiel der "Grünen Woche" gebucht.

Wärschtlamänner sind eine Institution in Hof

Und zuhause in Hof haben Marcus Traub und seine Kollegen auch immer Tipps für Touristen oder werfen zum Beispiel auch ein Auge auf Kinder, die beim Einkaufsbummel verloren gegangen sind. "Wir sind inzwischen eine Institution in der Stadt", freut sich Cetin Samat, einer der dienstältesten Wärschtlamänner.

Jubiläums-Ausstellung zum 150. Geburtstag

Das spürt man auch beim Gang durch die Ausstellung im Hofer Stadtmuseum. Das Theater Hof hat extra ein eigenes Gedicht fürs Jubiläum verfasst und auch viele Hoferinnen und Hofer sind dem Aufruf der Museumsleiterin gefolgt und haben ihre ganz persönlichen Geschichten rund um die Kult-Figur "Wärschtlamo" aufgeschrieben. Zum Beispiel auch ein gebürtige Hofer, in dessen Münchner Wohnzimmer seit Jahrzehnten ein Original-"Wärschtlamo"-Kessel einen Ehrenplatz hat. "Einmal im Jahr wird er angefeuert, damit auch die Münchner Freunde im Exil ein Stück Hofer Lebensqualität erleben können", freut sich Museumsleiterin Magdalena Bayreuther.

In den Ausstellungsvitrinen finden sich zum Teil skurrile Liebeserklärungen an den "Wärschtlamo": Zum Beispiel eine Kerze aus 60er Jahren oder das Trikot des Hofer Eishockey-Vereins, bei dem die Rückennummern aus Würstchen geformt sind.

Wer selbst mal in die Rolle des "Wärschtlamos" schlüpfen will, darf den Messingkessel mal eine Runde durchs Museum tragen. Und bekommt so auch ein Gefühl für diesen Knochenjob. Früher haben die Wärschtlamänner – und auch immer wieder einige Frauen – den heißen Kessel an Lederriemen über die Schulter gehängt, sind zu Fuß durch die Stadt gezogen und haben vor allem vor den zahlreichen Textilfabriken den Hunger der Kunden gestillt.

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Im Hofer Stadttheater kann der "Wärschtlamo"-Kupferkessel probegetragen werden.

Streit ums Logo wird zum "Wärschtla-Gate"

Vom Schnaps-Glas, über den Faschingsorden der Hofer Karnevalsgesellschaft "Narhalla" bis zum Wischtuch: Überall prangt das "Wärschtlamo"-Logo aus den 80er Jahren. Und als das jetzt zum Jubiläum von der Stadt umgestaltet wurde, gab es in der Lokalpresse und im Internet einen regelrechten Shitstorm.

Das neue Logo musste daher nochmals überarbeitet werden. Sobald der Streit endgültig geklärt ist, will die Stadt dann beispielsweise Senf, Pralinen oder Schnaps mit dem Konterfei der Hofer Kultfigur anbieten. Unter dem Hashtag #wärschtlagate ist es schon mal Thema in der Ausstellung.

Traumberuf "Wärschtlamo"

Heutzutage sind die Lizenzen für die selbstständigen "Wärschtlamänner" eigentlich auf feste Standplätze in der Innenstadt beschränkt. Doch weil im Lockdown dort kaum ein Geschäft zu machen ist, haben sich "Wärschtlamänner" nun vorübergehend Ausweichquartiere gesucht, oft vor Supermärkten.

Und da stehen sie bei Wind und Wetter: Ob bei minus 27 oder plus 30 Grad. "Wärschtlamänner" sind fast durchgehend das ganze Jahr im Einsatz. Und genauso wie jeder seine eigene Wurst-Auswahl aus dem Angebot der verschiedenen Hofer Metzger präsentiert und ein Geheimrezept für den Sud hat, schwört auch der eine eher auf Daune, der andere dagegen auf Schaffell als passende Ausrüstung unter der klassischen "Wärschtlamo"-Schürze. Einig sind sich aber alle: "Wärschtlamo" ist ihr Traumberuf. Egal, ob sie vorher bereits klassisch schon als Wirt oder in der Textilindustrie gearbeitet haben:

"Der Blick zum Wärschtla-Kessel bewirkt ein Strahlen in den Augen der Kundschaft. Und das ist das Schöne an unserem Beruf." Cetin Samat , Wärschtlamo in Hof

Denkmal und Bier für die "Wärschtlamänner"

Übrigens – schon vor Jahren haben die Hofer ihren "Wärschtlamännern" sogar ein eigenes Denkmal aus Stein mit in der Innenstadt gesetzt. Und zum 150. Geburtstag gibt es nun von einer Hofer Brauerei passend zu den heißen Würsten auch ein eigens gebrautes "Wärschtlamo"-Bier namens "SchlaWienerla". Und für Anfang September plant die Stadt einen großen Festakt - genau 150 Jahre nach der ersten offiziellen Erwähnung eines "Wärschtlamos" ins Hof.

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