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Einzelfälle? Allein sterben in der Corona-Krise | BR24

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Offiziell gilt: Trotz Pandemie dürfen sich Familien von sterbenden Angehörigen verabschieden – ob im Pflegeheim oder im Krankenhaus, ob mit Corona oder ohne. Doch nicht immer ist das möglich.

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Einzelfälle? Allein sterben in der Corona-Krise

Offiziell gilt: Trotz Pandemie dürfen sich Familien von sterbenden Angehörigen verabschieden – ob im Pflegeheim oder im Krankenhaus, ob mit Corona oder ohne. Doch nicht immer ist das möglich.

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Von
  • Elsbeth Bräuer

Horst Maier hat noch die Karte. "Werd gsund Mama", steht drauf. Im Dezember lag seine Mutter nach einem Sturz in einer Münchner Klinik. Wegen des Corona-bedingten Besuchsverbots konnten ihre Kinder die 94-Jährige nicht sehen. Die Mutter wurde zeitweise positiv getestet. Als sich ihre Situation verschlechterte, bot die Familie an, eigens für sich Schutzkleidung zu kaufen – doch Besuche waren nicht möglich. Eines Morgens kam dann die Nachricht, dass sie verstorben ist.

Abschiednehmen war nicht möglich

Beim Erzählen hat Maier immer wieder Tränen in den Augen. "Das Allerschlimmste war, dass man das Gefühl hatte, wir hätten vielleicht durch Gespräche sie aufmuntern oder noch irgendetwas bewegen können. Diese Ungewissheit, das ist schrecklich." Auf BR-Nachfrage schreibt das Krankenhaus, der Tod sei zu schnell eingetreten, um den Abschied planen zu können. Der Klinik macht Horst Maier keinen Vorwurf. Aber die Familie leidet darunter, sich nicht verabschiedet zu haben.

Offiziell ist die Begleitung Sterbender jederzeit zulässig

Vom Gesundheitsministerium heißt es: Die Begleitung Sterbender ist "jederzeit zu gewährleisten". Einschränkungen, wie lange der Besuch dauern darf und wie viele Angehörige zugelassen sind, gebe es nicht. Ebenso wenig gelte die Abstandspflicht. Sterbebegleitung ist auch explizit von der Ausgangssperre ausgenommen.

Regeln vor Ort sind unterschiedlich

Aber wie sieht das konkret aus? Ruft man die Kliniken an, heißt es meist: Entschieden wird im Einzelfall und in Absprache mit den Ärzten. Je nach Station ist in manchen Krankenhäusern nur eine Person am Tag als Besucher zugelassen, in anderen mehr. Bei manchen ist es eine Stunde am Tag, in anderen gibt man Familien mehr Zeit.

Mancherorts sind enge Familienangehörige, aber keine Freunde als Besucher erlaubt – etwa am Klinikum Nürnberg. Auch wer Corona-positiv ist, darf dort nicht kommen. Wann das Sterben beginnt, ist Auslegungssache. Ob das die letzten paar Stunden oder Tage sind, hängt meist von der Einschätzung der Ärzte ab – wobei Menschen natürlich auch unerwartet und schnell versterben können. Auch für das Behandlungsteam sind solche Situationen oft belastend.

"In der Regel läuft es sehr gut"

Bei der Bayerischen Krankenhausgesellschaft ist man mit der Sterbebegleitung zufrieden, sagt Pressesprecher Eduard Fuchshuber. Ausnahmen könnten aber vorkommen, wenn etwa eine Station mit Covid-Patienten überfüllt ist, zu wenig Personal da sei oder Notfälle dazukämen. Dass die Regeln individuellen Spielraum bieten, findet Fuchshuber gut. "Bei pauschalen Vorgaben ist die Gefahr, dass sie zu streng sind." Zu unterschiedlich seien die Kliniken, das Infektionsgeschehen und auch bauliche Gegebenheiten – etwa gesonderte Eingänge, Räumlichkeiten und Testmöglichkeiten.

Auch viele Pflegeheime ermöglichen eine würdige Sterbebegleitung – auch bei einem akuten Corona-Ausbruch. Im Isabella-Braun-Heim in Jettingen im schwäbischen Günzburg etwa dürfe die Familie zu Sterbenden aufs Zimmer, solange sie wolle. "Wir bitten darum, dass nicht gerade zehn Leute kommen", sagt Einrichtungsleiter Christian Zanke. "Aber wenn es vier Kinder sind, ist das halt so."

Pflegeschutzbund spricht von "gehäuften Einzelfällen"

Der BIVA-Pflegeschutzbund hat den Eindruck, dass sich vor allem in Bayern Pflegeheime zunehmend abschotten. In der Folge gebe es deutschlandweit "gehäufte Einzelfälle", in denen Angehörige Sterbende nicht begleiten konnten. "Wir haben von Fällen gehört, wo Angehörige entscheiden mussten, wer sich persönlich verabschieden darf und wer nicht bzw. nur per Videotelefonie." Ihrer Erfahrung nach tritt das Problem dann vermehrt auf, wenn die Verordnungen viel Spielraum lassen oder die Heimleitungen unter Stress stehen.

Bei Problemen rät man, sich die Landesverordnung genau anzuschauen, mit der Heimleitung zu sprechen und im Zweifel Gesundheitsamt und FQA (Fachstelle für Pflege und Behinderteneinrichtungen – Qualitätsentwicklung und Aufsicht, auch bekannt als Heimaufsicht) zu kontaktieren. Die FQA sind bei den Landratsämtern und kreisfreien Städten angesiedelt Man kann sich auch direkt ans bayerische Gesundheitsministerium wenden.

Wie viele Fälle es gibt, ist unklar

Doch eine offizielle Beschwerde legen offenbar wenige ein. Nach eigener Aussage kennt das Gesundheitsministerium nur einen Fall, in dem jemand einsam versterben musste. Auch dem Medizinischen Dienst der Krankenversicherung Bayern liegen nur wenige Beschwerden vor. Für den Pflegeexperten Claus Fussek heißt das wenig. "Viele Menschen haben resigniert. Sie denken: Den Anruf kann ich mir schenken", sagt er. Außerdem hätten viele Angst, dass ihre Angehörigen bei einer Beschwerde schlechter behandelt werden –"sogar, wenn sie im Sterben liegen".

Beim Hospizdienst DaSein in München verzeichnet man in der zweiten Welle mehr Nachfrage nach Sterbebegleitung zuhause. Auch deshalb, vermutet Sozialpädagogin Annelise Heilmann, weil die Menschen Krankenhaus oder Pflegeheim zu vermeiden versuchen. "Ich glaube, das sind wichtige Gründe – die Angst, isoliert zu werden und keine Besuche mehr zu bekommen." Weil sich die Regeln ständig ändern, würde eine Mitarbeiterin täglich Heime abtelefonieren, ob eine Begleitung stattfinden kann. Abschiednehmen ist wichtig, sagt ihre Kollegin Heike Beck. "Diese nicht stattfindenden Abschiede werden wir noch auffangen müssen." Fehle etwa ein letztes Gespräch, falle auch das Begreifen des Todes oft schwerer.

Zwischen Infektionsschutz und Sterbebegleitung

Die Palliativmedizinerin Claudia Bausewein untersucht gemeinsam mit anderen Forschenden, wie die Versorgung schwerkranker und sterbender Menschen in der Krise gestemmt wurde. Ein Zwischenfazit: Es gab "Hinweise, dass eine ausreichende Palliativversorgung zeitweise nicht möglich" war. Der gute Wille sei da. Trotzdem müsse man immer wieder an Einrichtungsleitungen appellieren. Manchmal fehle es auch an Erfahrung mit Sterbenden. "Ich glaube, da ist ein Stück weit eine Unsicherheit, zum Beispiel auf den Akutstationen", sagt sie.

Allerdings habe man aus der ersten Welle gelernt, sagt Bausewein. "Wir haben Schutzkleidung. Es gibt jetzt auch vermehrt Konzepte mit Testungen vor den Besuchen." Dass Sterbebegleitung laut Gesundheitsministerium explizit erlaubt ist, hält sie für positiv. Wie diese umgesetzt wird, dürfe nicht dem Zufall oder einer Entscheidung mitten in der Situation überlassen werden. Bausewein will gemeinsam mit anderen Forschenden bis März eine Nationale Strategie dazu erarbeiten. Horst Maier wünscht sich rasche Hilfe, damit solche Situationen nicht mehr vorkommen: etwa separate Besuchsräume oder mehr Hilfe beim Telefonieren.

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