Anfang Juni mussten 99 Schüler und acht Lehrer aus dem Raum Ludwigshafen im Kleinwalsertal aus Bergnot gerettet werden.

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Einsatz am Limit: Die Rettung der 99 Schüler im Kleinwalsertal

Einsatz am Limit: Die Rettung der 99 Schüler im Kleinwalsertal

Anfang Juni mussten 99 Schüler und acht Lehrer aus dem Raum Ludwigshafen im Kleinwalsertal aus Bergnot gerettet werden. Sie hatten eine Bergtour aus dem Internet versucht, die sich als viel zu schwer herausstellte. Wie konnte es so weit kommen?

Seit drei Jahrzehnten ist Andi Tauser aus Oberstdorf als Bergführer und Bergretter tätig und hat viel erlebt. Aber was sich kürzlich im benachbarten Kleinwalsertal abgespielt hat, war auch für ihn neu. "Also ein Erlebnis mit so einer großen Gruppe, dass die in Not geraten ist, das habe ich in der Form nie gehabt, in meiner Bergwacht- und Bergführerzeit nicht", sagt Tauser. Schon Gruppen mit zehn Menschen seien bereits eine Herausforderung.

Beruhigung und "Triage" direkt am Berg

Fast 100 Schüler waren mit ihren Lehrern auf einer vermeintlich einfachen Wanderung in Bergnot geraten und mussten teils per Hubschrauber gerettet werden. Samuel Riezler, Ortsstellenleiter der Bergrettung von Mittelberg und Hirschegg direkt hinter der Grenze im Kleinwalsertal, war live dabei. Auch für ihn war es der erste Einsatz in dieser Größenordnung.

"Als die ersten Bergretter von uns mit dem Hubschrauber zur Einsatzstelle gebracht wurden, und dann war für uns gleich einmal klar: Das ist kein alltäglicher Einsatz, das sind doch ein paar mehr Personen. Und dann ist da oben auch schon so eine gewisse Panik entstanden bei den Schülern, weil einfach nicht klar war, wie die wieder runter kommen, denen war kalt, da ist ein Hubschrauber geflogen, es war laut."

Die Bergretter versuchten die Schülerinnen und Schülern noch auf dem Grat zu beruhigen. "Dann haben wir natürlich auch so ein bisserl triagiert, das heißt, wir haben wirklich geschaut, dass die, die am meisten Angst hatten, zuerst vom Grat runterkommen."

"Feierabendrunde" für Erfahrene – nicht für Anfänger

Gefunden hatten die Lehrer die Tourenbeschreibung im Internet. Im Text taucht das Wort "Feierabendrunde" auf, was Medienvertreter zu vorschneller Kritik am angeblich verantwortungslosen Autor verleitete. Doch der Text richtet sich klar an erfahrene Bergsteiger und die Schwierigkeit der Tour war ganz konkret formuliert. "Für uns, die viel in die Berge gehen, ist das schon auch eine Feierabendrunde, das kann man schon so sagen, dass man da kurz hochspringen kann", erzählt Riezler. Wichtig sei aber, dass man solche Apps oder solche Beiträge wirklich genau durchlesen müsse.

Als Wanderschwierigkeit wird im Blog "T4" angegeben: Die auf der Seite verfügbare Definition spricht von "exponiertem Gelände", von "festem Schuhwerk" und "alpiner Erfahrung". Dazu kommt die Kletterschwierigkeit "1" nach der UIAA-Skala (Union Internationale des Associations d’Alpinisme) und der Hinweis: "Anfänger müssen am Seil gesichert werden."

"Aneinanderreihung von ungünstigen Entscheidungen"

Werden Berge ohne abschreckende Felszacken und klar ersichtliche Gefahrenstellen von Laien nicht ernst genug genommen? "Die Allgäuer Berge bei uns werden allgemein unterschätzt, da zählt auch das Kleinwalsertal dazu. Das wirkt einfach, wenn man vom flachen Land hierher kommt ganz angenehm und vor allem auch nicht gefährlich. Das steckt im Detail drin, dass es trotzdem steile Aufschwünge gibt, felsdurchsetzt, und dann können eben solche Passagen kommen", sagt Bergführer Andi Tauser. Die Heubergtour ist ein Paradebeispiel für solch unsichtbare Gefahren.

Tauser zieht ein klares Fazit aus der Sache. "Wenn man das insgesamt anschaut, dann war es eine Aneinanderreihung von ungünstigen Entscheidungen. Angefangen hat es bei der Recherche, da steht UIAA 1 drin bzw. T4 und da wäre eigentlich die Tour für die Gruppe schon rausgefallen. Dann ist es wichtig, dass bei so einer Gruppe jemand vorneweg geht, der das ganze Gelände beurteilt, Entscheidungen trifft, ob man weitergeht oder umdreht, und das ist in dem Fall leider zu spät gekommen bzw. sind die Kinder vorangegangen. Das Gute ist an der Geschichte, dass das Ganze relativ glimpflich abgegangen ist und man hoffentlich aus der Geschichte was lernt."

Bergwanderungen müssen besonders gut vorbereitet sein, sonst wird es schnell lebensgefährlich. Und wer sich selbst vor Ort nicht auskennt: erfahrene Einheimische fragen.

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