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Bildrechte: dpa-Bildfunk/Bodo Schackow

Viele Kinder und Jugendliche leiden so stark unter den Corona-Beschränkungen, dass sie krank werden. Kliniken verzeichnen mehr Fälle an Essstörungen und Depressionen. Es trifft alle Familien - unabhängig vom Geldbeutel.

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Einsamkeit und Essstörungen: Wie die Generation Corona leidet

Distanzunterricht, Notbetreuung, Kontaktbeschränkungen: Viele Kinder und Jugendliche leiden so stark darunter, dass sie krank werden. Kliniken verzeichnen mehr Fälle von Essstörungen und Depressionen.

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Von
  • Astrid Uhr
  • Carola Brand

Eine Kinderarztpraxis im schwäbischen Stadtbergen bei Augsburg. Bei der neunjährigen Sophia wird ein Corona-Abstrich gemacht. Kinderärztin Simone Heier trägt Schutzkleidung am ganzen Körper: Einen weißen Overall, Maske, Brille.

Die Kinderärztin weiß, wie furchteinflößend sie für ihre kleinen Patienten aussieht. Deshalb versucht sie den Kindern die Angst zu nehmen: "Wir sehen ja aus wie die Schneemänner, und das sag ich dann auch immer, und manche können dann sogar lächeln."

Kinder haben Angst vor Corona-Infektion

Pro Woche werden in der Praxis etwa 60 Tests gemacht – davon waren bislang etwa zwei Prozent positiv. Viele Kinder haben Angst vor dem Test - und sie haben Angst, selbst mit Corona infiziert zu sein.

Besonders schwer haben es nach Ansicht von Kinderärztin Simone Heier die Jugendlichen. Ihnen würden viele schöne Erlebnisse genommen. Mit dieser Einschätzung trifft sie einen wunden Punkt, bestätigen die von uns befragten jungen Interviewpartner.

Kein Praktikum und auch kein Schüleraustausch mit Australien

Alessia ist 14 Jahre alt und geht in die 9. Klasse. Sie nervt an Corona, dass sie nicht mehr mit Freundinnen ins Kino oder shoppen gehen kann. Eigentlich hätte sie ein Praktikum in einer Tierarztpraxis gehabt. "Das fällt jetzt auch leider aus", erzählt Alessia und meint bedauernd: "Das hätte mir bestimmt sehr gut gefallen."

Der 17-jährige Jonathan steht kurz vor dem Abitur. Ihn stört am meisten, dass er nicht mehr im Verein Fußball spielen kann und auch die Fitness-Studios zu haben. Langweilig sei es, die ganze Zeit zuhause zu verbringen, und auch schwierig, sagt er.

Auch Lucia,16 Jahre alt, leidet unter den Kontaktbeschränkungen. Sie sei ein geselliger Mensch und habe sich immer gerne in Freundesgruppen getroffen.

"Ich finde es jetzt schon sehr schade, dass es nicht mehr geht. Ich wäre eigentlich nach Australien geflogen, als Schüleraustausch. Das geht auch nicht. Aber: Da muss man jetzt halt einfach durch." Lucia, 16, 10. Klasse

Junge Menschen brauchen ihre Peer-Group, ihre Kontakte mit Gleichaltrigen, um sich als soziales Wesen in der Gruppe zu entwickeln, um sich auszutauschen, eigene Interessen zu entdecken. Doch all das geht im Moment nicht. Das hat Folgen.

Caritas: Verbot von Nähe kann Grundvertrauen erschüttern

Wie geht es den Kindern und Jugendlichen konkret in Bayern? Das wollen wir von allen bayerischen Jugendämtern wissen, denn hier laufen die Rückmeldungen aus der Praxis zusammen: von Streetworkern, Sozialarbeitern, Betreuern aus Kinderheimen und von ambulanten Erziehungshelfern, die Familien besuchen. Nachgefragt haben wir auch bei der kirchlichen Jugendhilfe von Caritas und Diakonie.

Freunde zu verlieren, Oma und Opa nicht mehr zu sehen, einsam zu sein: Das sind aktuell die größten Sorge junger Menschen, darin sind sich die Mitarbeiter der Jugendhilfe einig. Sozialarbeiter der Caritas München geben zudem zu bedenken:

"Die Erfahrung, dass es schlecht und gefährlich ist, anderen Menschen nahe zu kommen, kann das Grundvertrauen der Kinder erschüttern und sich negativ auf die Beziehungsfähigkeit auswirken." Caritas München

Jugendämter: Kluft zwischen arm und reich vertieft sich

Jugendliche sorgen sich auch um ihren Lernerfolg, so die Rückmeldung der Jugendämter, insbesondere leistungsschwache Schülerinnen und Schüler drohen weiter zurückzufallen. Die technische Ausstattung und die Unterstützung der Eltern seien sehr unterschiedlich.

Beim Thema Homeschooling zeigten sich die sozialen Unterschiede der Herkunftsfamilien sehr deutlich, meldet die Stadt Bayreuth. Die Kluft zwischen sozial schwachen Kindern und besser gestellten hat sich nach Einschätzung des Jugendamtes Bayreuth "weiter vertieft".

Mehr junge Menschen äußern Selbstmordabsichten

Erschreckend klingt, was das Sozialreferat München auf Anfrage schreibt: Junge Menschen aus schwierigen Familienverhältnissen äußerten nun auch vermehrt Selbstmord-Absichten.

"Es häufen sich bei den Betreuten psychische Krisen und führen u.a. zu suizidalen Äußerungen/ Handlungen, Klinikeinweisungen." Sozialreferat München

Dabei stützt sich die Behörde auf die Aussagen von Pflegeeltern und anderen gesetzlichen Betreuern, die sich ergänzend oder als Ersatz von leiblichen Eltern um Kinder kümmern.

Corona belastet die Seele von Jugendlichen

Eine repräsentative Studie der Universitätsklinik Hamburg-Eppendorf zeigt: Psychische Auffälligkeiten haben sich seit dem ersten Lockdown im Frühjahr 2020 bei Kindern nahezu verdoppelt. Immer mehr Kinder leiden an Übelkeit, an Kopf- und Bauchschmerzen.

Das kann Sigrid Aberl bestätigen. Sie ist Chefärztin der Klinik für Kinder- und Jugendpsychosomatik in München-Schwabing und sagt, die Klinik bekomme zunehmend Anfragen von jungen Patientinnen und Patienten mit Essstörungen.

Zugenommen habe auch die Schwere der Erkrankung, berichtet die Chefärztin. Viele Betroffene hätten sehr stark an Gewicht verloren oder zeigten auffallend starke psychische Begleiterscheinungen und emotionale Belastungen.

Auch die Jugendämter in Bayern glauben, dass die Folgen von Corona für junge Menschen noch lange nicht absehbar sind. Je länger die Krise dauert, desto gravierender wirkt sie sich auf Bildung, Gesundheit, Ernährung und Wohlbefinden von Kindern und Jugendlichen aus.

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